Menschen & Meinungen – „Das politische Kabarett ist absolut auf gutem Stand“ – DAPD
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„Das politische Kabarett ist absolut auf gutem Stand“

DAPD

03.12.2006

München – Vor 50 Jahren startete das erste Programm der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Mit „Denn sie müssen nicht, was sie tun“ nahmen Ursula Herking, Hans Jürgen Diedrich, Klaus Havenstein und Dieter Hildebrandt am 12. Dezember 1956 den Mief der Adenauerzeit auf die Schippe. Im Interview erzählte Hildebrandt, wie alles begann.

Die Lach- und Schießgesellschaft wird am 12. Dezember 50, Sie haben sie zusammen mit Sammy Drechsel gegründet. Darf man dem geistigen Vater gratulieren?

Hildebrandt: Für die 50 Jahre können Sie mir nicht gratulieren. Sie können mir vielleicht für die Mitgründung gratulieren, aber dafür dass es die Lach- und Schießgesellschaft noch gibt, sind viele Leute mitverantwortlich. Unter anderem der jetzige Geschäftsführer Till Hoffmann.

Wie kamen Sie damals auf die Idee, ein Kabarett zu gründen?

Hildebrandt: Wir mussten gar nicht auf die Idee kommen, denn es gab schon eines: das Studentenkabarett „Die Namenlosen“. Als diese Gruppe auseinander ging, war gerade ein Spielort frei, der möglichst schnell bespielt werden sollte. Und wir – Sammy Drechsel und ich – hatten das Bedürfnis, ein Ensemble zu gründen und so haben wir es einfach gegründet.

Mit der Lach- und Schieß haben Sie zum ersten Mal große Aufmerksamkeit bekommen. Wie wichtig sind die Räume in Schwabing für Ihr Leben?

Hildebrandt: Es ist eine Art zweites Wohnzimmer, erweckt Heimatgefühle, wenn man reinkommt, weil man da viele, viele Stunden, Tage, Nächte verbracht hat. Ich könnte Ihnen das wahrscheinlich ausrechnen, wie viel Zeit meines Lebens da von mir und meinen Angehörigen verbracht wurde. Ich bin ja noch heute für die Lach- und Schießgesellschaft aktiv.

Wie?

Hildebrandt: Ich gehöre zur Gruppe derer, die dieses Ensemble in einer Art Gesellschaft des öffentlichen Rechts notariell darstellen. Da gehört der Bruno Jonas dazu, Wolfgang Nöth, Till Hoffmann und ich. Inhaltlich will ich mich aber nicht einmischen, und das will auch der Bruno Jonas nicht. Wir wollen sie machen lassen. Und es zeigt sich, dass das auch der beste Weg ist.

Wer waren die wichtigsten Personen für die Lach- und Schießgesellschaft in den vergangenen 50 Jahren?

Hildebrandt: Das beginnt mal mit Sammy Drechsel und dann den ersten Protagonisten dieses Ensembles: Ursula Herking, Klaus Havenstein und Hans Jürgen Diedrich. Das sind die wichtigsten Personen gewesen, die zur Gründung und zu einer Lebensdauer von ungefähr siebzehn Jahren beigetragen haben. Dann kam natürlich noch eine ganze Reihe von anderen im Laufe der Jahre. Es kam Achim Strietzel dazu, Horst Jüssen – alles noch zum ersten Ensemble, das 1972 auseinander ging. Das Nachfolgeensemble bestand dann aus Renate (Küster), das ist meine Frau, aus Henning Venske, Rainer Basedow und Jochen Busse. Die haben über zehn Jahre dort gespielt, bis sie dann etwa 1992 auseinander gegangen sind.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie über 1972 ganz knapp „Auflösung des Ensembles“. Was war passiert?

Hildebrandt: Wir wollten nach 17 Jahren alle noch irgendetwas anderes machen. Man ist in einem solchen Ensemble, das vier Monate im Jahr auf Tournee geht, fast wie verheiratet. Deswegen hatten wir schon drei, vier Jahre davor beschlossen, aufzuhören. Und 72 sind wir dann ganz ruhig auseinander gegangen.

Ist die Lach- und Schieß heute in guten Händen?

Hildebrandt: Ja. Und sie haben ein Ensemble, das sehr gute Aussichten hat, bestehen zu bleiben und immer noch besser zu werden.

Sind Sie schon mal von Ihren Nachfolgern um Rat gefragt worden?

Hildebrandt: Ja, immer mal wieder, natürlich. Das gehört sich ja auch.

Wie steht es um die Kabarettszene in Deutschland? Anspruchsvoll, politisch genug nach Ihrem Geschmack?

Hildebrandt: Ja, das Niveau ist gut. Und es ist vor allen Dingen ein reger Verkehr in dieser Branche. Es gibt einige sehr gute Kabarettisten, die mit vollen Sälen auch dafür sorgen, dass das politische Kabarett bestehen bleibt. Wenn auch das Fernsehen nicht viel Gebrauch davon macht. Dort überwiegt Comedy. Man sollte dem politischen Kabarett einen größeren Platz einräumen.

Ist das Publikum dafür da?

Hildebrandt: Besuchen Sie doch einmal einen Abend mit Volker Pispers, Bruno Jonas oder Urban Priol – auch im westdeutschen Raum gibt es eine ganze Reihe von politischen Kabarettisten, die zu besuchen sich lohnt. Sie werden sehen, dass Sie da keine Karte bekommen. Das politische Kabarett in Deutschland ist absolut auf einem guten Stand.

Haben Sie Wünsche für die nächsten 50 Jahre Lach- und Schießgesellschaft?

Hildebrandt: Meinen Sie, ich bin dafür, dass sie 100 Jahre werden sollte? Ach, warum eigentlich nicht! Sie wird ja immer wieder mit jungen Leuten bestückt sein. Ja, ich wünsche diesem Haus, dass es 100 Jahre alt wird.

(AP)

 

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