Aktuelle Nachrichten – Geschichte
13.08.2011
Foto: AP/dapd
Dieser Satz geäußert auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961 vom damaligen SED-Parteiführer und Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Walther Ulbricht, scheint in der Nacht vom 12. auf den 13. August desselben Jahres keine Rolle mehr zu spielen. Nach der von Ulbricht langersehnten Einwilligung durch den sowjetischen Partei- und Regierungschef Chruschtschow, erteilt Ulbricht in jener Nacht den Befehl zur Abriegelung der Berliner Sektorengrenze.
Umschläge mit akribisch vorbereiteten Einsatzbefehlen, ausgearbeitet durch eine Planungskommission um Erich Honecker, SED Politbüromitglied und Sekretär für Sicherheit im Zentralkomitee, der nun auch die Durchführung der Operation betreute, wurden kurz darauf in den Kasernen und betreffenden Abteilungen geöffnet. Betriebskampfgruppen, Volks- und Bereitschaftspolizisten bezogen daraufhin an der Sektorengrenze Stellung, der Verkehr wurde gestoppt, das Straßenpflaster wurde aufgerissen Asphaltstücke und Pflastersteine wurden zu Barrikaden errichtet, Betonpfähle eingerammt und Stacheldrahtverhaue gezogen. Kontrollposten wurden entlang der gesamten Sektorengrenze aufgestellt. Verdeckt im Hintergrund standen Verbände der Nationalen Volksarmee und sowjetische Streitkräfte bereit, falls es zu größeren Unruhen kommen sollte.
Berliner fühlten sich im Stich gelassen
Doch außer einigen größeren Menschenansammlungen auf beiden Seiten der Grenze, einigen Grenzdurchbrüchen von Ost nach West und Jugendlichen, die sich an den Stacheldrahtverhauen von westlicher Seite zu schaffen machten und die Einsatzkräfte beschimpften, gab es nicht viel zu melden. Einzig nach der Stippvisite des Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, am Brandenburger Tor, um die nach seinen Worten „Sperrwand eines Konzentrationslagers“ zu inspizieren, drückten verstärkt vom Westen aus Berliner gegen die Absperrung der Westberliner Polizei, „verletzten“ damit die Sektorengrenze, warfen Steine. Auch der Einsatz von Wasserwerfern gegen sie und das Auffahren von Schützenpanzerwagen brachte keine Beruhigung. Schließlich wurde der Ausfall eines Wasserwerfers von den Ostberlinern genutzt, um gezielt durch gemeinsame Anstrengungen mit den Berlinern auf westlicher Seite die Grenze von Ost nach West zu durchbrechen. Gegen Abend beruhigte sich die Lage wieder.
Verzweiflung, Wut, Empörung, Resignation und Trauer
Von Seiten der West-Allierten waren nur wenige Reaktionen zu vernehmen, selbst die Bundesregierung und der Bundespräsident handelten verhalten. Die Berliner fühlten sich dadurch vom Westen im Stich gelassen. Verzweiflung, Wut, Empörung, Resignation und Trauer waren bei den Ost- wie Westberlinern am deutlichsten zu spüren.
Weniger, doch auch vorhanden, gab es in Teilen der DDR Zustimmung für die Abriegelung, da bei einigen aufgrund der Fluchtbewegung in den Westen und durch die Einkäufe von West-Berlinern im Ostteil der Stadt – bei einem Schwarzmarktkurs der D-Mark zur Ostmark von eins zu sechs – das Gefühl entstand: „Da muss was geschehen!“. Vielleicht auch angeregt durch die propagandistischen Nachrichten im Osten hofften sie, dass durch den Mauerbau die DDR in eine neue Phase ungestörten wirtschaftlichen Aufschwungs und sozialistischen Aufbaus eintreten könnte. Ist die innere Stabilisierung erreicht, so die Hoffnung, verschwindet die Mauer eines Tages von ganz alleine. Rückblickend wird deutlich, dass bis zum letzten Tag der DDR nie durch die Funktionäre erwogen wurde, die Mauer wieder abzubauen.
Die endgültige Spaltung Deutschlands schien besiegelt
In der Nacht vom 17. zum 18. August schließlich ersetzen Bautrupps den Stacheldraht durch Mauern aus Hohlblocksteinen. Die endgültige Spaltung Deutschlands schien besiegelt zu sein, wurde doch das letzte „Schlupfloch“ in den Westen, die Zonengrenze zu Westberlin, gestopft.
