Menschen & Meinungen – „Das Thema sucht mich“ – DAPD
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Menschen & Meinungen

„Das Thema sucht mich“

DAPD

24.02.2008

Frankfurt/Main – Für ihr Buch „Die Mittagsfrau“ erhielt die Berliner Schriftstellerin Julia Franck 2007 den Deutschen Buchpreis. Seitdem häuften sich die Anfragen, sagte die 38-Jährige im AP-Interview: „Wenn ich wollte, könnte ich jetzt wohl 500 Tage lückenlos Lesungen in verschiedensten Städten machen.“ Im folgenden der Wortlaut:

AP: Seit der Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis liegen Ihre Bücher überall aus, Ihr Bild hängt in vielen Buchhandlungen. Werden Sie eigentlich auf der Straße erkannt und angesprochen?

Franck: Auf der Straße, im Zug, in Geschäften, ja. In den ersten Wochen gab es einfache und unmittelbare Worte von Fremden: Herzlichen Glückwunsch. Die Verkäuferin meiner Bäckerei schenkte mir eine Blume, manche fragen überrascht: Sind Sie Julia Franck? In den letzten Wochen bin ich häufig unterwegs zu Lesungen und öffentlichen Gesprächen und werde viel angesprochen. Geschützte und intime Räume sind im Augenblick nur meine Wohnung und Hotelzimmer, es könnte aber auch ein Wald sein, hätte ich Zeit, dorthin zu gehen.

AP: Sie haben in einem Interview mal gesagt, der Buchpreis habe Ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt. Inwiefern hat er das? Und genießen Sie es?

Franck: Den Zahlen nach weiß ich zwar, dass zwischen dem jetzigen Erfolg der „Mittagsfrau“ und meinen früheren Erfolgen, „Lagerfeuer“ und „Bauchlandung“ Welten liegen, aber schon damals konnte ich mich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit seitens der Feuilletons beklagen. Was sich jetzt verändert hat, ist vor allem die Flut von Anfragen. Sehr populär in Deutschland sind Lesungen. Kamen früher fünfzig Menschen, kommen heute mehrere hundert. Wenn ich wollte, könnte ich jetzt wohl 500 Tage lückenlos Lesungen in verschiedensten Städten machen, Ferien mit Veranstaltung auf Sylt und Hiddensee, drei Wochen in ein Kloster gehen und über meine Erfahrungen schreiben, mich in mehrere Talkshows setzen und auf viele Podien springen, mich zur Emanzipation, zu Urzidil und zur Denkmalpolitik äußern. Aber ich schaffe nicht alles.

Zugleich ermöglicht mir der Erfolg ein Gefühl von Freiheit. Obwohl mir ständig Zeit fehlt und die Schuldgefühle arbeitender Mütter ihren Kindern gegenüber wohl nie versiegen, versuche ich, Prioritäten zu setzen. So nehme ich mir manchmal die Zeit für eine ehrenamtliche Veranstaltung. Aber Freizeit kommt in meinem Leben kaum vor. Noch bin ich sehr damit beschäftigt, die verschiedenen Herausforderungen zu bewältigen – dabei fehlt die Ruhe für den Genuss.

AP: Hat die Auszeichnung auch Auswirkungen gehabt auf die Auflage Ihrer anderen Bücher?

Franck: Natürlich verkaufen sich die früheren Bücher jetzt wieder. Das ist erfreulich, weil der Buchmarkt ein Saisongeschäft geworden ist und Titel, die sich heute nicht mehr verkaufen, ganz schnell verschwinden, selbst aus dem Taschenbuch.

AP: Gibt es Pläne, „Die Mittagsfrau“ zu verfilmen?

Franck: Es gibt zur Zeit mehrere Angebote, die der Verlag gemeinsam mit mir gut prüft. Hier kommt es mir nicht allein auf das Geld an, das die Produzenten bieten. Wichtiger noch ist die Vision, das Drehbuch, die Regie. Zwei meiner früheren Romane sollten bereits verfilmt werden und wurden von Filmfirmen optioniert, Drehbücher wurden entwickelt, Regisseure gefunden, Besetzungsideen ausgetauscht, Koproduzenten gewonnen. Noch ist keiner der Filme gedreht worden. Die Verfilmung eines literarischen Buches ist nicht einfach. Der Umgang mit Zeit, Perspektive und Bildern unterscheidet sich grundlegend vom Film. Häufig wurde gesagt, mein Roman erinnere an Film – vielleicht weil die Leser Bilder sehen. Aber die Literatur schafft Sprachräume, die auf der inneren Netzhaut des Lesers Bilder entstehen lassen. Das sind zwei komplexe und verschiedene Dinge. Im Buch habe ich die Wahl von Worten und ihren Konnotationen, den Geruch und die Temperatur. Für den Film bräuchte „Die Mittagsfrau“ eine filmische Dramaturgie und Figurengestaltung, das Drehbuch ist eine hohe Kunst.

