China News - Menschenrechte – „Chance, die Welt da draußen die Wahrheit wissen zu lassen“ – Audra Ang
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – China - Menschenrechte

Tibetische Dichterin Woeser „Chance, die Welt da draußen die Wahrheit wissen zu lassen“

Audra Ang

06.08.2008

Demonstrantin am 31. März in Athen. (Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images)
Demonstrantin am 31. März in Athen. (Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images)

Peking – Die Dichterin Woeser ist ein Unikum: eine in China lebende Tibeterin, die öffentlich Kritik an der chinesischen Regierung äußert. Jetzt geht die Aktivistin noch einen Schritt weiter. Nachdem ihr die Behörden in den vergangenen drei Jahren wiederholt einen Reisepass verweigert haben, hat sie die Regierung nun verklagt. Sie hofft, dass ihr Kampf mehr Aufmerksamkeit auf den chinesischen Umgang mit Tibet lenkt.

Woesers Bereitschaft, sich den Behörden offen entgegenzustellen, ist ungewöhnlich. Die meisten Tibeter schrecken davor zurück, mehr noch als Umwelt- oder Menschenrechtsaktivisten. Wenn sie sich denn einmal beklagen, dann hinter vorgehaltener Hand und im Schutz der Anonymität. Ihre Zurückhaltung spricht Bände über das harte chinesische Vorgehen in ihrer Heimat, in die 1950 die chinesische Volksbefreiungsarmee einmarschiert war und das Land dem ein Jahr zuvor gegründeten kommunistischen China unterworfen hatte.

Woeser sagt, seit den gewaltsamen Protesten im März habe China die Zügel noch einmal angezogen. Damals kamen nach offiziellen chinesischen Angaben 22 Menschen ums Leben, Menschenrechtsorganisationen gehen aber von einer viel höheren Zahl von Toten aus. Die Klage sei ein weiterer Versuch, die Öffentlichkeit auf den Umgang mit Tibet aufmerksam zu machen, sagt Woeser im Interview der Nachrichtenagentur AP. „Ich erwarte nicht zu gewinnen. Aber wenn man nichts unternimmt, gibt es keine Chance, die Welt da draußen die Wahrheit wissen zu lassen. Es ist eine Gelegenheit, über die ungerechte Behandlung von Tibetern über die Jahre zu sprechen.“

Blogs von Behörden geschlossen

Die 42-Jährige versucht schon länger, ihrem Volk eine Stimme zu geben. 2005 begann sie, in Blogs über in Tibet kaum diskutierte Themen zu schreiben: Aids, Prostitution, Umweltschäden und eine neue Eisenbahnverbindung in die Himalaya-Region, die zahlreiche ethnische Chinesen in das Gebiet bringt – ganz in Sinn der chinesischen Regierung, die die tibetische Kultur und Identität zurückzudrängen versucht.

„Sie hat sich auf unbekanntes Terrain gewagt. Ich glaube, kein Tibeter hat sich je so offen gedruckt oder in den Medien geäußert“, sagt Robbie Barnett, ein Experte für das moderne Tibet an der Columbia-Universität in New York. „Als sie anfing, über diese Dinge zu schreiben, nahm wohl jeder an, dass sie diese Haltung nicht lange beibehalten können würde. Aber sie hat nie gewankt“, sagt Barnett und bezeichnet Woeser als „Dichterin, die vergessen hat, Angst zu haben“.

Ihre Essays und Gedichte sind prall gefüllt mit farbenfrohen und zuweilen brutalen Details über die tibetische Lebensart. Sie geben einen Einblick in eine tief religiöse Kultur, die vom Rest der Welt abgeschottet wurde. Für ihre Haltung zahlt sie einen Preis: Ihre Bücher sind in China verboten, Sicherheitsbeamte beobachten ihre Wohnung. Einmal stand sie unter Hausarrest. Die Behörden schlossen drei ihrer Blogs. Der vierte war während der Unruhen im März eine der wenigen Quellen für Nachrichten aus der abgeriegelten Region. Dann drangen Hacker in den Blog ein, so dass er nicht länger genutzt werden konnte. Seither hat sie einen fünften Blog gestartet. Er funktioniert – noch.

Erste Zweifel während des Studiums

Dass Woeser zu einem Symbol des Widerspruchs wurde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Ihre Eltern waren loyale Kommunisten, und ihr halb chinesischer, halb tibetischer Vater war ein Vizekommandeur der Volksbefreiungsarmee in China. Zu Beginn von Mao Tse-Tungs verheerender Kulturrevolution 1966 geboren, verbrachte Woeser ihre Kindheit in der tibetischen Hauptstadt Lhasa. „Ich war dem Vorsitzenden Mao ergeben“, sagt sie.

Die ersten Zweifel tauchten auf, als sie in Chengdu in der Nachbarprovinz Sichuan Oberschule und Universität besuchte. Erstmals gehörte sie dort einer Minderheit an und fühlte sich oft diskriminiert. Sie las verbotene Übersetzungen der Autobiografie des Dalai Lamas und John Avedons „In Exile from the Land of Snows“, in dem das Leben von Exiltibetern und die Verfolgung tibetischer Buddhisten beschrieben wird. „Da standen Dinge drin, die das Gegenteil von dem waren, was man uns lehrte.“

Nach ihrem Abschluss wurde sie Redakteurin einer literarischen Zeitschrift in Lhasa. Dort traf sie Mönche, die ihr von den Protesten in Tibet 1989 und deren Niederschlagung berichteten. Diese Gespräche prägten sie. 2004 wurde sie vom literarischen Verband der Regierung wegen „politischer Fehler“ ausgeschlossen. Sie hatte eine Essaysammlung veröffentlicht, in der sie erwähnte, dass der Dalai Lama von den Tibetern verehrt wird.

Reise zu Preisverleihung in Oslo unmöglich

Nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes ging sie nach Peking, wo sie den chinesischen Aktivisten und Autor Wang Lixiong heiratete. In dessen Heimatort Changchun beantragte Woeser 2005 einen Reisepass, nachdem ihr die Polizei in Lhasa bedeutet hatte, dass sie dort niemals einen bekommen würde. Als Freunde wegen des Ausweises nachfragten, sagte die Polizei ihnen, Woeser stelle eine Gefahr für die Staatssicherheit dar. „Ich bin eine Autorin, die von zu Hause schreibt. Wenn ich wirklich eine Gefahr für die Gesellschaft bin, lässt das das große Land China nicht ziemlich schwach erscheinen?“ fragt Woeser.

Wegen des fehlenden Reisepasses konnte sie kürzlich einen Preis für Meinungsfreiheit der norwegischen Schriftstellergewerkschaft nicht persönlich entgegennehmen. Ihr Mann reiste an ihrer Stelle nach Oslo. „Ich habe noch Hoffnung für China, diese starke Nation“, sagt Woeser. „Ich hoffe, es ist stark genug, mir ein wenig Raum zu geben.“

http://woeser.middle-way.net/

(Blog auf Chinesisch) (AP)

Schlagworte

Webnews einstellen
 
Anzeige
Anzeige
Werbung