Aktuelle Nachrichten – Medizin
18.07.2008
Göttingen – Die Therapie wurde in zahllosen Studien erforscht und bleibt dennoch ein Rätsel. Kaum ein Mediziner bezweifelt noch, dass Akupunktur gegen viele Beschwerden helfen kann. „Das Verfahren wirkt sehr gut“, sagt Stefan Willich von der Berliner Charite. „Wir wissen bloß nicht warum.“
Akupunktur ist bei den Bundesbürgern äußerst beliebt. Davon zeugt schon die Zahl von 40.000 Ärzten zwischen Oberstdorf und Flensburg, die ihren Patienten nicht nur Pharmazeutika und Physiotherapie verordnen, sondern ihnen mitunter auch mit Nadeln zu Leibe rücken. Entsprechenden Aufruhr löste vor einigen Jahren der Beschluss aus, das Verfahren aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen. Der Nachweis für eine Wirkung fehle, so die Begründung des Gemeinsamen Bundesausschusses.
Flugs schoben die Kassen – allen voran AOK und TK – zwei riesige Studien an, die die Heilkraft von Akupunktur gegen Arthrose im Knie, Schmerzen der Lendenwirbelsäule und Kopfschmerzen beweisen sollten. „Die Ergebnisse waren eindeutig“, resümiert Willich, der die TK-Studie leitete. „Akupunktur war der Schulmedizin klar überlegen, bei allen drei Indikationen.“ Seitdem bezahlen die Kassen die Nadeltherapie, allerdings nur gegen Beschwerden in Rücken und Knie. Dass die guten Resultate der Studien bei Kopfschmerzen den Ausschuss nicht überzeugten, quittieren die daran beteiligten Mediziner mit Kopfschütteln.
Beide Untersuchungen lieferten zwar reichlich Daten zu Wirkung und Verträglichkeit der Akupunktur. Aber sie warfen eine neue Frage auf. Denn ein Teil der Patienten erhielt keine echte, sondern nur eine sogenannte Scheinakupunktur, bei der die Nadeln abseits der traditionellen Punkte gestochen wurden. Dass diese Behandlung den Patienten ähnlich half wie die klassische Therapie, stiftete neue Verwirrung.
Die aus China stammende, mindestens 2.000 Jahre alte Akupunktur basiert auf der Auffassung, dass der Körper auf Leitbahnen, sogenannten Meridianen, von einer Lebensenergie durchströmt wird. Beschwerden sind demnach Folge eines gestörten Energieflusses, dessen Blockaden sich durch das Nadeln bestimmter Punkte lösen lassen.
Der Erfolg der Scheinakupunktur bringt dieses traditionelle Modell ins Wanken. „Wir waren anfangs geschockt, als wir die Zahlen sahen“, sagt Helmut Rüdinger von der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur. Die Schlussfolgerung des Mediziners: „Das Konzept der Punkte und Meridiane ist unscharf. Offenbar kommt es zu 80 Prozent nicht darauf an, wohin man sticht.“
Willich stimmt zu: „Die Nadelstiche an sich greifen in Schmerzzyklen des Körpers ein, die Punkte sind weniger wichtig.“, glaubt er. „Unsere Studie stellt die alte Meridian-Theorie infrage.“
Dagegen bemängelt der Arzt Frank Bahr die Planung der Studien. Für die Scheinakupunktur seien irrtümlich Punkte ausgewählt worden, denen die klassische Lehre durchaus eine Wirkung zuschreibe, bemängelt der Vorsitzende der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin (DAAA).
Und auch die Skeptiker fühlen sich in ihrer Überzeugung bestärkt. Die Wirkung des Verfahrens, so ihre Interpretation, beruhe lediglich auf einem enormen Placeboeffekt. Aber was heißt das schon? „Der Placeboeffekt spielt in allen Bereichen der Medizin eine ganz wichtige Rolle, auch in der Schulmedizin“, betont Willich.
Sicherlich seien die Erwartungen der Patienten und die bei der Therapie erfahrene Aufmerksamkeit an der Heilwirkung beteiligt. „Aber wenn Sie eine Nadel in den Körper stechen, tut sich in jedem Fall etwas“, sagt der Internist. „Es gibt eine klare physiologische Wirkung: Durch Akupunktur werden Schmerzbahnen aktiviert und Hormone ausgeschüttet.“
Diese Haltung teilt Antonius Schneider von der Uniklinik Heidelberg: „Das Phänomen ist wesentlich vielschichtiger als der Placebo-Effekt“, betont der Mediziner, der eine Studie an Patienten mit Reizdarm-Syndrom leitete. Zur Scheinakupunktur verwendete er dabei spezielle Nadeln, die die Haut nicht ganz durchdringen. Zwar regte nur die echte Akupunktur im vegetativen Nervensystem den Parasympathikus an und förderte damit Ruhe und Entspannung.
Dennoch ließen die Beschwerden in beiden Gruppen gleichermaßen nach. Schneider schließt daraus, dass Akupunktur zwar durchaus eine Wirkung im Körper entfaltet. Aber der größere Anteil an der Heilkraft, so vermutet der Experte, beruhe auf unspezifischen Faktoren – der Erwartungshaltung des Patienten, dem Ritual des Nadelsetzens, der erfahrenen Zuwendung.
Angesichts des Erfolgs gegen Schmerzen von Knie, Rücken und Kopf hofft Willich, dass Akupunktur auch vermehrt bei weiteren Beschwerden zum Einsatz kommt. Dazu zählt er etwa Asthma, Heuschnupfen, Menstruationsbeschwerden oder chronische Darmerkrankungen. „Die Ergebnisse sind so gut, dass sie dazu ermutigen, die Wirkung auch bei anderen Indikationen zu prüfen.“ (AP)
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