Aktuelle Nachrichten – International
05.10.2009
Jasnogorsk/Russland – Vor drei Jahrzehnten verarbeitete die Maschinenfabrik von Jasnogorsk Tausende Tonnen Stahl und Eisen zu Einzelteilen für Waggons, Pumpen und Lokomotiven. Heute stehen zwei Drittel der Stanz- und Schweißmaschinen aus Sowjetzeiten still. Statt ehemals 7.000 Beschäftigte sind es nur noch 280. Die weltweite Rezession hat die Fabrik, Hauptarbeitgeber in der Industriestadt, schwer getroffen. Etliche weitere russische Städte, die ebenfalls um eine einzige Fabrik herum gewachsen sind, leiden unter ähnlichen Strukturproblemen.
„Was in unserer Stadt geschieht, hat nichts mit Kapitalismus zu tun“, sagt Alexander Gorbatschow. Der 59-jährige Mechaniker war in der Fabrik angestellt und arbeitet heute in einer kleinen Werkstatt. Um täglich genug Essen auf dem Tisch zu haben, macht Gorbatschow das, was schon Millionen Russen in früheren Krisenzeiten taten: Er baut seine eigenen Kartoffeln, Rüben und anderes Gemüse an. Was er selbst nicht braucht, verkauft er auf dem Markt. „Es ist so, als wären wir wieder im Mittelalter“, sagt er.
Die 1895 eröffnete Fabrik von Jasnogorsk expandierte über die Jahre hinweg. Neben Arbeitsplätzen stellte sie den 18.000 Einwohnern der Kleinstadt soziale Leistungen von medizinischer Versorgung über Kinderbetreuung bis zu Familienferien zur Verfügung. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 strichen die mehrfach wechselnden Eigentümer diese Leistungen immer weiter zusammen. Heute bleiben die Kinder alleine zu Hause, Ärzte und andere Fachleute haben die Stadt verlassen.
„Für meine Kinder gibt es hier keine Zukunft“, sagt Sergej Owsjanikow. „Sie werden wohl wegziehen müssen, sobald sie groß sind.“ Der Installateur weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch sein Fabrikjob gestrichen ist. Er könnte dann an einem Umschulungsprogramm der Regierung teilnehmen oder im 40 Minuten Zugfahrt entfernten Tula nach Arbeit suchen. Einige seiner ehemaligen Arbeitskollegen pendeln bereits täglich drei Stunden nach Moskau. Obwohl er erst 35 Jahre alt ist, fühlt sich Owsjanikow zu alt und zu müde, um zu pendeln, umzuziehen oder sich umschulen zu lassen. „Es ist einfach zu hart“, sagt er. „Wenn ich gefeuert werde, werde ich tun, was ich tun muss. Jetzt warte ich einfach.“
Arbeitslos zu sein ist in Russland etwas anderes als in anderen Industrienationen, sagt Nikolai Petrow, ein Experte für regionale Fragen am Carnegie Center in Moskau. „In Westeuropa ziehst du um, wenn du deinen Job verlierst. Doch in Russland besteht für viele diese Möglichkeit nicht“, sagt Petrow. „In einer ökonomisch angeschlagenen Stadt ist es allein schon unmöglich, deine Wohnung zu verkaufen. Und auch wenn du es schaffst, reicht das Geld nicht, um eine Wohnung in einer größeren Stadt zu kaufen, in der Arbeit zu finden wäre.“
Jasnogorsk ist nur eine von rund 500 Gemeinden in Russland, die um eine einzige Fabrik herum entstanden sind. Einige dieser Fabriken schlossen mit Ende der Sowjetunion einfach, andere wurden zu einem geringen Preis von einer Generation zukünftiger junger Milliardäre erworben. Diese schöpften eher Profit ab als dass sie in die Unternehmen investierten. Während etliche Industriezweige von den Privatisierungen profitiert haben, arbeiten andere nach wie vor ineffizient.
So wurden im 160 Kilometer nördlich von Moskau gelegenen Gus Chrustalny die Arbeiter der örtlichen Glasfabrik mit Kristallvasen bezahlt, weil das Unternehmen kein Geld hatte. Die Fabrikarbeiter von Jasnogorsk schätzen, dass ihnen das Unternehmen insgesamt sechs Millionen Rubel (137.000 Euro) Lohn schuldet.
Nach Einschätzung von Ökonomen würde es einigen der Mono-Industriestädte besser gehen, hätte Russland die notwendigen massiven Investitionen getätigt, um veraltete Industrien schrittweise abzubauen und eine moderne kapitalistische Wirtschaft zu schaffen. Nach wie vor übe die Regierung allerdings mittels protektionistischer Methoden einen starken Einfluss auf die private Wirtschaft des Landes aus, sagt Jewgeny Jassin, ehemaliger Wirtschaftsminister und Direktor der New Economics School in Moskau.
In Jasnogorsk hoffen einige auf ein Eingreifen von Ministerpräsident Wladimir Putin, ähnlich wie in einer wirtschaftlich schwachen Kleinstadt nahe Sankt Petersburg im Juni. Putin hatte den dortigen Fabrikeigentümer des Missmanagements bezichtigt und ihm befohlen, eine Erklärung zur Auszahlung der Löhne zu unterschreiben.
„Ich zahle meine Steuern und tue alles, was ich tun muss“, sagt Owsanikow verärgert. „Aber ich merke nicht, dass das Leben auch nur ein wenig besser wird. In Wirklichkeit wird es deutlich schlechter.“ (AP)
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