Köthen – Der Begriff „Freiwillige Ausreise“ ist zum Unwort des Jahres gekürt worden. Das gab die zuständige Experten-Jury am Freitag in Köthen in Sachsen-Anhalt bekannt. Zur Begründung erklärte die Jury, dass die Freiwilligkeit einer solchen Ausreise von Asylbewerbern aus der Bundesrepublik in vielen Fällen bezweifelt werden könne. Damit stehe das Wort in einem schiefen Verhältnis zur Realität, sagte Jury-Vorsitzender Horst Dieter Schlosser. Er teilte weiter mit, dass die Jury in diesem Jahr zwei weitere Unwörter gerügt habe.
Platz zwei vergab die Jury an den Begriff „Konsumopfer“. Damit habe der Modemacher Wolfgang Joop extrem schlanke, letztlich magere Models beschrieben, die zu Lasten ihrer Gesundheit für das Schönheitsideal der Konsumgesellschaft hungern müssten. Das Wort „Neiddebatte“ landete auf dem dritten Platz. Der ehemalige Bundesbankchef Ernst Welteke habe damit im Vorjahr die ernsthafte Diskussion um die Angemessenheit von Millionenbezügen bestimmter Spitzenmanager auf die Stufe eines klein karierten Neides herabgewürdigt.
Mit „Freiwillige Ausreise“ kritisierte die Unwort-Jury zum wiederholten Mal einen Begriff, der sich mit dem Leben von Ausländern in der Bundesrepublik beschäftigt. „Ausländerfrei“ hieß das erste Unwort, das 1991 gekürt wurde. Mit „Überfremdung“ kritisierten die Experten 1993 das Scheinargument gegen den Zuzug von Ausländern. Und mit „national befreite Zone“ wurde 2000 die zynische heroisierende Umschreibung einer Region gerügt, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird, wie Schlosser erinnerte.
Insgesamt waren nach Angaben Schlossers 2.247 Zuschriften und 1.130 Vorschläge eingegangen. Darunter befanden sich auch Begriffe wie „Unterschicht“, „Prekariat“, „Gesundheitsreform“, „Problembär“ und „Gammelfleisch“. Das Unwort des Jahres wird normalerweise in Frankfurt am Main verkündet. Köthen wurde in diesem Jahr wegen des 390. Geburtsjahres der so genannten Fruchtbringenden Gesellschaft als Veranstaltungsort ausgewählt, die einst gegen die Verunstaltung der deutschen Sprache kämpfte. Erstes Oberhaupt dieser literarischen Gruppe der Barockzeit war Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen.
Unwörter des Jahres waren bisher unter anderem „Gotteskrieger“, „Humankapital“, „Ich-AG“ oder „sozialverträgliches Frühableben“. Im vergangenen Jahr hatte der Begriff „Entlassungsproduktivität“ das Rennen gemacht.
(AP)
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