East Lansing/USA - Vor einem Jahr versank das Viertel, in dem Tinisha Speed in New Orleans lebte, in den Fluten von Hurrikan «Katrina». Der Wiederaufbau der Stadt kommt inzwischen voran, und auch das Leben von Speed und ihren drei Kindern ist wieder zur Normalität zurückgekehrt - allerdings fast 1.500 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt: Die Familie lebt in einer kleinen Wohnung in East Lansing im US-Staat Michigan.
Die Schätzungen, wie viele «Katrina»-Evakuierte noch in Michigan leben, reichen von einigen Hundert bis zu mehreren Tausend. Viele suchen nach fast zwölf Monaten noch immer nach Arbeit und versuchen, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. «Die Leute sind aus allem herausgerissen worden, was sie kannten, und sie müssen nochmal komplett von vorn anfangen», sagt Speed. Für die 26-Jährige bedeutet das: Während ihre Mutter in New Orleans fast um die Ecke wohnte, lebt sie nun nach «Katrina» im weit entfernten Texas. Ihr Lebensgefährte zog zunächst mit nach Michigan, kehrte im Winter aber nach Louisiana zurück und ist inzwischen verstorben. Ganz oben auf ihrer Wunschliste stehen ein Teilzeitjob und mehr persönliche Kontakte in East Lansing.
Die meiste Unterstützung bekommt Speed noch von einer Nachbarin, die inzwischen fast zur Familie gehört. Sie habe noch oft an ihrer Situation zu knabbern, aber eigentlich wirklich Glück gehabt, erklärt die junge Frau: Ihr elf Jahre alter Sohn Trayvon hat sich in seiner Schule gut eingelebt, und auch die beiden Kleinen, der zwei Jahre alte Anthony und die einjährige Jakira, fühlen sich offenbar wohl in der neuen Heimat.
Andere «Katrina»-Flüchtlinge haben noch größere Probleme. Linda Cottles kam in einem Vorort von Detroit unter, Ende September läuft der Mietvertrag für ihr Apartment aus. Zurzeit bemüht sich die 56-Jährige bei der Katastrophenschutzbehörde FEMA um Unterstützung für eine neue Wohnung. Finanzielle Hilfe soll sie aber nur bekommen, wenn sie wieder in ihr altes Haus in New Orleans zieht. «Das ist einfach nur dumm», klagt Cottles: Seit «Katrina» war sie nicht mehr in Louisiana und weiß nicht einmal, ob ihr Haus überhaupt noch steht.
Sorgen macht ihr außerdem, dass sie noch immer keine Arbeit gefunden hat. Die Jobsuche ist für «Katrina»-Flüchtlinge eine der größten Schwierigkeiten beim Aufbau eines neuen Lebens in Michigan. Der Staat hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten in den USA, im Juli lag sie bei sieben Prozent. Und nicht alle könnten auch arbeiten, selbst wenn sie eine Stelle hätten: Der Schock nach den Ereignissen während und nach dem Hurrikan sitzt bei vielen noch zu tief. Die Leute bräuchten einfach Zeit, um über all das hinwegzukommen, sagt Wallace Wells, der Hilfsangebote für die Evakuierten organisiert.
Allein nach Michigan wurden nach «Katrina» Anfang September hunderte Flüchtlinge geflogen. Hunderte weitere trafen in Bussen und Autos ein, nachdem sie es in den überfüllten Notunterkünften im Süden des Landes nicht mehr ausgehalten hatten. In allen 50 US-Staaten sind nach Schätzung der Regierung Evakuierte gelandet, und längst nicht alle sind mit ihrer Situation zufrieden.
Rund 55.000 Dollar müsse er von seinem Gehalt als Postsortierer sparen, um von Salt Lake City nach New Orleans zurückkehren und sein Haus wieder aufbauen zu können, rechnet Robert Ladmirault resigniert vor. «Utah ist kein Zuhause», sagt er. «Ich muss wieder zurück». Viele wussten vor ihrer Evakuierung nicht einmal, wohin sie gebracht wurden. Als die 15 Mitglieder der Familie Collins aus dem Hurrikangebiet ausgeflogen wurden, rechneten sie damit, im texanischen San Antonio zu landen. Ausgestiegen sind sie in Salt Lake City - wo es kaum andere Schwarze gibt.
Rodney Francis und seine Frau Tiffany haben sich mittlerweile in Dallas eingerichtet. Sie vermissen vieles: die Verwandten, die in New Orleans nur einen kurzen Spaziergang entfernt wohnten, das herzliche Verhältnis zu Nachbarn, das sich hier einfach nicht einstellen will. Seit «Katrina» fühle sich sein Leben wie ein endloser, orientierungsloser Urlaub an, sagt Rodney Francis. Nach New Orleans zurück will er trotzdem nicht. Die Politik, die in der Stadt gemacht werde, die zunehmende Gewalt, der Müll, davon hat er genug: «Ich will nicht in eine Stadt investieren, die nicht in sich selbst investiert.»
(AP)
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