Geesthacht – Während im abgeschalteten Kernkraftwerk Krümmel noch immer der ausgebrannte Transformator heruntergekühlt werden muss, erhitzten sich in Geesthacht vor den Toren des Meilers die Gemüter der Atomkraftgegner. „Das Feuer war nur 50 Meter vom Reaktor entfernt“, sagt Jochen Stay am Sonntag. Hätte es an anderer Stelle gebrannt, wäre die Situation möglicherweise nicht mehr zu kontrollieren gewesen. Rund 200 Menschen sind wir er zu einer kurzfristig einberufenen Demonstration gekommen.
Genau wie Stay fordern auch die anderen Aktivisten nach dem Brand in Krümmel die Abschaltung des Altreaktors. „Definitiv muss dieses Kraftwerk vom Netz gehen, allein schon vor dem Hintergrund der Leukämie-Fälle in der Elbmarsch“, sagt der Sprecher der Antiatomgruppe Contratom, Jan Becker. Immer noch ist nicht ausgeschlossen, dass das Kraftwerk mit gehäuften Fällen von Leukämie bei Kindern in der Region im Zusammenhang steht. Auf die von Krümmel ausgehende Gefahr will Becker mit einer besonderen Aktion hinweisen: Alle Demonstranten sollen sich vor den Zaun des Kraftwerks legen – als seien sie tot.
Natürlich sind vor allem die Bewohner der Region von dem Zwischenfall geschockt. „Krümmel in dichte Rauchschwaden gehüllt – da wird einem klar, dass man es nicht mit einem Spaßbad zu tun hat“, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch, Uwe Harden. Schließlich sei der Trafo regelrecht geplatzt, und es habe eine Explosion gegeben, die in 500 Metern Entfernung Scheiben habe klirren lassen, sagt Harden, der die SPD im niedersächsischen Landtag vertritt.
Auch Greenpeace bringt den Protest vor Ort zum Ausdruck. Seit Samstagmittag ankert das Segelschiff „Beluga II“ gegenüber dem Kraftwerk in der Elbe. „Immer wieder kommen Anwohner vorbei, die ihre Sorge ausdrücken und Zustimmung zu unserer Aktion signalisieren“, sagt Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer. Die Mahnwache soll bis zum Energiegipfel am Dienstag aufrechterhalten werden. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass die Energieunternehmen das Treffen nutzen wollten, um für Atomkraft zu werben und Laufzeitverlängerungen zu erreichen, sagt Breuer.
„Frau Merkel: Wir brauchen keine gefährliche Atomkraft!“ ist tagsüber auf einem großen gelben Plakat an Bord des Greenpeace-Schiffes zu lesen. Nachts wird der Satz in riesigen Buchstaben auf die Wand des Reaktorgebäudes projiziert. Greenpeace fordert einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie, als er gesetzlich festgelegt ist. Durch die beiden Zwischenfälle haben die Kritiker neuen Rückenwind bekommen. „Das hat in der breiten Bevölkerung gezeigt, dass das Risiko nicht zu kontrollieren ist“, sagt Breuer.
Unterdessen ist Vattenfall, der Betreiber der Atomkraftwerke Krümmel und des am Donnerstag ebenfalls notabgeschalteten Brunsbüttel, damit beschäftigt, den Betrieb wieder aufzunehmen. In Brunsbüttel wurde in der Nacht zum Sonntag mit dem Wiederanfahren begonnen. „Das ist ein sehr komplexer technischer Vorgang, der in der Regel 24 Stunden dauert und auch mal nach oben abweichen kann“, sagt Vattenfall-Sprecher Ivo Banek.
Am Samstag hat die für Reaktorsicherheit in Schleswig-Holstein zuständige Ministerin Gitta Trauernicht (SPD) nach einer ausführlichen Beratung mit Gutachtern und Vattenfall ihr OK für das Wiederanfahren gegeben.
Bis Krümmel wieder ans Netz gehen kann, wird es wohl noch eine Weile dauern. Am Montag sollen die Gutachter den Brandherd besichtigen, der das ganze Wochenende hindurch noch runtergekühlt wurde. „Es ist nur noch eine Brandwache vor Ort, um zu gewährleisten, dass durch die Hitze keine neuen Brandherde entstehen“, sagt Banek. In dem Gebäude herrschten am Samstag noch rund hundert Grad, so dass es nur von einem Kran von oben aus untersucht werden konnte. Über dem Gelände hing noch Qualm von den Lösch- und Kühlarbeiten.
Die Demonstranten vor dem Zaun von Krümmel kritisieren auch die Informationspolitik des Unternehmens. „Das ist ein Beispiel dafür, wie uns Sicherheit vorgegaukelt wird“, sagt der Aktivist Becker. Am Donnerstag um 15.00 Uhr sei der Brand in Krümmel gemeldet worden; um 17.00 Uhr habe Vattenfall verkündet, er sei gelöscht. Tatsächlich kämpfte die Feuerwehr am Samstag noch mit Brandherden. „Da kann man Donnerstag doch nicht von gelöscht reden, das nenn' ich eine Informationspolitik, die die Bevölkerung hinhält“, sagt Becker. Als weiteres Beispiel führt er die Vorgänge im Atomkraftwerk Brunsbüttel an: „Da hat es auch gebrannt.“ Aber das habe Vattenfall nicht gemeldet, bis der TÜV damit an die Öffentlichkeit getreten sei. (AP)