AP: Sie müssen für den Roman recht viel recherchiert haben. Jetzt unterstelle ich einmal, dass Sie als Mutter zweier Kinder keine ausgiebigen Recherchereisen machen können – wie erarbeiten Sie sich dann solche Szenen?

Franck: Die Recherche ist sehr vielseitig. Während der Vorbereitung bin ich nach Stettin und nach Bautzen gefahren, manchmal habe ich die Kinder einfach mitgenommen. Berlin dagegen kenne ich seit meiner Geburt. Die Spuren des Krieges sind in allen drei Städten deutlich. Es sind gerade solche Lücken, die Vergangenes ahnen lassen. Die Erzählungen meiner Großmutter mütterlicherseits aus dem künstlerischen und großbürgerlichen Berlin, in das sie 1915 als Tochter eines Professors und Forschers für Chemie und einer Jüdin geboren wurde, wie ihre Herkunft und ihr Charakter ihr Leben geformt haben, alles andere als gewöhnlich und doch ganz anders als im Buch – aber diese familiären Geschichten und das Bildgedächtnis einer Familie unterliegen der natürlichen Metamorphose und dem Prozess der Erinnerungsbildung.

Für meine Recherche ebenso wichtig war das Lesen der von Theodor Schieder gesammelten Zeitzeugenberichte, waren Dokumentationen der Diakonie und anderer Schwesternvereinigungen, Berichte über das Entstehen eines der ersten Ausbildungsberufe für Frauen: Krankenschwester. Wer etwas über eine Atmosphäre dieser Zeit erfahren möchte kann kaum auf Tonfilmmaterial und ähnliches zurückgreifen, am eindringlichsten habe ich die Atmosphäre in den Werken von Döblin, Robert Walser, Kafka, Benn und Mascha Kalecko gefunden. Aber auch Kästner und Hauptmann gehören zu dieser Zeit, Corinth, Liebermann, Zille, Heidegger, Cassirer. Ursprung meines Romans war die Schlüsselbegebenheit, die meinem Vater ähnlich widerfahren ist, er wurde 37 in Stettin geboren und 45 von seiner Mutter auf dem Weg der Flucht und Vertreibung ausgesetzt.

AP: Ausgangspunkt Ihrer Bücher sind oft, aber nicht nur, biografische Begebenheiten. Wie suchen Sie sich Ihre Themen, und was ist Ihr derzeitiges?

Franck: Es ist eine Unruhe, die mich belästigt, ich suche das Thema nicht, eher sucht es vielleicht mich – oder stoßen wir zusammen. Seit frühester Kindheit hörte ich von meiner Mutter die Geschichte meines Vaters, drei knappe Sätze, wie er auf dem Bahnsteig vergeblich gewartet hat. Sie wurde immer dann erzählt, wenn ich fragte, warum mein Vater nicht mit uns lebt. Die Worte vergeblich, Bahnsteig und Mutter, die nie mehr kommen sollte, haben gelangt, um in mir sehr früh Bilder entstehen zu lassen. In all den Jahren, in denen mein Vater während der Kindheit nicht auftauchte, überall dort, wo er fehlte, vertraten ihn meine inneren Bilder, ich sah den leeren Bahnsteig und meinen Vater als ausgesetztes Kind, wenige Wochen nach Kriegsende, und ich war selbst das Kind, das vergeblich gewartet hatte und niemals Vertrauen entwickeln konnte. Mit 13 verließ ich meine Mutter und meine Schwestern und lebte bei Freunden in Berlin. Erst dort begegnete ich meinem Vater wieder, doch er starb jung. Da war ich siebzehn. Also hielt ich das frühe Sterben der Nächsten für die wahrscheinlichste Form der Trennung im Leben. Abschied und Trauer waren mir vertraut.

Vielleicht suche ich Geschichten, die dichter, wahrer und dauernder sein können als die sichtbare und erfahrene Realität. Die eigene Kraft der Gestaltung, der Erfindung von Charakteren und Geschichten erzeugt vorübergehend Sicherheit. Zunächst gebe ich eine Anthologie über das Verschwinden der innerdeutschen Grenze heraus, arbeite aber seit einiger Zeit an einem neuen Roman. Ich spreche nicht über ihn, ehe er fertig ist.

AP: Wie ist „Die Mittagsfrau“ im Ausland aufgenommen worden?

