Gräfenberg – Maik Meier hat eine Mission: Zwölf Jahre lang war der heute 28-Jährige überzeugtes Mitglied der Neonazi-Szene in Sachsen und auf der Karriereleiter ganz oben – heute tritt er unter einem Pseudonym auf Info-Veranstaltungen auf, um über seine Erlebnisse und seinen Ausstieg zu erzählen.
„Ich rede mir das alles von der Seele, um es auch selber besser zu verarbeiten“, erklärt der untersetzte, bullig wirkende Mann mit dem auffälligen Backenbärtchen. Weil er durch sein „krankes Denken“ oft im Gefängnis gesessen und sich beinahe sein Leben ruiniert habe, wolle er Aufklärungsarbeit leisten. „Das Wichtigste ist, dass man dagegenhält, dass man ruhig bleibt und die Argumente der Braunen entkräftet“, sagt er am Donnerstagabend im oberfränkischen Gräfenberg.
„Nach der Wende war es ein Trend, von sich zu behaupten, rechts zu sein“, schildert der 28-Jährige seinen Einstieg in die Szene. „Rechts zu sein war für uns typisch westdeutsch, und wir wollten alle westdeutsch sein.“ Schon kurz nach dem Mauerfall seien die ersten Neonazis aus Westdeutschland in den Osten gekommen, um neue Anhänger zu werben. Zumindest an seiner Schule hätten sie dabei leichtes Spiel gehabt: „Bei uns sagten 70 Prozent von sich, dass sie rechts sind. Was das genau bedeutete, wussten wir zwar nicht. Aber wir hatten halt alle etwas gegen Ausländer“, erzählt er. Die Schulleitung habe dies sogar noch unterstützt, indem sie seiner Clique Infomaterial gegeben und einen Versammlungsraum zur Verfügung gestellt habe.
1992 sei dann im nordsächsischen Torgau die Organisation „Weißer arischer Widerstand“ gegründet worden, die sich um das Anwerben neuer Mitglieder kümmerte. „Das war eine Anlaufstelle für uns. Wir tauschten Zeitschriften und Musik aus“, schildert Maier. Finanziell unterstützt worden sei die Szene von NPD, DVU und Republikanern. „Die drückten uns auch schon mal Werbematerial in die Hände, das wir bei Wahlveranstaltungen verteilen sollten“, erzählt Meier. Ansonsten wollte er mit den Parteibonzen aber nichts zu tun haben.
Viel wichtiger war für ihn dagegen die „Deutsche Büchergilde“, eine Organisation aus Südafrika, die von ehemaligen SS- und Wehrmachtsangehörigen gegründet worden sei und Lehrmaterial für die Kameradschaften erstellt habe. „Das war das Widersprüchliche an der Szene: Zum einen lehnten wir alles Ausländische ab, zum anderen kooperierten wir mit einer Organisation aus Südafrika“, erzählt Meier.
Schon bald habe die rechte Ideologie den Alltag an den Schulen beherrscht. 1995 schossen rechte Cliquen wie Pilze aus dem Boden. „In jedem Dorf hat es solche Gruppen gegeben, und keiner hat was dagegen gesagt“.
Als Meier mit 14 Jahren erstmals gewalttätig wurde und einen Mitschüler verprügelte, erntete er dafür Lob und Bewunderung von seinen Kameraden. „Ich kam aus einem gutbürgerlichen Elternhaus und habe dort viel Liebe erfahren, aber das, was ich in meiner Kameradschaft erlebte, das war einzigartig“, schildert er. Durch Prügeleien mit Schwulen und Ausländern sei er ein Vorbild für die anderen Kameraden geworden. „Ich konnte mich gehen lassen, musste keine Rücksicht nehmen. Für meinen Klassenkampf wurde ich vom Weißen arischen Widerstand immer öfter gelobt“, sagt Meier. „Das war ein super Gefühl“.
Weil Musik für junge Leute auch in der rechten Szene sehr wichtig war, hätten Mitglieder nach Konzerten häufig direkten Kontakt zwischen den Musikbands und den jungen Leuten hergestellt. „Die Bandmitglieder gingen auf uns zu, tranken mit uns, tauschten Telefonnummern aus“, erzählt er. Das habe dazu geführt, dass er sich mit 16 Jahren geschworen habe, diese Szene nie mehr zu verlassen. „Ich sagte mir, ich nehme alles mit, egal was es kostet. Ich habe den Boden unter den Füßen verloren, ich war ideologisch komplett verseucht.“
Je mehr er sich prügelte, desto höher kletterte er auf der Karriereleiter, bis hin zum Kameradschaftsführer. „Wer Schwäche zeigte, hatte verloren“, erzählt er. Und wer aussteigen wollte, wurde unter Druck gesetzt. „In der rechten Szene gibt es mit Sicherheit Leute, die aussteigen wollen, sich aber nicht trauen“, vermutet Meier.
Ihm selbst seien 1999 erste Zweifel gekommen, als er mit Kameraden eine türkische Hochzeit überfallen und Kinder verprügelt habe. „Da ist Mitleid in mir aufgekommen. Ich konnte die Kinder nicht schlagen“, sagt er. Doch erst die Begegnung mit seiner heutigen Lebensgefährtin brachte die Wende: Die junge Frau hatte hauptsächlich russische Freunde und weigerte sich beharrlich, die rechtsradikalen Ansichten ihres Freundes zu teilen. „Es war meine Lebensaufgabe, sie von meiner Ideologie zu überzeugen. Aber sie hatte die Kraft, sich gegen alles zu stemmen, was ich ihr einreden wollte.“ Das habe ihn schließlich zum Umdenken gebracht.
Nach einem erneuten Gefängnisaufenthalt schaffte Meier 2002 den Absprung. Heute lebt er in Westdeutschland, hat viele ausländische Freunde und sucht die öffentliche Aussprache. Die Angst habe er irgendwann abgelegt. Nur seine Gewalttaten verfolgten ihn noch immer: „Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen.“ (AP)