Umwelt – „Niemand sollte seinen Einfluss unterschätzen“ – DAPD
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Interview zum Artenschutz „Niemand sollte seinen Einfluss unterschätzen“

DAPD

29.05.2008

Ein Holzfäller schlägt an einer nicht genehmigten Stelle Holz in Aceh Besar, Indonesien. Eine Studie über die weltwirtschaftlichen Kosten der Naturzerstörung steht heute im Mittelpunkt der UN-Artenschutzkonferenz in Bonn. (AP Photo/Binsar Bakkara, File)
Ein Holzfäller schlägt an einer nicht genehmigten Stelle Holz in Aceh Besar, Indonesien. Eine Studie über die weltwirtschaftlichen Kosten der Naturzerstörung steht heute im Mittelpunkt der UN-Artenschutzkonferenz in Bonn. (AP Photo/Binsar Bakkara, File)
Der Direktor des Frankfurter Zoologischen Gartens, Manfred Niekisch: "Die Geschwindigkeit, in der die Arten aussterben, ist inzwischen bis zu 1.000 Mal höher als normal. Wir haben es mit einem massiven Rückgang zu tun", sagte Niekisch, Vizepräsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), im Interview. (AP Photo/Michael Probst)
Der Direktor des Frankfurter Zoologischen Gartens, Manfred Niekisch: "Die Geschwindigkeit, in der die Arten aussterben, ist inzwischen bis zu 1.000 Mal höher als normal. Wir haben es mit einem massiven Rückgang zu tun", sagte Niekisch, Vizepräsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), im Interview. (AP Photo/Michael Probst)

Frankfurt/Main – Mit dem Kauf ökologisch produzierter Nahrungsmittel und dem Verzicht auf nicht-zertifiziertes Tropenholz kann jeder Einzelne zum Erhalt der weltweiten Artenvielfalt beitragen. „Niemand sollte seinen Einfluss unterschätzen, jeder kann etwas tun“, sagte der Vizepräsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR) und Direktor des Frankfurter Zoologischen Gartens, Professor Dr. Manfred Niekisch, im Interview. In Bonn läuft derzeit eine internationale Konferenz zum Artenschutz. Nachfolgend das Interview im Wortlaut.

Was sind die größten Gefahren für die Vielfalt der Arten auch hier in Deutschland?

Niekisch: Weltweit sind die größten Gefahren Lebensraumzerstörung und der Klimawandel, der sich in den einzelnen Regionen aber ganz unterschiedlich auswirkt. Die Geschwindigkeit, in der die Arten aussterben, ist inzwischen bis zu 1.000 Mal höher als normal. Wir haben es mit einem massiven Rückgang zu tun.

In Deutschland ist die Biodiversität, also die Vielfalt der Arten und Ökosysteme, ohnehin schon sehr eingeschränkt. Zu kritisieren sind besonders die intensive Landwirtschaft, zunehmende Flächenversiegelung und die Zerstückelung der Lebensräume. Schutzgebiete stehen nicht mehr miteinander in Verbindung, zahlreiche Tier- und Pflanzenarten haben so keine Möglichkeit zum genetischen Austausch. Die meisten Schutzgebiete hierzulande sind auch so klein, dass die negativen Einwirkungen von außen sehr groß sind.

Welche Folgen hat das Artensterben für uns Menschen?

Niekisch: Wir kennen nur einen geringen Teil aller vorhandenen Pflanzen- und Tierarten, deshalb gehen uns nicht nur die tatsächlichen, sondern auch potenzielle Nutzungsmöglichkeiten verloren. Das hat weitreichende Folgen für die menschliche Ernährung und auch die medizinische Versorgung.

Nutzpflanzen müssen häufig mit Wildpflanzen rückgekreuzt werden. Das ist besonders mit Blick auf den Klimawandel wichtig, geht aber nur, so lange die Wildpflanzen überhaupt vorhanden sind. Die medizinische Versorgung großer Teile der Weltbevölkerung gerät in Gefahr, wenn die Pflanzen aussterben, aus denen Wirkstoffe gewonnen werden.

Ganz zu schweigen von all den Möglichkeiten, die sich bisher noch in der Natur verbergen. Wir verlieren also nicht nur ein paar seltene Tier- und Pflanzenarten, sondern wir verlieren jede Menge künftige Nutzungsoptionen.

Der Mensch braucht eine bestimmten Umgebung und ein bestimmtes Klima zum Überleben. In den Entwicklungsländern sind die dramatischen Folgen des Verlustes an Biodiversität bereits zu beobachten. Es sind hier häufig ökologische Gründe, die die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen.

Was erwarten Sie von der Bonner Konferenz?

Niekisch: Es muss klarwerden, dass es mit der Biodiversitäts-Konvention so nicht weiter geht. Es ist nur sehr wenig erreicht worden. Unter anderem muss vor allem klarwerden, dass der Schutz der Biodiversität eine Frage ist, die nicht nur Biologen und Naturschützer angeht, sondern dass es hier um Armutsbekämpfung, Ernährungssicherung und Frieden geht. Viele der Konflikte etwa in Afrika sind auf ökologische Probleme zurückzuführen.

Was kann und sollte Deutschland zur Bewahrung der Artenvielfalt tun?

Niekisch: Die Bundesrepublik sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Die Konferenz in Bonn wird viele Blicke aus der ganzen Welt auf unser Land und seinen Umgang mit der Natur ziehen. Wir haben in Deutschland eine sehr gute Biodiversitäts-Strategie, nur die muss auch umgesetzt werden. In Deutschland ist Naturschutz Ländersache. Deshalb brauchen wir zum Beispiel einheitliche Qualitätsstandards für Nationalparks, zudem brauchen wir mehr und größere Naturschutzgebiete.

Was kann und sollte jeder Einzelne beitragen?

Niekisch: Niemand sollte seinen Einfluss unterschätzen. Jeder kann etwas tun. So können wir als Verbraucher mit dem Kauf ökologischer Nahrungsmittel die Natur schützen helfen, denn unter anderem schließen wir damit den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft aus.

Das gilt auch beim Kauf anderer Produkte wie etwa Holz. Muss es Tropenholz sein, sollte man nicht zertifizierte Ware meiden. Mit dem Kauf lokaler Produkte wie zum Beispiel Mineralwasser aus der Region vermeiden wir zudem lange Transporte. Die Nachfrage bestimmt auch hier den Markt.

Abfallvermeidung und Energieeffizienz sind weitere Schlagworte. Natur- und Umweltschutz müssen nichts mit einer Einschränkung der Lebensqualität zu tun haben.

Gibt es einen Weg zurück?

Niekisch: Nicht beim Artensterben, denn Ausrottung ist endgültig. Wir leben in einer hoch entwickelten Gesellschaft und müssen uns überlegen, ob wir unseren Lebensstil ändern wollen, uns der Knappheit der Ressourcen bewusstwerden und die Verantwortung wahrnehmen, die wir auch gegenüber den Entwicklungsländern haben. Das Ziel, das Artensterben bis zum Jahr 2010 zu stoppen, muss auf jeden Fall weiter verfolgt werden, wenn es auch weltweit in dem Zeitraum nicht mehr realistisch ist.

(Die Fragen stellte Isabell Scheuplein) (AP)

 

 

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