Nur so war in den Augen von Walther Ulbricht und anderen Funktionären das drohende Ende der DDR aufzuhalten. Denn Monat für Monat zog ein Flüchtlingsstrom von Menschen nach Westberlin, sei es aufgrund der schlechten ökonomischen Verhältnisse in der DDR, weil sie Grund und Boden durch die Zwangskollektivierung verloren hatten, weil sie aufgrund ihres christlichen Glaubens verfolgt wurden, sie sich in ihrer persönlichen Freiheit durch die politischen Verhältnissen eingeschränkt sahen, oder einfach, weil sie die Trennung von den Verwandten überwinden wollten.
Fast drei Millionen Menschen flohen bis 1961 aus der DDR
Allein im Juli 1961 entschieden sich 30.415 Menschen zu fliehen, dies war der höchste Stand seit 1953. Ingesamt verließen von 1949 -1961 fast drei Millionen Menschen die DDR. Unter ihnen Hochschullehrer, wissenschaftliche Assistenten, Akademiker und Ingenieure. Der Weggang gerade der qualifizierten Arbeitskräfte war für die DDR schwer zu verkraften einige sahen bereits ihr Ende kommen. Doch anstatt die Lebensverhältnisse für die Bevölkerung zu verbessern und die persönlichen Rechte jedes Einzelnen zu schützen, mauerte man die Bevölkerung unter der Parole, einen „antifaschistischen Schutzwall“ errichten zu wollen, ein und reagierte auf jeden Fluchtversuch mit Gewalt, sei es durch den Einsatz von Schusswaffen, Minen, abgerichteten Hunden oder später durch Selbstschussanlagen.
Ein Nebeneffekt dieser Gewaltanwendungen war, dass die Bevölkerung geängstigt und verunsichert wurde. Dies führte auch zu Todesfällen, wie in dem Falle der 58-jährigen Ida Siekmann, dem ersten Todesopfer an der Berliner Mauer. Sie verunglückte beim Sprung aus ihrer Wohnung im dritten Stock nachdem, einen Tag zuvor Grenzsoldaten ihre Haustür verbarrikadiert hatten, die nach West-Berlin führte und bis dahin von ihr noch genutzt werden konnte.
Seit dem 18. August wurden Eingangstüren, die auf den West-Berliner Gehweg führten, zugenagelt oder vermauert und stattdessen neue Zugänge über die Höfe geschaffen. Zwei Tage später, am 24. August, starb das zweite Opfer, der 24-jährige Günter Litfin bei einem Fluchtversuch, erschossen durch Polizeikräfte der DDR. Er versuchte schwimmend ein Hafenbecken zu überqueren, um nach Westberlin zu gelangen. Nach Untersuchungen des Forschungsprojektes des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer starben zwischen 1961 und 1989 mindestens136 Menschen an der Berliner Mauer, weil sie erschossen wurden, verunglückten oder sich angesichts ihres gescheiterten Fluchtversuches das Leben nahmen. Die Fluchtversuche ungeachtet der Gefahren, die mit ihnen verbunden waren, spiegeln die Verzweiflung, die Wut, wie auch die Trauer über die eigene Situation wider.
Die Unfreiheit beginnt im Herzen
In den 28 Jahren zwei Monaten und 28 Tagen des Bestehens der innerdeutschen Grenze sterben schließlich um die tausend Menschen auf der Flucht aus einem Gefängnis, das sich demokratischer Staat nennt und in dem nur durch Anpassung an ein rigides Gedankensystem, Rückzug in die familären Nischen oder durch Annahme der Idee des Sozialismus, einer Illusion, ein Leben möglich war. Machtstreben, persönlicher Ruhm und eigene Interessen bildeten für viele Funktionäre den Ausgangspunkt ihres Handelns. Andere glaubten tatsächlich an die Idee – bis zum Ende der DDR manche darüber noch hinaus. Der 50. Jahrestag des Mauerbaus steht bevor.
Das wirft Parallelen auch zum Nationalsozialismus und anderen totalitären gedanklichen Systemen auf. Ein Spruch besagt, die Unfreiheit beginnt immer im eigenen Herzen. Durch ihre Taten war offensichtlich, wie es in den Herzen der Mächtigen aussah. Doch was dem Menschen im Tiefsten innewohnt, ist der Drang nach Freiheit und Entfaltung im Geiste wie auch in der Tat. Die Geschichte zeigte bereits mehrmals, dass keine Kräfte dies einzuschränken vermögen. Den Fall der Mauer feiern wir mit dem 22. Jahrestag am 9. November.
(11.08.2011)
Bettina Röhl über das Erfolgsrezept der Kommunisten im Westen
(03.08.2011)
Berliner Mauerbau brachte SED 28 Jahre Zeit
(15.07.2011)
Die Mauer - Eine Grenze durch Deutschland
(14.06.2011)
(19.07.2010)
Was noch verschwand: Der Stasi-Knast
(03.11.2009)
(07.10.2009)
(23.12.2008)