Franck: Inzwischen sind 25 Lizenzen in andere Sprachen vergeben, die ersten Übersetzungen erscheinen erst im Herbst und Frühjahr. In Dänemark und in den Niederlanden gab es schon große und sehr gute Besprechungen. Und es gab reges Interviewinteresse unter anderem aus Südeuropa und Skandinavien. Übrigens hatten einige ausländische Verleger sehr frühzeitig reagiert, noch ehe der Buchpreis verliehen wurde, hat der Verlag einige Lizenzen verkauft.

AP: Spätestens seit der Auszeichnung mit dem Buchpreis sind Sie nicht mehr die 'talentierte Nachwuchsautorin', sondern eine 'renommierte Schriftstellerin', an deren Bücher hohe Erwartungen geknüpft werden. Setzt Sie das nun bei Ihrer Arbeit unter Druck?

Franck: Der Druck entsteht für mich immer aus der Geschichte heraus, nicht durch eine äußere Erwartung. Trotzdem lerne ich viel über das Verhältnis von einer künstlerischen Arbeit und ihrer Öffentlichkeit, hier scharen sich neben den begeisterten Liebhabern und Entdeckern auch vermehrt Skeptiker, Neider, Polemiker, die frisch Enttäuschten und ewig Verbitterten. Da ich selbst hohe und kritische Ansprüche an die Werke anderer habe, kann ich mit den Erwartungen, den Hoffnungen, dem Hass und der Ablehnung von außen leben. Das Äußere aber bleibt marginal, wichtig ist wie gesagt der Rückzug nach innen, die Konzentration auf jene Geschichten, die mich verfolgen, die mich nicht loslassen, die genaue und geduldige Arbeit, kritische und strenge Formung verlangen, um einen Charakter zu entwickeln und schließlich zu einem Text, einem Roman zu werden.

AP: Hat die Tatsache, dass Sie selbst Kinder haben, ihre Sicht auf Helene beeinflusst?

Franck: Die Nähe einer familiären Bande ist alles andere als selbstverständlich und natürlich. Ein Kind lernt Zuwendung und die Liebe für bestimmte Menschen und Beschäftigungen durch seine Umgebung und zu deren Bedingungen. Meine Kinder sind von unserer Familiengeschichte wie auch von meinem Beruf so wenig trennbar wie ich meine von ihnen trennen könnte und mein Beruf sich völlig von ihnen losgelöst betrachten ließe. Jeder Künstler schöpft aus dem Gewebe seiner Berührung und Vernetzung mit der Welt. Die Erwartung an eine Frau hat sich über das letzte Jahrhundert stark verändert. Kultur und Geschichte prägen sie. Dass Menschen sich zu bestimmten Zeiten den Erwartungen widersetzt und entzogen haben, erscheint mir natürlich. Dies ist zugleich Grund und Folge für den gesellschaftlichen Wandel. Durch meine Kinder habe ich gelernt, wie Erfahrungen und Verhalten in Familien weitergegeben werden, was es bedeutet, Kinder und Beruf zu bewältigen – ohne in einer tragfähigen Partnerschaft zu leben. Die Herausforderung und Erfahrung, Kinder und Arbeit nebeneinander zu schaffen, persönliche Verluste zu überleben ohne alltägliche Unterstützung, diese Erfahrung machen Frauen auf der ganzen Welt während Krisen- und Kriegszeiten. Vielleicht hat mich dieser Hintergrund im Verständnis und für die Entwicklung einer Romanfigur wie Helene beeinflusst.

AP: Zum Schluss noch eine etwas persönliche Frage: Was lesen Sie selbst gern?

Franck: Am liebsten lese ich Romane und das Wissensressort in Tageszeitungen. Auf der Truhe neben meinem Bett stapeln sich Bücher, so dass ich über Wochen die Truhe nicht öffnen kann. Darauf liegt der in wenigen Tagen erscheinende Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck, ein sehr beeindruckender und ungewöhnlicher Text. Auch der demnächst erscheinende Roman von Jo Lendle liegt dort und wartet auf das Gelesenwerden, zwei Bücher von Alice Schwarzer über Simone de Beauvoir, Silvia Bovenschens „Verschwunden“ und Richard Hughes' „Sturm über Jamaika“, „Wem die Stunde schlägt“ von Hemingway, André Gorz' „Brief an D.“, eine neue Übersetzung von Nabokov – die Stapel sind hoch, ich kann hier nicht alle Titel einzeln nennen.

(Die Fragen stellte Susanne Gabriel) (AP)

 

Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.

Folgen Sie uns auf Facebook , Twitter und Google+.

 
Anzeige
Anzeige