Aktuelle Nachrichten – Fitness
06.03.2009
Frankfurt/Main – Endlich wird es wieder wärmer, und auch die ersten zarten Blümchen sprießen. Doch ausgerechnet jetzt fühlen sich viele Menschen schlapp und müde – mindestens jeder vierte Bundesbürger leidet Jahr für Jahr unter Frühjahrsmüdigkeit. Die Ursachen sind kaum erforscht, doch die Therapie ist denkbar einfach: Viel Bewegung bei Tageslicht im Freien hilft dem Körper bei der schwierigen Umstellung vom Winter auf den Sommer.
Da Frühjahrsmüdigkeit nach wenigen Tagen oder maximal Wochen von alleine verschwindet und Medikamente nicht nötig sind, stellt sie für die Pharmaindustrie kein gewinnbringendes Forschungsobjekt dar, wie der Berliner Chronobiologe Dieter Kunz sagt. So ist die genaue Zahl der Betroffenen ebenso wenig belegt wie die Behauptung, Frauen seien anfälliger als Männer; das ließe sich daraus schließen, dass Frauen häufiger an Winterdepressionen leiden, bewiesen ist es aber nicht.
Schuld an der Frühjahrsmüdigkeit sind Schwierigkeiten des Körpers bei der Umstellung auf die nach dem Winter neuen, frühlingshaften Gegebenheiten bei Licht und Temperatur. Was dabei genau geschieht, ist Gegenstand zahlreicher Theorien. Schlafforscher Kunz hält es für unwahrscheinlich, dass die Hormone Serotonin und Melatonin etwas mit der Frühjahrsmüdigkeit zu tun haben, wie häufig vermutet wird.
Nach Angaben des Chefarzts der Abteilung für Schlafmedizin am Berliner St. Hedwig-Krankenhaus ist Frühjahrsmüdigkeit Folge mangelnder Koordination der unterschiedlichen Körperfunktionen. Jede Zelle hat eine eigene innere Uhr, und die Umstellung von Winter auf Sommer erfolgt dieser Theorie zufolge nicht überall gleichzeitig. Vereinfacht gesagt kann etwa das Herz schon munter im Frühlingsmodus schlagen, während die Schilddrüse noch auf Winter geeicht ist.
„Bei so vielen Rädchen knirscht es bei der Umstellung im Getriebe“, beschreibt Kunz den Vorgang. Es brauche eine Weile, bis sich alle Zellen angepasst haben. Zu spüren ist dieser Übergangszustand demnach als Frühjahrsmüdigkeit.
Die Symptome ähneln dem von Flugreisen in andere Zeitzonen bekannten Jetlag – die Betroffenen leiden unter Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Verdauungsstörungen. Möglich sind auch depressive Stimmungen, wegen derer sich manche Menschen sogar hilfesuchend an die schlafmedizinische Ambulanz wenden, wie Kunz berichtet: „Das kommt aber selten vor.“
Ihre Wurzeln hat die Frühjahrsmüdigkeit dem Chronobiologen zufolge in der Evolution: In den menschlichen Genen schlummere noch die Erinnerung an Winter mit wenig Nahrung, in denen das Überleben davon abhing, dass der Stoffwechsel gedrosselt und der Körper in den Energiesparmodus versetzt wurde. Im Frühjahr dagegen ist Umschalten auf Aktivität angesagt, Futtersuche und Fortpflanzung stehen an.
Die Frühjahrsmüdigkeit beginnt laut Kunz mit dem Erwachen der Tier- und Pflanzenwelt im März und dauert maximal drei bis vier Wochen. Als Therapie sollte man bei Spaziergängen im Freien so viel Licht tanken wie irgend möglich. Gelegentliche Blicke zum Himmel, nur nicht direkt in die Sonne, helfen zusätzlich. Selbst an Regentagen lässt sich draußen im Gegensatz zu geschlossenen Räumen ein Vielfaches an Licht aufnehmen.
Schon nach wenigen Tagen ist damit die Frühjahrsmüdigkeit besiegt, und den echten Frühlingsgefühlen steht nichts mehr im Wege, verspricht der Schlafforscher. Wenn die Symptome allerdings nicht verschwinden, ist ein Arztbesuch angezeigt: Denn dann könnte eine richtige Depression dahinter stecken. (AP)