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UN-Habitat „Nur Entwicklung überzeugt vom Frieden“

André Spangenberg/AP

20.01.2011

Internationale Hilfsorganisationen verirren sich nur selten in dieses vor allem von Usbeken, Tadschiken und Hasara bewohnten Gebiet. Foto: Amad Nazar/AP Photo
Internationale Hilfsorganisationen verirren sich nur selten in dieses vor allem von Usbeken, Tadschiken und Hasara bewohnten Gebiet.

Foto: Amad Nazar/AP Photo

Kabul – Stolz läuft Projektmamanager Mohammad Rahman durch das einstige Armenviertel von Kabul. Dort, wo noch vor zwei, drei Jahren die Straßen keine Namen und Häuser keine Nummern hatten, wo es kaum Elektrizität gab und fließend Wasser ein Fremdwort war, wo die staubigen Wege zwischen den Gehöften nur eine Kloake war, ist im Niemandsland neues Leben entstanden. "Hier versickern keine Hilfsgelder. Hier ist Korruption ein Fremdwort", sagt Rahman.

Der Afghane ist im Auftrag UN-Organisation für Stadtentwicklung, Siedlungswesen und Wohnungsversorgung in Entwicklungsländern, UN-Habitat, beim Wiederaufbau seiner Heimatstadt aktiv. 70 Prozent der Menschen in Kabul, so weiß er zu berichten, leben unter sogenannten informellen Bedingungen. Nirgendwo gemeldet, für keinen interessant. Und internationale Hilfsorganisationen verirren sich nur selten in dieses vor allem von Usbeken, Tadschiken und Hasara bewohntes Gebiet. Kabul ist hauptsächlich paschtunisch. Offiziell.

Genau deshalb hat sich die UN-Organisation, die auch mit deutschen Hilfsgeldern arbeitet, 2008 dieses Pilotprojekt ausgesucht. Das Ziel: einem grauen Fleck auf dem Stadtplan von Kabul ein Gesicht und den zigtausenden Menschen in dem Areal in nur drei Jahren eine Zukunft geben. "Wir geben logistische Unterstützung. Den 'Rest' machen die Menschen hier allein", erzählt Rahman.

Neu an dem Hilfsprojekt ist, dass die urbane Entwicklung "nicht von oben verordnet", sondern – typisch afghanisch – in Versammlungen lange diskutiert, dann priorisiert und schließlich zumeist mit eigener Muskelkraft umgesetzt wird. Pro Haushalt stellt UN-Habitat umgerechnet 231 US-Dollar bereit. "Das klingt nicht viel", sagt Rahman, "aber in der Summe kommen schon gut 50.000 Dollar zusammen, die für die eigenen Projekte ausgegeben werden können."

Zwei grundsätzliche Bedingungen sind an die Auszahlung der Gelder geknüpft. Erstens müssen diese Projekte in dem jeweiligen Wohngebiet, das in der Regel bis zu 250 Haushalte umfasst, einhellig beschlossen werden. Und zweitens muss ein eigenes Konto existieren. "Das schult, mit dem Geld auch gewissenhaft umzugehen", weiß Rahman. Da sei schon mal ein heftiger Streit ausgebrochen, warum ein Stuhl teuer in der Innenstadt eingekauft wurde, statt ihn für ein paar Afghani selbst anzufertigen. "Die Selbstkontrolle funktioniert sehr gut."

Auch der Lerneffekt bei der Organisation des "Quartiermanagements" – wie es offiziell heißt – sollte nicht unterschätzt werden, fügt Rahman hinzu. Denn gerade in diesen "informellen" Gebieten war von Gleichberechtigung kaum etwas zu spüren. So hat sich beispielsweise der Frauen-Rat eines Quartiers für den Bau eines Kindergartens ausgesprochen – und der Männer-Rat hat dieses Projekt in der Priorität stark herabgestuft. Als die getrennt tagenden gut 20 Frauen davon hören, versichern sie: "Wir werden weiter für das Projekt kämpfen."

Bei so viel weiblichem Selbstbewusstsein zuckt selbst Rahman kurz zusammen. Schließlich ist der Mittfünziger im traditionellen Rollenverständnis aufgewachsen. Sich in die Nähe seiner Frau zu setzen, das würde er auch heute noch nicht nur als unhöflich ansehen, sondern als klare Beleidigung. Doch findet er es zumindest gut, wenn die Frauen sich organisieren. Gerade sie würden Ordnung und auch Sauberkeit in die Straßen bringen, in die sie allerdings nach wie vor mit der Burka bedeckt gehen.

Ein Rundgang zeigt derweil, was sich schon getan hat. Nicht nur eigene Unterkünfte für einstige Flüchtlinge sind entstanden. "Auch die Straßen hier haben wir selbst instand gesetzt – mit einem Abflusskanal in der Mitte", erzählt der lokale Ratschef. Er verwaltet die Gelder, kauft Zement ein und organisiert auch einen Mischer. 50 Zentimeter rechts und links des Kanals seien mit den UN-Geldern gebaut worden, für den restlichen Meter auf beiden Seiten hätten alle Bewohner ihren Teil zugesteuert. Damit ist es ihre eigene Straße. Und auf die passen sie gemeinsam auf.

Heute kommen Fahrzeuge in das früher verfallene Viertel, selbst die Polizei schaut schon mal vorbei. "Am Anfang war das komisch", erinnert sich der Ratschef. Aber je öfter die Polizisten kämen, umso mehr Vertrauen entstehe. Und mit den kleinen blauen UN-Schildern an der Hauswand, die heute eine genaue Zuordnung der Gehöfte zulassen, lohne es sich, die Polizei oder einen Krankenwagen auch zu rufen. Rahman abschließende Einschätzung klingt nachvollziehbar: "Nur persönlich erlebte Entwicklung kann die Menschen vom Frieden überzeugen."

(dapd)

 

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