Nachrichten Deutschland – „Das Tötungstabu ist gebrochen“ – Peter Maxwill
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Gewaltprävention an Berufsschulen schwierig „Das Tötungstabu ist gebrochen“

Peter Maxwill

18.02.2010

Hamburg (apn) Auch nach der neuesten Bluttat an einer Schule bleibt bei Psychologen und Kriminologen vor allem eines: Ratlosigkeit. „Es ist eine Illusion zu glauben, man könne so etwas verhindern“, sagt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, am Donnerstag zum Amoklauf an einer Technischen Berufsschule in Ludwigshafen. Ein 23-Jähriger erstach dort am Vormittag seinen ehemaligen Lehrer.

Eine Diskussion, wie Amokläufe an Schulen verhindert werden können, hält Pfeiffer für wenig erfolgversprechend: „Man kann doch keinen Schüler davon abhalten, in die eigene Schule zu gehen“, sagt er. Der Vorfall in Ludwigshafen habe bewiesen, dass auch eine Überarbeitung des Waffenrechts sinnlos sei, denn in jedem Küchenschrank liege ein Messer. Die deutschen Gesetze seien streng genug.

Die Ursachen sind laut Pfeiffer vor allem in der Art der medialen Berichterstattung zu suchen, vor allem der des Fernsehens: Die TV-Sendungen führten mit ihrer eindrucksvollen Bildgewalt zu einer „emotionalen Sucht“ bei Jugendlichen und produzierten negative Helden. Amokläufer versuchten, ihren Namen unsterblich zu machen.

Deutsche Jugendliche nicht gewalttätiger als andere

Pfeiffer zufolge sind deutsche Jugendliche nicht gewalttätiger und roher als die Jugendlichen anderer Länder. In Italien etwa gebe es jedoch keine medialen Vorbilder, denen potenzielle Gewalttäter nacheifern könnten. „Nachdem das Tötungstabu bei uns in Deutschland erst einmal gebrochen wurde, passiert so etwas immer wieder“, sagt der Kriminologe. „Wir müssen damit leben, dass es bestimmte Risiken gibt.“

Kein ganzes Jahr nach dem Amoklauf des 17-jährigen Tim K. im baden-württembergischen Winnenden hat nun ein 23-Jähriger seinen ehemaligen Lehrer erstochen – offenbar, weil dieser ihm schlechte Noten gegeben hatte. Der Täter wurde nach Angriffen auf weitere Personen am Donnerstagvormittag festgenommen und umgehend verhört, die Polizei räumte die Schule.

Ursachen für Bluttaten immer im realen Leben suchen

Eine mögliche neue Diskussion über Computerspiele, in denen virtuelle Gegenspieler getötet werden, wäre für Pfeiffer Unsinn: „Noch nie ist ein Amoklauf dadurch entstanden, dass jemand Computerspiele gespielt hat“, sagt er. Einen Zusammenhang sehe er zwar trotzdem, aber keinen zwingenden Auslöser für Gewaltexzesse. Wer virtuell Menschen töte, stumpfe jedoch unbestreitbar ab, „und dann hat man weniger Hemmungen“.

Um Menschen tatsächlich töten zu wollen, bedarf es laut Pfeiffer trotzdem mehr als nur starker Hemmungslosigkeit: „Niederlagen, Enttäuschungen, Hassgefühle.“ Die virtuelle Existenz der Täter spiele zwar eine Rolle, Ursachen für Bluttaten seien aber immer im realen Leben zu suchen.

Für den Leiter der Beratungsstelle Gewaltprävention in Hamburg, Christian Böhm, können Ursachen auch Kränkungen und erfahrene Ungerechtigkeiten sein. Der Psychologe sagt, auch PC-Spiele und die Verfügbarkeit von Waffen seien potenzielle Faktoren, aber keine zwingenden Merkmale für Gewalt von Jugendlichen: „Eine Rasterfahndung nach Amokläufern ist nicht möglich.“

Fachleute fordern mehr Sozialarbeiter

Die beste Möglichkeit der Vorbeugung sieht Böhm in Präventionsarbeit an Schulen, etwa durch Beratungsgespräche und Workshops. „Eine richtige Amok-Prävention ist aber wohl nicht machbar“, erklärt er. Wichtig sei aber eine Gewalt-Vorbeugung, wie sie an Berufsschulen seltener stattfinde als an allgemeinbildenden Schulen.

Konzepte sind dort laut Böhm besonders schwer umzusetzen, weil viele Schüler nur an einem Tag in der Woche oder wenige Wochen am Stück die Schule besuchen. Die meisten Schüler seien zudem zwischen 15 und 30 Jahren alt: „In dieser Altersgruppe melden sie sich nicht mehr selbst, wenn sie Probleme haben.“

Auch wenn es für die Fachleute keinen idealen Lösungsweg für das Problem der Amokläufe an deutschen Schulen zu geben scheint, sind sie sich doch in einem Punkt einig: Mehr Sozialarbeiter könnten Schülern helfen, ihre Schwierigkeiten selbst zu erkennen und die Not zu lindern. Amokläufe ließen sich dadurch aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem nicht ganz verhindern. (AP)

 

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