Medizin – „Fünf Wirkstoffe sind genug“ – Verena Schmitt-Roschmann
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Pillendschungel „Fünf Wirkstoffe sind genug“

Verena Schmitt-Roschmann

17.09.2009

Berlin – Die großen runden Tabletten zum Frühstück, die weißen länglichen und die kleinen bläulichen zum Mittagessen, die weißen runden zum Abendessen, aber vorher bitte einmal teilen – Millionen vor allem ältere Menschen müssen sich tagtäglich wegen diverser Leiden in einem Dschungel von Pillenschachteln und Blisterpackungen zurecht finden. Mit bis zu 14 verschiedenen Arzneien werden Patienten bisweilen aus der Klinik entlassen, wie Hausarzt Leonard Hansen am Donnerstag berichtete.

Der langjährige Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein startete deshalb in Berlin einen Appell an seine Kollegen: „Fünf Wirkstoffe sind genug!“ Anlass war der diesjährige Arzneiverordnungsreport, in dem Experten – wie jedes Jahr – die stark steigenden Arzneimittelausgaben der Krankenkassen kritisieren. 2008 wurde nach einem neuerlichen Anstieg um 5,3 Prozent die Rekordsumme von 29,2 Milliarden Euro für Pillen, Salben und Spritzen erreicht, und zwar auch, weil immer mehr verschrieben wird. Die Zahl der Verordnungen stieg um 2,4 Prozent.

Hintergrund für Hansens Äußerung war aber auch seine langjährige Erfahrung als Hausarzt. Und die besagt: Je mehr verschiedene Pillen, desto größer die Gefahr, dass Patienten sie nicht nehmen. Und die verschriebene, aber nicht genommene Tablette ist nicht nur für das Gesundheitswesen richtig teuer, sondern auch ein Risiko für den Patienten.

Der nicht so treue Patient

Das Stichwort „compliance“ oder „Therapietreue“ treibt Experten seit Jahren um. Es geht dabei ganz allgemein um die Mitwirkung der Patienten bei der Therapie – seien es die krankengymnastischen Übungen, die man zur Stärkung der Rückenmuskeln machen sollte, oder eben die Tabletten, die zur Linderung der Beschwerden verschrieben werden. Gerade die Nichteinnahme von Medikamenten gilt als Riesenproblem.

So setzen zum Beispiel nach Erkenntnissen von Psychiatern bis zu 50 Prozent der Schizophrenie-Patienten schon im ersten Monat die Tabletten ab, die sie eigentlich auf Dauer nehmen sollten. Im Durchschnitt nehmen nach einem Bericht der „Pharmazeutischen Zeitung“ etwa 25 Prozent aller Patienten ihre Tabletten nicht oder nicht lang genug. Auch nach Erkenntnissen der Techniker Krankenkasse sind „Arzneimittelferien auf eigene Faust“ durchaus verbreitet.

Bei den Patienten kann dies schwere gesundheitliche Folgen haben. Zu kurze Antibiotika-Einnahme zum Beispiel wird dafür verantwortlich gemacht, dass Erreger gegen die Medikamente resistent werden, wie die TK unterstreicht. Eigenmächtig abgesetzte Blutdrucksenker oder Blutverdünner können zu erheblichen Komplikationen führen, nach denen der Patient letztlich in der Klinik endet.

Aber auch für das Gesundheitssystem insgesamt sind die nicht oder nicht sachgemäß geschluckten Pillen eine erhebliche Belastung. 2006 wurden bei Gesundheitsausgaben von 137 Milliarden Euro die direkten und indirekten Kosten der „Non-Compliance“ in Deutschland auf 7,5 bis 10 Milliarden Euro geschätzt, wie es in der „Pharmazeutischen Zeitung“ heißt. Der Hamburger Psychologe Franz Petermann geht sogar von 15 bis 20 Milliarden Euro Folgekosten aus.

Patient nicht Summe der Diagnosen

Experten nennen für mangelnde Therapietreue verschiedene Gründe – unter anderem werden Patienten nicht genug aufgeklärt, sie erkennen den Sinn der Maßnahmen nicht oder verlieren angesichts langer oder gar lebenslanger Pflicht zum Pillenschlucken die Geduld. Hausarzt Hansen packte jedoch durchaus auch seine Kollegen an der Ehre. „Im Sinne der Arzneimittelsicherheit und der Patientencompliance sollte die Anzahl der Arzneimittel je Patient möglichst beschränkt werden“, forderte er. „Der Patient muss therapiert werden, nicht die Summe seiner Diagnosen.“

So lässt sich der Pillenpackungsdschungel nach Hansens Erfahrungen durchaus sinnvoll lichten: „Fünf sind fast regelhaft darstellbar“, sagte der Arzt, auch wenn er hinzufügte: „Keine Regel ohne Ausnahme.“ Dass er sich gegen den Trend der vergangenen Jahre mit der Forderung durchsetzt, hält Hansen zumindest nicht für ausgeschlossen: Seine Kollegen hätten bei Informationsveranstaltungen erstaunlich positiv reagiert. (AP)

 

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