Klima – „Emissionen werden in der Rezession eher sinken“ – Matthias Armborst
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Klima und Konjunktur „Emissionen werden in der Rezession eher sinken“

Matthias Armborst

27.11.2008

Kohlekraftwerk Scholven der E.ON Kraftwerke GmbH in Gelsenkirchen. (AP Photo/Michael Sohn)
Kohlekraftwerk Scholven der E.ON Kraftwerke GmbH in Gelsenkirchen. (AP Photo/Michael Sohn)

Frankfurt/Main – Könnte unser Klima zum Profiteur der beginnenden Wirtschaftskrise werden? Der Gedanke, dass auch die CO2-Emissionen sinken, wenn die Fabrikschlote mangels Nachfrage weniger qualmen, ist jedenfalls nahe liegend. Trotzdem: Experten sehen den Klimaschutz bisher nicht als den großen Krisengewinnler.

„Ich denke, dass die Treibhausgas-Emissionen in einer tiefgreifenden Rezession tendenziell eher leicht sinken als steigen“, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im AP-Interview. Der Rückgang werde aber kaum nennenswert sein: „Weil Länder wie China und Indien, aber auch Russland weiter wachsen – und damit der Kohlekonsum.“

Etwas weiter geht der Chef des Umweltbundesamtes, Andreas Troge: Er rechnet mit einem „global weniger ausgeprägten Anstieg des Energieverbrauchs für ein bis zwei Jahre“ und folglich mit einem verhalteneren Anstieg der CO2-Emissionen. Auch eine kurzzeitige Stagnation des globalen Energieverbrauchs und damit der CO2-Emissionen hält er für denkbar.

In Deutschland liege die Sache noch etwas klarer: „Weil wir rund 100 Millionen Tonnen CO2-Emissionen jährlich unserem Exportüberschuss verdanken, führen rückläufige Exportüberschüsse zunächst einmal zu weniger CO2-Emissionen“, erklärt Troge. In der Stahlindustrie beispielsweise seien die Auftragseingänge um 20 bis 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen – was natürlich nicht ohne Auswirkung auf den Energieverbrauch bleibe.

Zufrieden ist der Experte mit dieser Entwicklung aber keineswegs: „So wie jetzt sollte Klimaschutz ja gerade nicht funktionieren – nämlich, dass wir weniger Treibhausgasemissionen mittels gravierender Verzichte auf konventionellen Wohlstand erreichen.“

„Emissionen könnten beim Aufschwung stärker anziehen“

Und wie steht es mit Szenario Nummer zwei, wonach die Wirtschaftskrise die CO2-Emissionen weiter nach oben treibt – etwa, weil Investitionen in klimafreundlichere Technik mangels Liquidität aufgeschoben werden? Wenn dies passiere, „könnten beim folgenden Aufschwung die Emissionen stärker anziehen“, befürchtet jedenfalls DIW-Fachmann Manfred Horn.

Für Umweltbundesamtschef Troge ist ein Rückschritt aber kaum möglich, „weil wir in wichtigen Regionen – der EU, den USA, China, Indien – gerade damit beginnen, deutlich mehr in Energieeffizienz und erneurbare Energien zu investieren“. Zudem hätten große Stromversorger bereits erklärt, dass ihre Investitionsfähigkeit von der Finanzkrise nicht beeinträchtigt sei.

„Vor allem tut sich jetzt ein Trend auf, der Investitionen in klimafreundliche Technik begünstigt“, frohlockt Troge: Da sich extrem hohe Renditeversprechen diverser Finanzanlagen in Luft aufgelöst hätten, gebe es für langfristigere Investitionen in Energieeffienz jetzt „weitaus bessere Chancen als bis vor kurzem“.

„Stolpern von Finanzkrise in Klimakrise“

Auf der politischen Bühne jedoch hat es die Klimaschutzlobby angesichts des atemberaubend schnellen Wirtschaftsabschwungs zunehmend schwerer, sich Gehör zu verschaffen. „Ich sehe diese Gefahr, dass weitere Klimaschutz-Errungenschaften dem Arbeitsplatzschutz geopfert werden“, sagt Andreas Troge. „Aber ich hoffe darauf, dass sich im Gefolge der Finanzkrise die Einsicht durchsetzt, dass wir unseren Wohlstand nicht erhöhen können, indem wir unser Naturkapital zunehmend aufzehren.“

Einige ihrer politischen Gegner versuchten derzeit, Finanzkrise und Klimaschutz gegeneinander auszuspielen, klagt die Grüne Bärbel. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos etwa fordere gleich einen kompletten Klimaschutzstopp für die Wirtschaft: „So stolpern wir nur von der Finanzkrise in eine Klimakrise, die noch teurer werden kann“, warnt die stellvertretende Fraktionschefin.

Für Zuversicht sorgt hingegen die Ankündigung des künftigen US-Präsidenten Barack Obama, in den nächsten zehn Jahren 150 Milliarden Dollar investieren zu wollen, um die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren und Millionen neue Jobs in der Solar- und Windbranche zu schaffen – trotz oder gerade wegen der Rezession. „Klimaschutz und erneuerbare Energien werden Jobmotoren sein, die uns aus der Krise heraushelfen“, ist Höhn überzeugt. (AP)

 

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