Rio de Janeiro - Die Stichwahl zum Präsidentenamt in Brasilien am Sonntag könnte politische Veränderungen bringen - auch dann, wenn Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva erwartungsgemäß wiedergewählt wird. In dem mit harten Bandagen ausgetragenen Wahlkampf hat Lula da Silva zuletzt die klassenkämpferische Rhetorik wiederbelebt, für die er einst bekannt war, die er aber nach seinem Amtsantritt vor vier Jahren weitgehend abgelegt hatte. Viele Brasilianer fragen sich nun, ob dem Land im Fall seiner Wiederwahl ein Linksruck bevorsteht.
Ähnliche Erwartungen hatte der frühere Gewerkschaftsführer und erste brasilianische Präsident aus der Arbeiterschicht 2002 erweckt. Praktisch setzte er dann aber eine marktorientierte, wirtschaftsfreundliche Politik um, die ihm sogar von konservativer Seite Lob einbrachte. Sein moderater Kurs brachte die Wirtschaft des Landes entschieden voran. Darüber hinaus zog er ein umfangreiches Sozialprogramm durch, ohne die Reichen zu enteignen.
Doch ist seine Arbeiterpartei in einen tiefen Korruptionsskandal verwickelt, der dazu beitrug, dass der Präsident in der ersten Wahlrunde am 1. Oktober die absolute Mehrheit verfehlte und nur 48,6 Prozent der Stimmen erreichte. Sein Herausforderer, der als wirtschaftsfreundlich geltende ehemalige Gouverneur Geraldo Alckmin, kam auf 41,6 Prozent.
Unter Druck geraten, setzte Lula da Silva zuletzt wieder ganz auf seine traditionelle Wählerbasis, die Armen. Alckmin werde staatliche Institutionen privatisieren und Programme zur Unterstützung armer Familien abschaffen, warnte Lula da Silva auf Wahlkampfveranstaltungen. «Die Reichen brauchen den brasilianischen Staat nicht», sagte er bei einer Kundgebung in Sao Paulo. «Die Armen brauchen öffentliche Universitäten, denn die Reichen können zahlen - oder sogar in Paris studieren.»
Alckmin verwies dagegen in einer Fernsehdebatte zwischen beiden Kandidaten am Freitagabend auf die Korruptionsskandale in Lula da Silvas Partei, die zwei Minister das Amt kosteten. «Die Verbrecher in weißen Kragen bleiben auf freiem Fuß», sagte der eher konservativ ausgerichtete Sozialdemokrat. Der Präsident hielt dagegen, dass seine Regierung gegen «den Tumor» Korruption vorgehe und die Polizei intensiv ermittle. Das Phänomen gebe es in Brasilien nicht erst seit seiner Amtszeit.
Zwar glauben nur wenige, dass Lula da Silva im Fall eines Siegs eine radikalere Politik ähnlich der seines linksgerichteten Kollegen Hugo Chavez in Venezuela vertreten würde. Beobachter befürchten aber, dass sich die Spaltung des Landes in Reiche und Arme unter seiner Führung verfestigen könnte. «Es ist sehr leicht, die Armen zu mobilisieren», sagt Bolivar Lamounier, Direktor der Politikberatungsfirma Augurium. «Schwierig ist es, sie nach der Wahl wieder zu demobilisieren. Ich befürchte, er wird versucht sein, einen autoritären Stil anzunehmen.»
Doch prallen solche Befürchtungen an Lula da Silvas Anhängern ab. «Die Wahrheit ist, dass die Armen im politischen Programm der Elite nicht vorkommen», sagte der Präsident auf einer Kundgebung. «Während der Wahl sind Arme mehr wert als Banker, aber nach der Wahl werden die Armen nicht einmal auf einen Kaffee eingeladen.» Und als Alckmin ihm in der Fernsehdebatte vorwarf, dass das Wirtschaftswachstum Brasiliens hinter dem zahlreicher anderer Staaten Südamerikas zurückbleibe, konterte der Präsident, dass unter seiner Führung 7,7 Millionen Arbeitsplätze geschaffen worden seien - «mehr als zu irgendeiner Zeit in den vergangenen 20 Jahren».
Bei einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage lag Lula da Silva mit 63 Prozent vor Alckmin in Führung, der auf 37 Prozent kam. Der Amtsinhaber würde damit noch besser abschneiden als bei seinem Sieg 2002, als das Verhältnis im Vergleich zu seinem Gegenkandidaten José Serra 61 zu 39 Prozent betrug. «Ich glaube, diese Wahl ist schon entschieden», sagt Ricardo Guedes, ein Sprecher des Meinungsforschungsinstituts Sensus. «Warum gewinnt Lula diese Wahl? Aus einem sehr einfachen Grund - das Leben der Menschen ist besser geworden.»
(AP)
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