Medizin – „Mitgefühl ist der allerwichtigste Faktor“ – Walter Willems
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Aufrichtige, informiertere Kinder „Mitgefühl ist der allerwichtigste Faktor“

Walter Willems

03.04.2009

Frankfurt/Main – Der Entschluss fiel beim Surfen im Internet. Eigentlich wollte Nicole Nightingale sich über das Leben von Hühnern informieren. Als die 14-Jährige dann im Internetportal YouTube in allen Einzelheiten sah, wie die Tiere geschlachtet werden, stand ihre Entscheidung fest: Fortan werde sie kein Fleisch mehr essen, teilte sie den völlig verdutzten Eltern mit.

Ihre Geschichte sei typisch für jugendliche Vegetarier, glaubt das Mädchen aus Safety Harbor im US-Staat Florida. „Immer mehr Kinder nutzen das Internet“, sagt die Achtklässlerin. „Sie sind neugierig und wollen herausfinden, wer sie sind.“ Zwar können die drastischen Filmaufnahmen, die jedes Kind auf YouTube abrufen kann, ein sensibles Gemüt tief schockieren. Aber wie vielen Jugendlichen solche Videos tatsächlich dauerhaft den Appetit auf Fleisch verderben, ist nicht bekannt.

Die Zahl der Vegetarier nimmt bundesweit deutlich zu. Schätzungen durch die KiGGS-Studie zufolge ernähren sich mindestens acht Prozent der Deutschen inzwischen fleischlos. Noch vor rund 25 Jahren waren es weniger als 1 Prozent. Parallel nimmt auch die Zahl der Menschen zu, die vollständig auf tierische Lebensmittel verzichten, also auch auf Eier, Milchprodukte oder Honig. Hinter dieser sogenannten veganen Ernährung steht meist der Wunsch, Leid von Tieren zu verhindern. Von den Jugendlichen in Deutschland ernähren sich rund drei Prozent ohne Fleisch. Der Anteil bei den Mädchen im Alter von 14 bis 17 Jahren übersteigt sogar sechs Prozent. Währenddessen ernähren sich In den Vereinigten Staaten insgesamt fast 370.000 amerikanische Heranwachsende fleischlos, wie eine Studie der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDCP ergab. Dies entspricht zwar nur einem halben Prozent der Bevölkerung unter 18 Jahren, aber bei Jugendlichen liegt der Anteil um das Vier- bis Sechsfache höher.

Sorge um das Wohl der Tiere steht im Mittelpunkt

Zumindest in den USA gehen Beobachter davon aus, dass die Zahl der jungen Vegetarier steigt. Der Grund dafür ist – im Gegensatz zu vielen Erwachsenen – weniger der Blick auf die Gesundheit oder das Körpergewicht als vielmehr die Sorge um das Wohl der Tiere. „Mitgefühl ist der allerwichtigste Faktor“, sagt Richard Schwartz, Präsident der Jüdischen Vegetarier von Nordamerika. „Wenn Kinder herausfinden, dass das, was sie essen, einmal lebende Tiere waren, und wenn sie dann noch ein Haustier haben...“

Hierzulande registriert der Vegetarierbund Deutschland eine Zunahme der vegetarischen Ernährung. Ob auch immer mehr Heranwachsende Tofu statt Schnitzel und Käse statt Wurst bevorzugen, weiß allerdings niemand.

Mathilde Kersting vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung hat keine Bedenken, wenn Kinder auf Fleisch verzichten – so lange sie auf andere tierische Lebensmittel wie Käse, Milch und Eier zurückgreifen. „Eltern sollten die Ruhe bewahren“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin. „Allerdings müssen Vegetarier besser auf eine ausgewogene Kost achten.“

Dies gelte insbesondere für Kleinkinder sowie für Mädchen nach dem Einsetzen der ersten Regelblutung. „Das größte Problem ist die Eisenzufuhr“, erläutert Kersting. Fleisch enthalte viel Eisen, das der Organismus leicht verwerten kann. Zwar steckt das Spurenelement auch reichlich etwa in Hülsenfrüchten oder Vollkornprodukten. Aber Eisen aus pflanzlicher Quelle kann der Körper schlechter aufnehmen. „Deshalb sollte man eisenreiche pflanzliche Produkte in Kombination mit Vitamin C essen“, sagt Kersting. „Das unterstützt die Eisenabsorption.“ Anders ausgedrückt: Vegetarier sollten zum Vollkornbrot oder -müsli ein Glas Orangensaft trinken. Koffein drosselt dagegen die Eisenausbeute des Organismus.

Pflanzenkost zur Krankheitsprävention

Generell dürfte es Ernährungsforscher sogar freuen, wenn Kinder und Jugendliche sich beim Fleischverzehr zurückhalten. Denn bei ihnen beklagt der Ernährungsbericht 2008 eine „suboptimale Lebensmittelauswahl“. Demnach konsumieren Heranwachsende zu viel fettreiche tierische Produkte und zu wenig pflanzliche Lebensmittel, insbesondere Gemüse, konstatiert der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung herausgegebene Bericht.

„Wir empfehlen grundsätzlich, sich stärker pflanzlich zu ernähren und tierische Lebensmittel nur in mäßigen Mengen zu konsumieren“, rät Kersting. Eine solche Kost sei nicht nur kalorienärmer, sondern beuge auch gegen spätere Beschwerden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs vor.

Insbesondere appelliert die Expertin an die Vorbildfunktion von Vater und Mutter: „Eltern prägen die Ernährungsgewohnheiten ihrer Kinder.“ Dass familiäre Einflüsse mitunter auch in umgekehrter Richtung erfolgen, zeigt die weitere Geschichte von Nicole Nightingale: Anfangs missbilligte ihre Mutter die Entscheidung der Tochter. Inzwischen ist sie selbst Vegetarierin. (AP)

 

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