Menschen & Meinungen – „Es ist eine hohe Kunst, im Freien nicht zu erfrieren“ – Philipp Heinz
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Winternotprogramm „Es ist eine hohe Kunst, im Freien nicht zu erfrieren“

Philipp Heinz

14.12.2009

Obdachlose sind in Fußgängerzonen und in Bahnhöfen oft nicht erwünscht. Zum Teil gebe es Platzverbote gegen sie. „Der öffentliche Raum schrumpft“, kritisierte Keicher. Foto: AP Photo/Markus Schreiber
Obdachlose sind in Fußgängerzonen und in Bahnhöfen oft nicht erwünscht. Zum Teil gebe es Platzverbote gegen sie. „Der öffentliche Raum schrumpft“, kritisierte Keicher.

Foto: AP Photo/Markus Schreiber

Frankfurt/Main – Weiße Weihnacht ist für sie keine schöne Kulisse zum Jahresende, sondern bedeutet den Kampf gegen das Erfrieren. Rund 20.000 Obdachlosen steht die härteste Zeit des Jahres bevor, in Fußgängerzonen, unter Brücken und Abluftschächten der U-Bahn. „Es ist eine hohe Kunst, im Freien zu übernachten und nicht zu erfrieren“, sagte Rolf Keicher von der Evangelischen Obdachlosenhilfe. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP sehen sich viele Städte gut gerüstet, um Obdachlose in Notunterkünften aufzunehmen. Doch der Teufel steckt laut Keicher oft im Detail des Angebots.

Obdachlose sind in Fußgängerzonen und in Bahnhöfen oft nicht erwünscht. Zum Teil gebe es Platzverbote gegen sie. „Der öffentliche Raum schrumpft“, kritisierte Keicher. Einige Kommunen weisen nach Auskunft des Experten Hilfsbedürftige ab. Die Obdachlosen könnten ihren Rechtsanspruch auf eine Unterkunft in solchen Fällen meist nicht durchsetzen.

In Dortmund läuft in der kalten Jahreszeit seit 13 Jahren eine Winterhilfeaktion in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk. Für Obdachlose, die ungern die örtliche Übernachtungsstelle nutzten, halte die Stadt eingerichtete Wohnungen vor, in denen sie unterkommen könnten, sagte eine Sprecherin. Im Unterschied zu den Übernachtungsstellen könnten dort auch die Zimmertüren verschlossen werden.

Obdachlose haben Angst vor Diebstahl und Tätlichkeiten

Mit diesem Angebot geht Dortmund auf einen Bedarf ein, den laut Keicher viele Obdachlose haben. Die Notunterkünfte entsprächen oft nicht dem tatsächlichen Bedarf, erklärte der Sozialarbeiter. Dort sei es eng, es gebe keine Privatheit und keine Möglichkeit, Wertsachen einzuschließen. Häufig verlangten die Stärkeren sogenannte Eintrittsgelder, also eine Art Schutzgeld. Aus Angst, bestohlen oder drangsaliert zu werden, blieben einige Obdachlose den Notunterkünften lieber fern.

In Städten wie Essen und Düsseldorf sieht man, anders als in Dortmund, keine Notwendigkeit für besondere Maßnahmen. „Wir haben genügend Übernachtungsmöglichkeiten in diversen Häusern, die bei Bedarf auch aufgestockt werden können“, sagte Stadtsprecher Michael Bergmann. Für die geschätzten 150 bis 200 Obdachlosen stünden 120 Plätze bereit, die bis auf 200 aufgestockt werden könnten.

Die Stadt Stuttgart hält von Anfang November bis Ende März ein Notfallquartier für Obdachlose vor. Es steht für jeden mittel- und obdachlosen Menschen offen. Dort befinden sich nach Angaben der Stadtverwaltung bis zu 60 Plätze in Mehrbettzimmern.

Durch Beratung aus der Obdachlosigkeit geholt

In Hamburg stellt die Sozialbehörde nach eigenen Angaben von Anfang November bis Mitte April rund 200 zusätzliche Schlafplätze im Rahmen des Winternotprogramms zur Verfügung. Bei Bedarf werde die Zahl der Plätze aufgestockt. Die Container-Schlafplätze seien im vergangenen Winter durchschnittlich zu 95 Prozent ausgelastet gewesen. Durch die Beratung in den Unterkünften seien zahlreiche Betroffene in Wohnprojekte, Therapieeinrichtungen oder Pflegeheime vermittelt worden; sie hätten so ihre Obdachlosigkeit überwinden können.

Die Stadt Magdeburg sieht die vorhandenen Unterkünfte für Obdachlose im Fall eines Kälteeinbruchs als völlig ausreichend an. Zusätzliche Kapazitäten seien nicht nötig, sagte eine Sprecherin der Stadtverwaltung.

„In Wiesbaden muss niemand draußen übernachten“, sagte der Sprecher der Stadtverwaltung, Florian Grösch. Um zu verhindern, dass Nichtsesshafte in kalten Winternächten erfrieren, sei bereits vor einiger Zeit ein Arbeitskreis aus Diakonie, Heilsarmee und Stadtverwaltung eingerichtet worden, der sie Szene im Blick habe.

In Chemnitz gelten wegen der Kälte im kommunalen Nachtquartier ab sofort verlängerte Öffnungszeiten, sagte Ulrike Riethmüller vom Chemnitzer Sozialamt der AP. „Wir weisen niemanden ab.“ Im Schnitt seien die 18 Plätze aber nicht ausgelastet.

Nach Angaben einer Sprecherin der Stadt Hannover gibt es für Wohnungslose genügend Plätze in Wohnheimen. Eine zusätzliche Möglichkeit für Notübernachtungen habe man außerdem in einem ehemaligen Bunker am Rande der Innenstadt geschaffen. Von den 40 Plätzen dort sei derzeit allerdings weniger als ein Viertel belegt.

„Die Menschen passen nicht zu den Gesetzen“

Rolf Keicher von der Evangelischen Obdachlosenhilfe sieht das Problem nicht darin, dass es zu wenig Angebote der Städte gebe. Seiner Ansicht nach ist es die Lebenssituation der Betroffenen, die es so schwierig mache, im Einzelfall zu helfen. „Die Gesetze decken die Bedürfnisse der Obdachlosen relativ umfassend ab, aber die Menschen passen einfach nicht dazu.“

Wer kein Dach über dem Kopf habe, schleppe meist ein ganzes Bündel an Problemen mit sich umher. Das sei aber zu wenig im Bewusstsein der Allgemeinheit präsent, meinte Keicher. „Es ist verständlich, dass die Obdachlosen jetzt bei der Kälte verstärkt ins Blickfeld geraten, andererseits sind die das ganze Jahr wohnungslos.“ (AP)

http://www.bag-wohnungslosenhilfe.de/ http://www.evangelische-obdachlosenhilfe.de

 

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