Aktuelle Nachrichten – Deutschland
20.01.2011
Foto: Sascha Schuermann/ddp/dapd
Glücksburg – Nach Berichten über eine angebliche Meuterei auf der "Gorch Fock" leitet die Marine Ermittlungen ein. Das Segelschulschiff wurde am Donnerstag in seinen letzten Hafen im argentinischen Ushuaia zurückbeordert. Dort soll ein Untersuchungsteam an Bord gehen, "um die schwerwiegenden Vorwürfe zu ermitteln", wie ein Sprecher des Flottenkommandos der Nachrichtenagentur dapd sagte.
Auf dem Schiff war es nach dem Tod einer Offizieranwärterin zu einem schweren Zwischenfall gekommen, der mehreren Soldaten den Vorwurf der Meuterei einbrachte. Marineinspekteur Axel Schimpf kündigte eine "vorbehaltlose und umfassende Aufklärung" an.
Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus wies die Meutereivorwürfe gegen vier Offiziersanwärter auf der "Gorch Fock" sowie Zweifel am Ausbildungskonzept zurück. "Es gab keine Meuterei", sagte Königshaus dem Nachrichtensender N24. Es habe lediglich Vorwürfe gegenüber den Seekadetten gegeben, die "in diese Richtung gingen". So habe die Schiffsführung es nicht gutgeheißen, dass Seekadetten nach dem Unfall nicht zum Tagesbetrieb übergehen und insbesondere nicht zum Klettern in der Takelage veranlasst werden wollten.
Die Dreimast-Bark sollte nach Marineangaben am Donnerstagabend deutscher Zeit in Ushuaia festmachen. Der Marinesprecher wies einen Bericht zurück, wonach die verunglückte Offizieranwärterin zu klein gewesen sei für Arbeiten in der Takelage des Schiffes. "Es gibt nur ein Mindestmaß in der Bundeswehr für Einstellungen, und das beträgt 1,55 Meter", sagte er. Zuvor hatte der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet, dass die 25-Jährige mit 1,59 Meter die Mindestgröße für das Klettern in der Takelage unterschritten habe.
Nach dem Tod der Offiziersanwärterin hatte die Kieler Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Wir haben zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Hinweise auf Fremdverschulden", sagte ein Sprecher der Anklagebehörde auf dapd-Anfrage. Die Ermittlungen stünden kurz vor dem Abschluss. Mit Blick auf die Zwischenfälle an Bord nach dem Tod der Soldatin fügte er hinzu: "Wir haben derzeit keinen Anlass, von einem Anfangsverdacht auf andere Straftaten auszugehen." Es gebe keine Hinweise auf Meuterei oder eine strafrelevante Nötigung.
Unterdessen forderte Mutter einer im September 2008 auf der "Gorch Fock" über Bord gegangenen Soldatin Jenny B. eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zum Tod ihrer Tochter. "Das hat aufgeklärt zu werden", sagte sie der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung" (Freitagausgabe). "Und ich frage mich natürlich, ob bei den Ermittlungen zum Todesfall unserer Jenny nicht auch Druck ausgeübt und den Soldaten gesagt worden ist: 'Ihr sagt nur das, was wir möchten.'" Sie fügte hinzu: "Von den sechs Toten auf der 'Gorch Fock' in den letzten zwölf Jahren hätten fünf nicht sein müssen. Vier sind aus der Takelage gestürzt. Da darf jetzt nicht mehr der Deckel draufkommen."
Seit langem gibt es die Kritik, dass Aufentern und Segelsetzen für die Ausbildung moderner Marineoffiziere nicht mehr notwendig seien. Der Wehrbeauftragte Königshaus hält grundlegende Zweifel an der Seekadettenausbildung auf der "Gorch Fock" aber für unangebracht: "Es geht jetzt nur darum, ob nach dem tödlichen Unfall die richtigen Maßnahmen getroffen wurden. Das Konzept selbst, das Schiff selbst – alles dies steht hier überhaupt nicht infrage." Der vorübergehende Ausbildungsstopp auf der "Gorch Fock" habe lediglich einer Deeskalation der aufgeheizten Stimmung an Bord gedient.
Auch der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, stellte sich hinter das Ausbildungskonzept. "Es gibt keine bessere Ausbildung als auf einem Schiff, wenn es um den Crew-Gedanken geht. Das hat sich über viele Generationen bewährt, und es wird sich auch in Zukunft bewähren", sagte Kirsch dem "Hamburger Abendblatt". Man müsse nun prüfen, ob Sicherheitsbestimmungen verletzt worden seien. "Wenn es so war, dann geht das zulasten der Ausbilder."
Die Offizieranwärterin Sarah Lena S. war am 7. November vergangenen Jahres während eines Hafenaufenthaltes im brasilianischen Salvador da Bahia aus der Takelage gestürzt und gestorben. Anschließend sollen sich andere Offiziersanwärter geweigert haben, in die Takelage zu klettern. Mittlerweile hat rund ein Fünftel der rund 270 Offiziersanwärter der Crew VII/2010 den Dienst quittiert. "Das ist eine normale Quote", sagte der Sprecher des Flottenkommandos. Der Anteil der Abbrecher bewege sich im Mittel der vergangenen Jahre.
(dapd)
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