Umwelt – „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – Cain Burdeau
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Gift in der Nahrungskette „Aus den Augen, aus dem Sinn“

Cain Burdeau

07.05.2010

Foto: AP Photo/Eric Gay

Foto: AP Photo/Eric Gay

New Orleans (apn) Während alle Welt darauf wartet, dass an der US-Südküste stinkender braunschwarzer Ölschlamm an die weißen Strände schwappt und niedlichen Vogelküken das Gefieder verklebt, nimmt draußen auf hoher See das Unheil schon seinen Lauf. Teerige Ölklümpchen sinken zum Meeresgrund hinab und gefährden buchstäblich jedes Glied der Nahrungskette im Golf von Mexiko, vom Plankton bis zum Speisefisch.

Zwei Wochen nach dem Untergang der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ wollen Spezialisten versuchen, eine gigantische Stahlbetonkuppel über die undichte Stelle in 1.500 Meter Tiefe zu stülpen und das entweichende Öl aufzufangen. Doch die Unterwasserwelt nimmt bereits Schaden, wie Experten befürchten.

„Die Gefährdung des Tiefseehabitats ist schon abgemachte Sache – sie ist im Gange“, erklärt der Meereskundler Paul Montagna von der Universität Texas. Hagelkorngroße Ölklümpchen von teer- oder asphaltartiger Beschaffenheit kullerten auf dem Meeresgrund herum, sagt sein Kollege Robert Carney aus Louisiana. Andere blieben hunderte Meter unter der Wasseroberfläche schwebend hängen und bewegten sich mit der Strömung.

Korallenriffe in Gefahr

Bakterien, Plankton und andere Kleinstlebewesen nehmen das Öl auf, bevor sie von kleinen Fischlein, von Krabben und Garnelen gefressen werden. Die wiederum dienen größeren Fischen wie dem Red Snapper und Säugern wie der Meeresschildkröte als Nahrung. Die Ölbestandteile, die sich in den Meerestieren anreichern, können sie umbringen oder zum menschlichen Verzehr ungeeignet machen.

„Wenn das Öl sich auf dem Meeresgrund absetzt, lässt es kleine Organismen wie Copepoden und Würmchen eingehen“, sagt Montagna. „Wenn diese Nahrung verloren geht, wirkt sich das auch auf die größeren Fische aus.“

Zudem liegt der Unglücksort ausgerechnet in der Nähe des Kontinentalschelfs, wo sich eine Reihe von Korallenriffen erstreckt. Auch Korallen mit ihrem wie versteinert wirkenden Äußeren sind Lebewesen und können durch Öl vernichtet werden. In den Riffs selbst herrscht bunter Artenreichtum; hier leben Fische und Krebse, Kraken und Schwämme und Algen. „Für mich reagieren sie mindestens genauso sensibel auf Ölverschmutzung wie Lebensräume an der Küste“, sagt der Meereskundler James Cowan. „Aber sie befinden sich in tieferem Wasser, deshalb sind sie irgendwie aus den Augen, aus dem Sinn.“

Aus der „toten Zone“ ins Öl

Auch in flacherem Wasser finden sich wichtige Lebensräume, etwa ein Riff aus Austernschale vor der Küste von Mississippi und Alabama, wo Schwämme, Weichkorallen und Seesterne leben und der Red Snapper seine Kinderstube hat.

Das Ökosystem des Golfs leidet ohnehin schon durch die Erosion des Marschlandes und durch den Düngemitteleintrag aus der Landwirtschaft. Wucherndes Algenwachstum lässt jeden Sommer ein großes Gebiet umkippen. Mangels Sauerstoff flieht aus der „toten Zone“ jedes Getier – dieses Jahr wahrscheinlich direkt hinein in die ölige Brühe. „Wir fragen uns immer, wann wir an den Punkt kommen, wo der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt“, sagt Montagna. „Irgendwann muss man sich fragen, ob wir katastrophale Verluste erleben werden.“ (AP)

(Cain Burdeau ist Korrespondent der AP)

 

 

 

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