Aktuelle Nachrichten – Umwelt
04.03.2010
Foto: Andre Penner/AP Photo
Nova Canaa do Norte/Brasilien (apn) Mehr anbauen, weniger roden – das ist Flavio Wrucks erklärtes Ziel. Der Wissenschaftler ist überzeugt, dass die Landwirtschaft, die bislang als größte Bedrohung für den Regenwald im Amazonas-Gebiet galt, zu dessen bestem Verteidiger werden kann. Auf der Forschungsfarm, auf der Wruck arbeitet, wächst Getreide, weiden Kühe, und auch der Wald hat seinen Platz.
Es handelt sich um das in Europa und den USA längst bewährte Prinzip der Felderwirtschaft. Doch im brasilianischen Staat Mato Grosso – was übersetzt soviel heißt wie dicker Wald – ist die Idee verhältnismäßig neu. Viel zu lange ging es hier einfach darum, den Regenwald zurückzudrängen, um neues Weideland zu schaffen. Nach spätestens 20 Jahren war der Boden so ausgelaugt, dass ein neues Stück Wald der Viehwirtschaft weichen musste.
Nun ist es an Wruck und seinen Kollegen, die Landwirte davon zu überzeugen, dass eine andere Methode nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch die bessere Wahl ist. Denn erwiesenermaßen führt die Felderwirtschaft zu einer Ertragssteigerung. Bis zu fünf Mal mehr Vieh könne auf demselben Stück Land grasen, sagt der Wissenschaftler. Das biete die Chance, den Teufelskreis der Entwaldung zu durchbrechen. Die Farm Fazenda Gramada, auf der Wruck arbeitet, ist 750 Hektar groß. Betrieben wird sie vom brasilianischen Agrarforschungsinstitut Embrapa.
Die brasilianische Regierung will innerhalb eines Jahrzehnts die Zerstörung des Regenwaldes, der oft als grüne Lunge der Erde gepriesen wird, um 80 Prozent eindämmen. Schon jetzt sind nach offiziellen Angaben Erfolge zu verzeichnen: So sei die Entwaldung von August 2008 bis Juli 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 46 Prozent zurückgegangen. Doch Umweltschützer bezweifeln, dass dies wirklich das Ergebnis einer neuen Politik ist. Vielmehr liege der wahre Grund für den Rückgang in der wirtschaftlichen Rezession und der gesunkenen Nachfrage nach Vieh, Soja und Holz.
Rund 60 Millionen Hektar der brasilianischen Weideflächen gelten als degradiert, also überweidet. Ein Hektar Land ernährt gerade noch ein Tier. „Wir haben die Technologie, um das schnell auf fünf Tiere pro Hektar zu steigern“, verspricht Wruck.
Doch der Brandrodungsmentalität der brasilianischen Landwirte ist schwer beizukommen. Was das Problem in Mato Grasso noch komplizierter Macht: Nur bei fünf Prozent des Landes in Privatbesitz ist der Eigentümer behördlich registriert. So ist es schwierig nachzuweisen, wer beispielsweise für die illegale Vernichtung des Regenwaldes verantwortlich ist.
Zu den Uneinsichtigen gehört der 34-jährige Haullingtom Barbosa. Er betreibt eine Farm mit 1.300 Rindern auf 500 Hektar Fläche. „Wir kamen vor drei Jahren hierher, weil wir gehört haben, dass man hier gut leben kann und weil Land verfügbar war“, erzählt Barbosa. „Wir haben den Wald gerodet, einige Grassamen gesät und sie wachsen lassen. Wir können auf diesem Land 20 Jahre lang Vieh weiden lassen, ohne etwas zu tun.“ Das Klima und ausreichender Niederschlag sorgen in der Tat dafür, dass in der Gegend fast alles wächst. Und wenn er doch mehr Weideland benötigt? Dann werde er eben weitere Regenwald-Flächen roden, sagt Barbosa. „Dieses Land hier gibt und gibt.“
Wruck will nun Landwirte wie Barbosa davon überzeugen, dass er eine noch viel attraktivere Alternative zu bieten hat. So preist er beispielsweise die Fruchtfolge von Balsa- oder Eukalyptus-Bäumen, Feldfrüchten für den Export und Gras. Nach fünf Jahren soll auf einer Weidefläche Getreide angebaut werden, um dem Boden Nährstoffe zurückzugeben. „Das ist eine simple Methode, um zugleich den Ertrag zu steigern und die Entwaldung aufzuhalten.“
Mario Wolf Filho ist von Wrucks Argumenten bereits überzeugt. Stolz erzählt der Landwirt auf Nova Canaa do Norte, dass er seine Produktivität verdreifacht habe, ohne weitere Waldflächen zu zerstören. „Das ist fantastisch“, freut er sich. „Ich mache Gewinn, aber nicht auf Kosten der Umwelt. Das ist Brasiliens Weg in die Zukunft.“ (AP)
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