Aktuelle Nachrichten – Welt
24.01.2010
Foto: Thomas Kienzle/AP Photo
Frankfurt/Main (apn) Zum 65. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung rückt das Schicksal der letzten Holocaust-Überlebenden in den Fokus. Laut einer Schätzung der Jewish Claims Conference leben weltweit noch gut 500.000 von ihnen – oft unter bedrückenden Umständen. Rund 100.000 Betroffene stuft die Organisation als arm und pflegebedürftig ein. „Für sie müsste Deutschland mehr Geld aufbringen“, sagt der deutsche Repräsentant der Claims Conference, Georg Heuberger, im DAPD-Gespräch.
Mit einer Gruppe von NS-Opfern wird der israelische Staatspräsident Schimon Peres am Mittwoch zum Holocaust-Gedenktag nach Berlin kommen, wo er auch die Lage der Überlebenden ansprechen dürfte. Der 27. Januar ist seit 1996 deutscher und seit 2005 internationaler Holocaust-Gedenktag – an diesem Tag im Jahr 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz.
„Beim Erinnern dürfen wir die Gegenwart nicht vergessen. Viele der Überlebenden der NS-Verfolgung benötigen dringend Hilfe“, sagt Heuberger. In Verhandlungen mit dem Bundesfinanzministerium will seine Organisation jetzt eine Erhöhung der deutschen Entschädigungszahlungen erreichen – konkret eine Aufstockung der Zuschüsse für die Pflege alter Menschen in Osteuropa.
Gerade für diesen Zweck müsse Deutschland mehr Geld bereitstellen: Zwar gehe die Zahl der noch Lebenden kontinuierlich zurück. „Doch die Lebenserwartung der Menschen wird in den nächsten Jahren weiter steigen. Und damit steigt auch die Zahl der Pflegebedürftigen“, argumentiert er.
Der Claims Conference läuft die Zeit weg: Bis etwa 2025 werden auch die letzten Menschen gestorben sein, die noch unmittelbar unter der deutschen Gewalt litten. Etwa die Hälfte der gut 500.000 Holocaust-Überlebenden – dazu zählt die Organisation nicht nur die früheren Ghetto- oder KZ-Insassen, sondern auch vor der Wehrmacht Geflohene – lebt nach Angaben der Claims Conference in Armut. Rund 90.000 von ihnen in Ländern der früheren Sowjetunion.
Arm heißt nach Definition der Claims Conference, dass die Menschen über weniger als 16.000 Dollar (rund 11.300 Euro) im Jahr verfügen – eine Grenze, die alte Osteuropäer in der Regel weit unterschreiten. In der Ukraine beispielsweise sind Renten von kaum mehr als 100 Euro keine Seltenheit. Arm und zusätzlich pflegebedürftig seien insgesamt gut 100.000 Überlebende, ein Viertel von ihnen lebt in der früheren Sowjetunion.
Die Lage dieser Menschen habe sich mit der Finanzkrise noch einmal verschlimmert, betont Heuberger: „In Ländern wie der Ukraine hat die Krise jede Entwicklung gestoppt. Die Löcher in dem ohnehin schwachen sozialen Netz sind noch einmal größer geworden.“ Hilfe vom Staat sei dort ohnehin kaum zu erwarten. „Und die Rente der Betroffenen reicht vorne und hinten nicht.“ Oftmals werde die staatliche Monatszahlung schon von den Kosten für die wichtigsten Medikamente aufgezehrt.
Anspruch auf eine deutsche Rente in Höhe von 240 Euro haben nur die sogenannten Schwerstverfolgten, die mindestens sechs Monate KZ-Haft oder 18 Monate Ghetto-Gefangenschaft nachweisen können – viele können das nicht.
Zur materiellen Not komme vielfach eine „erschreckende Isolation – die Folge davon, dass im Holocaust ganze Familienverbände ausgelöscht wurden. Wer noch lebt, ist oft der letzte seiner Großfamilie.“ Hinzu kämen die Spätfolgen von Lagerhaft, Folter, Flucht und Mangelernährung. Zudem würden lange zurückliegende traumatische Erlebnisse mit zunehmendem Alter häufig stärker erlebt, psychische Notlagen seien die Folge.
„In dieser Situation ist es wichtig, dass Pfleger oder Sozialarbeiter nach den Menschen sehen. Dass sie schauen: Sind die wichtigsten Medikamente da? Etwas zu essen? Gibt es Strom? Und funktioniert die Heizung?“, sagt Heuberger. Aufgaben, die vor Ort von jüdischen Organisationen übernommen und auch aus Mitteln der Claims Conference finanziert werden.
Deutschland leistete laut dem Finanzministerium im vergangenen Jahr 693 Millionen Euro an Wiedergutmachungsleistungen, darunter 360 Millionen Euro in Form von Monatsrenten an rund 50.000 NS-Geschädigte. Daneben wurden weitere Programme zugunsten jüdischer Holocaust-Überlebender im Gesamtvolumen von rund 333 Millionen Euro finanziert, darunter auch Zuschüsse für die Pflege jüdischer Opfer, die die Claims Conference verteilt. „Dies waren zuletzt 30 Millionen Euro. Mit diesem Geld konnten wir sehr viel Gutes machen, aber es reicht nicht. Der Bedarf hat sich geändert, wir brauchen da eine Aufstockung“, sagt Heuberger und verweist auf die Eigenleistung der Claims Conference für pflegebedürftige Holocaust-Überlebende von 170 Millionen Dollar im vergangenen Jahr.
Auf diese Forderung angesprochen hält sich das Bundesfinanzministerium derzeit noch bedeckt. Zur Klärung des Bedarfs an Altenpflege habe man eine Arbeitsgruppe eingerichtet, heißt es dort. Ergebnisse lägen noch nicht vor. (AP)
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