Foto: Axel Schmidt
München/Berlin – Wettermoderator Jörg Kachelmann rechnet ab. Auf 384 Seiten. In seinem Buch rollt er ein dunkles Kapitel seines Lebens auf: die Vorwürfe seiner Ex-Freundin, sie vergewaltigt zu haben, 132 Gefängnistage und den langwierigen Prozess bis zu seinem Freispruch aus Mangel an Beweisen. Am Montag wurde "Recht und Gerechtigkeit", das er mit seiner Ehefrau Miriam geschrieben hat, veröffentlicht. Justiz, Polizei und Medien kommen dabei schlecht weg.
Rückblende auf den Beginn eines der spektakulärsten Vergewaltigungsprozesse Deutschlands: Kachelmann steht im März 2010 in einer Tiefgarage am Frankfurter Flughafen. Seine heutige Ehefrau hat ihn von seinem Flug aus Kanada abgeholt, gemeinsam wollen sie das Wochenende verbringen. Doch es kommt anders - Kachelmann wird festgenommen. Den Leser lässt der Wettermoderator in seinem Buch durch seine Brille blicken - anhand von kleinteiligen und sehr detailreichen Beschreibungen, etwa bei der Festnahme, als er in der Tiefgarage seinen Haftbefehl in den Händen hält. Die Szene beschreibt er so: "Die Geschichte war von vorne bis hinten erlogen, und ich war zuversichtlich, dass auch der dümmste deutsche Polizist so etwas aufdecken könnte. Damals kannte ich allerdings noch nicht die Kriminalpolizeiaußenstelle Schwetzingen."
Kachelmanns Ton ist unverblümt, auch sarkastisch, wenn er über die Justizvorgänge bis zum Freispruch schreibt. Das "Märchen aus der Provinz", wie der Untertitel des Buches lautet, gleicht aus seiner Sicht dann einem Albtraum. Die Situation, als er dem Haftrichter vorgeführt wird, schildert er so: "Essen ist nicht und Trinken erst nach mühsamer Nachfrage - Polizisten sind auch nur Menschen und behandeln einen eben als Verbrecher." Für das Leben im "Knast" - Kachelmann saß in der Justizvollzugsanstalt Mannheim - findet er drastische Worte und prangert die Regelung zu Besuchszeiten von Familienangehörigen an: "Schon nach kurzer Zeit gibt es nichts mehr zu resozialisieren, geschweige denn nach Jahren der Haft. Die einzigen Bezugspersonen sind die im Knast - und da wundern sich die Justizpolitiker über hohe Rückfallquoten."
"Ich war in der Hölle angekommen"
Wie ihr Mann spricht Miriam Kachelmann in der Ich-Form und beschreibt Szenen sehr detailliert - oftmals sehr emotional. Die beiden Autoren des Buches heirateten im März 2011 - damals lief der Prozess gegen Kachelmann noch. Die Festnahme ihres damaligen Freundes hat sie so in Erinnerung: "Er schien wie gelähmt, schaute ungläubig und hatte Tränen in den Augen. Ich sagte ihm: 'Nicht weinen, Schatz!' Er nickte." Den Moment, als er nach der Festnahme in der Gefängniszelle landet, schildert Kachelmann so: "Ich war in der Hölle angekommen und hatte zunächst keine Hoffnung mehr."
Das Buch ist in sieben Teile gegliedert. Sie lauten unter anderem "Das Gefängnis", "Die Verhaftung" oder "Die Wende". Auf dem Buchcover blickt Jörg Kachelmann den Leser mit großen Augen direkt an, er ist dunkel gekleidet, auch der Hintergrund ist grau gehalten. Das Paar hat seinen Schilderungen im Buch viele Dokumente beigefügt, darunter eine Liste mit einstweiligen Verfügungen, die Kachelmann gegenüber Medien erwirkte. In dem Buch wird immer wieder der Umgang von Medienvertretern mit dem Fall angeprangert. Kachelmann spricht im Buch von "vorverurteilenden Medienheinis und -heidis". Vor allem aber sieht er Mängel bei der Justiz. Unter anderen habe die Staatsanwaltschaft Mannheim die Medien gezielt mit Prozessunterlagen versorgt. Ein Gutachten hätte zudem dafür gesorgt, "dass ich mindestens einen Monat länger im Knast blieb und der Jagdeifer von Staatsanwaltschaft und 5. Kammer durchschlug. Sie witterten die Chance, mich dauerhaft in den Knast zu bringen", so die niederschmetternde Bilanz Kachelmanns.
Täter können auch Frauen sein
Die Kachelmanns verfolgen mit ihrem Buch eine Mission. Im Vorwort schreibt Kachelmann dazu: "Es ist unser Ziel, dass Falschbeschuldiger verurteilt und dass Justiz und Öffentlichkeit dafür sensibilisiert werden, dass es sich bei Tätern auch um Frauen handeln kann und diese nicht aufgrund ihres Geschlechts von vornherein und automatisch Opfer sind."
In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" (Montagausgabe) sagte Kachelmann vor der Erscheinung des Buches: "Im Bereich Missbrauch und Vergewaltigung sind Falschbeschuldigungen ein Massenphänomen geworden." Er wolle wirklich, dass jeder Vergewaltiger hinter Gitter komme. "Aber für Frauen sind Verleumdungen heute eine beliebte und effektive Waffe geworden."
Am Freitag wollen die beiden nach Angaben des Verlags ihr Buch auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren.
dapd
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