Berlin – Die Verbraucherzentralen blasen nach den jüngsten Strompreiserhöhungen zum Gegenangriff. Mit einer beispiellosen Kampagne wollen sie im nächsten halben Jahr mindestens eine Million Stromkunden zum Anbieterwechsel bewegen und damit gegen die Preispolitik der Großkonzerne vorgehen.
Ein Preis-Check in den 100 größten deutschen Städten habe gezeigt: „Jeder Wechsel lohnt sich“, betonte Gerd Billen, Vorstand des Bundesverbandes vzbv, am Donnerstag zum Start der Kampagne in Berlin. Im günstigsten Fall könne eine Familie dadurch bis zu 185 Euro im Jahr sparen.
Im Schnitt liegt das jährliche Einsparpotenzial bei 60 Euro pro Haushalt. Bemerkenswert sei, dass Ökostrom-Produkte in zwei Dritteln der Städte auch noch billiger seien als die Angebote der ortsüblichen Grundversorger. Es sei höchste Zeit, dass die Kunden der Preispolitik der Großunternehmen die rote Karte zeigten.
„Die Stromkunden müssen jetzt ein unmissverständliches Signal für mehr Wettbewerb und sinkende Preise setzen“, sagte auch Mieterbund-Präsident Franz-Georg Rips, der die Aktion unterstützt. Er wies darauf hin, dass die 21,5 Millionen Mieterhaushalte in Deutschland im Schnitt fünf Prozent ihrer Nebenkosten einsparen könnten, wenn sie zum günstigsten Anbieter wechselten.
Als ersten Erfolg werteten es die Verbraucherschützer, dass der RWE-Konzern offenbar den Verzicht auf seine für den Herbst geplanten Strompreiserhöhungen erwägt. RWE-Chef Harry Roels hatte zuvor erklärt, die Entscheidung über eine Preiserhöhung sei noch nicht gefallen. Letztlich müsse man die Weitergabe von Kostensteigerungen abwägen gegen die Gefahr, dadurch Kunden zu verlieren.
Wie groß diese Gefahr ist, hatte zuletzt Konkurrent Vattenfall erleben müssen. Der Stromkonzern hatte nach seiner Preiserhöhung Anfang Juli scharenweise Kunden verloren; für massive Kritik hatte danach außerdem die Pannenserie in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel gesorgt.
Der Naturschutzbund (NABU) forderte alle Vattenfall-Kunden auf, den Anbieter zu wechseln. „Den Strommix der Zukunft können wir selbst bestimmen, indem wir noch heute 'Good bye Vattenfall' sagen und zu einem Ökostromanbieter wechseln“, erklärte Bundesgeschäftsführer Leif Miller anlässlich der Hauptversammlung des Unternehmens in Berlin. In kaum einem Wirtschaftsbereich werde die Verbrauchermacht derzeit so deutlich wie im Energiemarkt.
Ähnlich äußerte sich die FDP-Energieexpertin Gudrun Kopp. „Das Beispiel Vattenfall zeigt, dass die Unternehmen nicht länger ihre Preise nach Gutsherrenart festsetzen können, sondern mit Gegenreaktionen der Verbraucher rechnen müssen“, erklärte sie.
Trotz der Liberalisierung des Strommarktes haben nach Angaben der Verbraucherschützer bis Ende 2006 erst sechs Prozent der Kunden – das sind rund 2,5 Millionen Haushalte – ihren Anbieter gewechselt. Laut Verband der Elektrizitätswirtschaft haben weitere 25 Prozent, also etwa zehn Millionen Haushalte, einen neuen Tarif bei ihrem bisherigen Anbieter gewählt.
„Würden alle 40 Millionen Haushalte ihr Sparpotenzial von durchschnittlich etwa 60 Euro nutzen, käme dies einem Einspar- und Konjunkturprogramm von über zwei Milliarden Euro gleich“, sagte Billen.
http://www.vzbv.de/ (AP)
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