Aktuelle Nachrichten – International
08.06.2009
Dagar – Sie hat noch keinen Namen. Sie kam fünf Wochen zu früh auf die Welt, nach sechsstündiger Fahrt mit einem klapprigen Bus quer durchs Kampfgebiet. Im Krankenhaus gab es keinen Strom für den Brutkasten, der ihre winzigen Lungen mit Sauerstoff hätte versorgen können. Ihre Mutter Zeenat liegt auf einem rostigen Bettgestell unter einer schmutzigen blauen Decke; die Wunde des Kaiserschnitts eitert.
Das marode Gesundheitswesen Pakistans steht vor dem Kollaps, wie Ärzte und Pfleger warnen. Die Krankenhäuser sind überlastet mit über zwei Millionen Flüchtlingen aus der Bergregion im Nordwesten, wo die Streitkräfte die Taliban bekämpfen. Die Ärzte sind erschöpft, die Medikamentenbestände aufgebraucht, Nachschub stockt in einem Wust von Bürokratie.
„Offen gesagt, hat das Gesundheitswesen in unserem Land keinen Vorrang. Das ist höchst bedauerlich“, sagt der Arzt Arshad Khan aus der Stadt Mardan, die nahe am Kampfgebiet liegt und die Flüchtlingswelle geballt abbekommt. „Und jetzt in der Krise ist jedes kleinere Krankenhaus mit Flüchtlingen überlastet; unser Bezirkskrankenhaus in Mardan bricht zusammen.“
Die Ambulanz von Khans 213-Betten-Klinik versorgt normalerweise 100 Patienten täglich – jetzt sind es im Durchschnitt 500. Die Regierung hat eine Million Rupien (rund 8.800 Euro) für Medikamente für die Flüchtlinge bereitgestellt. Doch wegen der bürokratischen Hürden werde es Monate dauern, bis sie etwas davon zu sehen bekämen, befürchtet Khan. „Unser Personal ist entmutigt. Sie sind nicht motiviert, die Gehälter von Ärzten und Pflegepersonal sind furchtbar niedrig, und mehr Leute dürfen wir nicht einstellen“, sagt er. „Die Zustände sind erbärmlich.“
Das pakistanische Gesundheitswesen hat dieses Jahr ein Budget von umgerechnet nicht einmal 106 Millionen Euro. Für nächstes Jahr plant die Regierung eine Verdoppelung auf rund 211 Millionen Euro. Der Verteidigungshaushalt beläuft sich im Vergleich dazu dieses Jahr auf 2,43 Milliarden und nächstes Jahr voraussichtlich auf 2,57 Milliarden Euro. Ein neu eingestellter Arzt verdient umgerechnet 85 Euro im Monat, plus elf Euro Mietzuschuss. Auf 10.000 Menschen kommen nur zwölf Ärzte und zehn Krankenhausbetten.
Internationale Hilfsorganisationen sorgten für Lazarette und Medikamente in Flüchtlingslagern, sagt Khan. Doch nur etwa 20 Prozent der Flüchtlinge leben in den Lagern, der Großteil ist über das Land verstreut. Auch in den Lagern gibt es zehn Hundebisse jeden Tag, aber keinen Tollwut-Impfstoff, wie Alam Zaib vom Verband der Heilhilfsberufe in Mardan berichtet. Und auch die Lagerbewohner kommen zu Tests und zum Röntgen ins Bezirkskrankenhaus.
Die meisten Kliniken in der Umgebung, wo immer noch gekämpft wird, sind geschlossen, was den Druck auf Mardan noch verstärkt. Patienten liegen auf Betonbänken oder auf dem Boden und warten auf Hilfe. Gegen die drückende Hitze arbeiten ein paar Deckenventilatoren an – falls es einmal Strom gibt. Auf der Männerstation sind 30 Betten zusammengepfercht, mit dünnen Matratzen, ohne Kissen. Das zerschlissene Bettzeug ist blutbefleckt, auf dem Boden stehen Pfützen von Urin und Erbrochenem.
Khan Zameen und sein Kollege sind die einzigen Reinigungskräfte der Nachtschicht; sie putzen zehn Stationen, die Blutbank und die Röntgenabteilung und verdienen mit umgerechnet 35 Euro im Monat nicht einmal den Mindestlohn. Der einzige Waschraum für 30 Patienten stinkt nach Fäkalien, die Toilette läuft über, in der Ecke türmt sich Müll. „Wir sind doch keine Tiere. Wie können sie uns so behandeln?“, sagt er.
Im Krankenhaus von Dagar 40 Kilometer weiter sieht es nicht viel besser aus. Dagar lag vier Wochen lang unter Beschuss, als die Armee die Taliban aus dem Distrikt Buner zu vertreiben versuchte. Dr. Maqsood Ahmed schloss den größten Teil der 200-Betten-Klinik, weil die meisten Beschäftigten vor den Kämpfen flüchteten. Nur 40 sind geblieben, davon zwei Chirurgen. Zwei Stationen und ein Operationssaal sind noch in Betrieb.
„Wir sind das einzige Krankenhaus in der Region Malakand, das noch funktioniert“, sagt Ahmed. „Es war sehr schwierig für uns.“ Sie fürchteten um ihre Patienten, ihre Familien und um ihr eigenes Leben. Sie bettelten beim Militär um Treibstoff für die Generatoren. Anfangs bekamen sie regelmäßig 20 bis 30 Liter, doch der Generator schluckt 90 Liter am Tag. Sie hatten zwei Krankenwagen, aber keinen Sprit dafür. „Wir haben sogar zwei Tote in unserem Hof begraben. Sie starben während des Ausgehverbots, und die Angehörigen konnten sie nicht abholen“, sagt Ahmed. Als die Taliban vor einer Woche aus Dagar vertrieben waren, brachte das Rote Kreuz 1.200 Liter Treibstoff und Medikamente.
Beim Gang durch die düsteren Flure entschuldigt sich Ahmed für den Müll unter den Betten und in den Ecken. Das Reinigungspersonal sei bald nach Ausbruch der Kämpfe gegangen. Als Zeenat kam und ihre Tochter bekam, konnte Ahmed das Neugeborene nicht einmal impfen – er hatte allen Impfstoff nach Mardan geschickt, weil es fast den ganzen Tag lang keinen Strom mehr gab. Er gibt der Mutter jetzt Antibiotika. Das Baby lebt noch. (AP)
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