Köln – Herbert Grönemeyers Kinder haben Papas neues Werk längst einer strengen Bewertung unterzogen. „Mein Sohn hat die Platte durchbenotet“, sagte der Sänger bei der Präsentation des am (morgigen) Freitag erscheinenden Albums „12“ in Köln. Das Urteil des 19-jährigen Felix fiel durchwachsen aus: „Von fünf Sternen bis zu einem Stern war alles vertreten.“ Die 17-jährige Marie war gnädiger: „Meine Tochter ist nicht ganz so streng mit ihrem Urteil.“ Und auch die Gäste der aufwendigen Album-Präsentation zeigten sich angetan.
Deutschlands wohl erfolgreichster Sänger kam im dunkelgrauen Anzug und schwarzem T-Shirt, gab sich locker, offen und bestens aufgelegt. Den schlichten Titel seines neuesten Machwerks hatte er schnell erklärt. „'12' heißt: Es ist mein 12. Album, es sind 12 Stücke drauf, ich habe am 12. Geburtstag.“
Fast fünf Jahre sind seit dem Erscheinen des Albums „Mensch“ vergangen. Das neue Werk ist etwas weniger persönlich als der knapp drei Millionen Mal verkaufte Vorgänger – mit vielschichtiger Gesellschaftskritik, einem aufmerksamen Blick auf die Umgebung, auf die Stimmung der Zeit und die Lebenswelt der Menschen.
Die erste Single „Stück vom Himmel“ setzt sich mit Religion und religiösem Eifer auseinander, mit den Problemen der Welt und des einzelnen. „Religion ist etwas Intimes, Privates“, sagt Grönemeyer. „Aber die Welt retten wir nur gemeinsam.“ „Marlene“ beschreibt durch AIDS ausgelöstes Leid, den Mangel an Medikamenten in Afrika. Aussagen, die dem Sänger am Herzen liegen. Er habe an einem persönlich Beispiel die Probleme erklären wollen, sagt er. „Flüsternde Zeit“ geht mit der Politik ins Gericht und wartet mit Fußball-Metaphorik auf: „Ihr spielt mehr harmlos als schlecht. Der Gegner kommt über rechts“, warnt der Sänger.
„Kopf hoch, tanzen“ ist geprägt von Keyboard-Sound und wurde vom kritischen Sohn zum besten Lied des Werkes erklärt. Aber Grönemeyer wäre nicht Grönemeyer, wenn nicht auch große Gefühle und getragenere Stücke ihren Platz hätten. Auf die ersten Textzeilen von „Leb in meiner Welt“ ist der Sänger stolz. „Deine Träume deut' ich nicht. Sie verlaufen sich. Ich hör' für dich, wie das Gras wächst. Ich sag' dir, was du willst. Du sitzt einfach still. Weil ich rede jetzt...“ singt er – schwärmt von Popcorn, Kitsch und vom „Tiefschneekamerad“. Er habe Lebensfreude beschreiben wollen, sagte er: „Es sind Kleinigkeiten. Ich habe versucht, Dinge zu finden, die einem Spaß machen.“
Die Arbeit mit seinem Produzenten Alex Silva sei großartig gewesen, sagte Grönemeyer. „Wir machen einen sehr guten Job zusammen. Wir reden viel miteinander, auch übers Leben.“ Sie ergänzten sich sehr gut, so der Sänger: „Er ist präzise, ich bin eher etwas schluderig. Wir haben uns gesucht und gefunden.“ Zur Fertigstellung eines neuen Albums, gestand er, müsse er sich jedes Mal zwingen: „Ich muss mir einen Termin setzen.“ Diese Herangehensweise sei für sein Umfeld freilich anstrengend: „Ich kann nur so arbeiten. Für die Mitarbeiter ist es nicht sehr spaßig.“
Die Musik macht der Künstler immer als erstes fertig, berichtete er in Köln. Schwerer falle ihm das Texten. „Das ist jedes Mal ein Kampf.“ Vor jeder neuen Platte sitze er da und denke „Das gibt diesmal nichts“, gestand der Sänger. Mit dem einen oder anderen Glas Rotwein mache er sich an die Arbeit, schreibe gelungene und weniger gelungene Texte: „Ich kann bei jeder Platte sagen, welche Texte im Nachhinein nicht so gut sind.“ Obwohl er in London lebt, habe er in seinen Texten nach wie vor einiges zu seiner Heimat zu sagen, betonte Grönemeyer. „Ich telefoniere täglich mit Deutschland, ich lese deutsche Zeitungen und sehe deutsches Fernsehen. Ich habe eine Meinung. Ich denke, noch was sagen zu dürfen.“
Dass ihm mancher vorwirft, er könne eigentlich gar nicht singen, weiß der Musiker nur zu gut – sieht das aber völlig anders. „Ich singe wahnsinnig gerne, auch wenn man denkt, ich kann das nicht“, berichtete er strahlend: „Und ich mache das auch ganz schön.“ Er habe „einen Tonumfang von zwei bis 14 Tönen“, witzelte der Sänger: „Auch Halbtöne sind dabei.“
Einer der wichtigsten Gründe für ein neues Album ist Grönemeyer zufolge ohnehin, dass er damit auch live auftreten kann: „Dass ich wieder auf Tour darf.“ Das Rezept für den perfekten Live-Song habe er aber noch nicht gefunden. „Wie es wirklich funktioniert, erfährst du erst, wenn du es das erste Mal spielst.“ Seine Fans scheinen dem Star aber zu vertrauen: Rund 800.000 Tickets sind für seine anstehende Tour bereits verkauft.
Mit solchen Zahlen im Rücken muss man sich nicht mehr profilieren. Wo er sich denn in der deutschen Musikszene einordne, wollte ein Journalist wissen? Da stutze selbst der redselige Grönemeyer einen kurzen Moment. Dann fiel ihm die Antwort ein. „Einer von denen.“
(AP)
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Schlagworte
(28.05.2007)
(15.05.2007)
Grönemeyer will Politikern immer wieder auf den Zahn fühlen
(12.03.2007)
Gottschalk ist ein Grönemeyer-Fan
(23.02.2007)
Grönemeyer für mehr Musikunterricht in Schulen
(29.11.2006)
Mediziner Grönemeyer fordert Gesundheitsunterricht an Schulen
(29.08.2006)
Mehr Hilfe für Afrika vor G-8-Hilfe gefordert
(30.06.2005)