Menschen & Meinungen – «Das Leben in Kuba wird nicht mehr weitergehen wie bisher» – Vanessa Arrington
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«Das Leben in Kuba wird nicht mehr weitergehen wie bisher»

Vanessa Arrington

10.08.2006

Der kubanische Aktivist Oswaldo Paya spricht während eines Interviews mit AP in Havanna, Kuba, am Montag den 7. August 2006. (AP Foto/ Javier Galeano)
Der kubanische Aktivist Oswaldo Paya spricht während eines Interviews mit AP in Havanna, Kuba, am Montag den 7. August 2006. (AP Foto/ Javier Galeano)

Havanna - Die Erkrankung des kubanischen Staatschefs Fidel Castro hat nach Ansicht vieler Dissidenten das kommunistische Land bereits für immer verändert. Und zwar allein durch den Umstand, dass Castro - zumindest vorübergehend - erstmals seit fast fünf Jahrzehnten die Macht in andere Hände gelegt hat.

Seit der Operation des Präsidenten vorige Woche sei jeder Bewohner des Inselstaates gezwungen, sich mit der Vorstellung eines Kubas ohne Castro auseinanderzusetzen, sagte der prominente Dissident Oswaldo Paya im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. «Diese vorübergehende Abwesenheit Castros hat die Menschen mit der realen Möglichkeit eines neuen Kubas konfrontiert.» Und das wiederum könnte die seit Jahren aufgestaute Unzufriedenheit mit dem System zum Ausbruch bringen und den Weg bereiten für die Forderung nach mehr wirtschaftlicher Freiheit und größerer politischer Mitwirkung.

«Niemand kann behaupten, dass unser Leben so weitergehen wird wie bisher», meinte Paya in dem am vergangenen Sonntag in seiner Wohnung in Havanna geführten Interview. Sein Wohnzimmer ist voll von Fotografien kubanischer politischer Häftlinge und Bildern von Jesus Christus. Für die nahe Zukunft erwarten die meisten politischen Aktivisten aber keine dramatischen Veränderung, auch Paya nicht. Die Dissidenten halten sich in der aktuellen Lage zurück.

Während Exilkubaner in Miami im US-Staat Florida nach der Ankündigung der vorübergehenden Amtsniederlegung Castros massenweise auf die Straße gingen und die Nachricht feierten, verhielten sich die Dissidenten in Kuba selbst weitgehend ruhig. Sie halten es noch für zu früh, ihre Aktivitäten zu verstärken. Einige Dissidenten spekulieren, die Schwere der Erkrankung Castros, der am Sonntag 80 Jahre alt wird, sei übertrieben worden und die vorübergehende Übergabe der Macht an Castros Bruder Raul sei ein «Test», um zu sehen, wie die Opposition reagiere.

Viele der Regimekritiker wollen keine feindseligen Reaktionen von Castros Anhängern provozieren. Andere wiederum fürchten Spitzel in der Nachbarschaft oder Agenten der Staatssicherheit. Die Menschen seien vorsichtig, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, meinte Paya. Überall sei eine Atmosphäre des Misstrauens zu spüren.

Das Regime habe alle Unterdrückungsmechanismen aktiviert, sagte der Regierungskritiker Vladimiro Roca, der wegen seiner politische Aktivitäten fünf Jahre im Gefängnis saß. Er zeichnet ein pessimistisches Bild von der Lage der Dissidenten. «Wir sind wirklich ziemlich schwach», sagte Roca. Der Opposition fehlten die Möglichkeiten zur Mobilisierung. Öffentliche Proteste gegen die Regierung sind äußerst selten in Kuba. Eine der mutigsten Protestaktionen ist ein wöchentlich stattfindender Marsch von Ehefrauen politischer Häftlinge, der «Frauen in Weiß», in Havanna. Sie forderten auch am Sonntag wieder die Freilassung ihrer Männer. Der Marsch verlief ohne Zwischenfälle.

Die meisten der prominenten Regimekritiker in Kuba sind gemäßigt. Castros extremere Gegner haben die Insel schon vor Jahren verlassen und leben im Exil oder sitzen in kubanischen Gefängnissen. Die vor allem in Florida lebenden Exilkubaner haben seit der Erkrankung Castros ihre Aktivitäten verstärkt. Der von ihnen betriebene Radio- und Fernsehsender Marti, der mit amerikanischen Steuergeldern unterstützt wird, hat in den vergangenen Tagen sein Programm ausgeweitet. Die kubanische Regierung stört den Sender jedoch regelmäßig, so dass er die Adressaten in Kuba kaum erreicht.

(AP)

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