Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft
06.04.2007
Frankfurt/Main – Die „Offensive 77“ war nach Ansicht des Hamburger Extremismus-Forschers Wolfgang Kraushaar der Anfang vom Ende der Roten-Armee-Fraktion (RAF). Mit der Entführungs- und Mordserie vor 30 Jahren habe die RAF unter Sympathisierenden den letzten Rest an Kredit verloren, sagte der Wissenschaftler vom Hamburger Institut für Sozialforschung im AP-Interview. Das Entstehen einer vierten RAF-Generation – etwa im Zusammenhang mit der Globalisierungskritik – sei zwar unwahrscheinlich, aber nicht mit Sicherheit auszuschließen. Nachfolgend das Interview im Wortlaut.
AP: Herr Kraushaar, im März 1998 haben „alle, die bis zuletzt RAF gewesen sind“, das so genannte Projekt mit einer Auflösungserklärung beendet. Wie ist es zu erklären, dass sich die RAF seither nie wieder zu Wort gemeldet hat?
Kraushaar: Vermutlich aus zwei Gründen: Als sich die RAF formell aufgelöst hat, existierte sie faktisch bereits seit mehreren Jahren nicht mehr. Insofern war ihre Erklärung nichts anderes als eine Art nachträgliche Vollzugsmeldung. Und da die Ehemaligen der RAF heute keinen Zusammenhang mehr bilden, sind sie auch nicht dazu in der Lage, einfach Erklärungen abzugeben, die nicht Gefahr laufen würden, von anderen Ehemaligen dementiert zu werden, ganz nach dem Motto: „Wer spricht hier eigentlich in wessen Namen?“ Zu derartigen Wortmeldungen wird es also kaum kommen können.
AP: Zahlreiche RAF-Verbrechen der 80er und 90er sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt, darunter die Morde am Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder 1989 und 1991. Auch sind nur wenige Mitglieder der dritten Generation bekannt. Gehen Sie davon aus, dass irgendwann Licht ins Dunkel kommt?
Kraushaar: Seit den Mordanschlägen der dritten Generation sind im Schnitt zwei Jahrzehnte vergangen, ohne dass es zu aussichtsreichen Ansätzen einer Aufklärung gekommen wäre. Das hat zahlreiche Spekulationen ins Kraut schießen lassen, die mitunter soweit gegangen sind, die Autorenschaft der RAF insgesamt in Zweifel zu ziehen. Bei diesen vielen Ungeklärtheiten wäre es eher ein Zufall, wenn sich einer der genannten Mordanschläge noch klären lassen würde. Es ist jedenfalls ziemlich unwahrscheinlich.
AP: Knapp zehn Jahre nach der Auflösungserklärung überrascht, dass kein einziger Fall bekannt geworden ist, in dem eine Gruppe versucht hätte, eigene Aktionen mit Namen und Logo der RAF zu versehen. Gibt es eine Erklärung dafür?
Kraushaar: Darüber kann nur spekuliert werden. Vermutlich würden derartige Akteure Gefahr laufen, von ehemaligen RAF-Mitgliedern in gewisser Weise als „Erbschleicher“, also als illegitime Nachfolger, bloßgestellt zu werden.
AP: Lässt sich sagen, welche Rolle das Phänomen RAF heute in der linksextremistischen Szene spielt?
Kraushaar: In Teilen der autonomen Szene etwa wird der RAF noch immer ein erhebliches Maß an Bewunderung gezollt. Sie gilt in „militärischer“ Hinsicht zwar als gescheitert, nicht jedoch in der Legitimität ihrer Zielsetzungen. Diese gelten im Kern – zentrale Stichworte sind der Antiimperialismus und der sich damit stark überschneidende Antiamerikanismus – als unangetastet. Insofern begreifen sich eine ganze Reihe kleinerer Gruppierungen in einer weltanschaulich-ideologischen Kontinuität zur RAF.
AP: Die Geschichte der RAF ist letztlich ein Scheitern auf der ganzen Linie: Die Zahl der Sympathisanten schmolz immer weiter. Ist dies eine der Erklärungen dafür, dass es nach dem Ende der RAF zwar linksextremistische Gewalt, aber nie wieder Linksterrorismus in Deutschland gegeben hat?
Kraushaar: Die RAF war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Erklärungsbedürftig ist daher vor allem ihre lang anhaltende Existenz von beinahe drei Jahrzehnten: Dies wäre gewiss nicht ohne ein Umfeld möglich gewesen, aus dem es über Jahre hinweg neue Rekrutierungen gab. Letztendlich ist aber das Scheitern der von der RAF großspurig als „Offensive 77“ ausgegebenen Mord- und Entführungsaktionen, die zum Desaster im „Deutschen Herbst“ geführt haben, so tief gewesen, dass sie sich davon nie mehr hat erholen können. Insbesondere mit der Entführung der Urlauber-Maschine „Landshut“ hatte sie unter Sympathisierenden den letzten Rest an Kredit verloren. Der Anspruch, dass es sich bei der RAF um eine „Avantgarde“ handle, die im Interesse einer angeblichen Bevölkerungsmehrheit agiere, hatte sich damit jedenfalls endgültig als Fiktion erwiesen.
AP: Als wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass eine vierte Generation der RAF oder eine im weitesten Sinne vergleichbare Gruppe – etwa im Zusammenhang mit der Globalisierungskritik – auftauchen könnte?
Kraushaar: Auch wenn es momentan eher unwahrscheinlich ist, so lässt sich das nicht mit Sicherheit ausschließen. Jedenfalls gibt es im Vorfeld des G-8-Treffens, das im Sommer in Heiligendamm stattfinden soll, bereits seit Monaten Anschläge auf Wohnhäuser und Fahrzeuge von Politikern, Wirtschaftswissenschaftlern und Managern. Das wird ganz offensichtlich als „Gewalt gegen Sachen“ abgebucht. Das ist einerseits zwar eine nicht ungefährliche Stufe der Militanz, die Schwelle zum Terrorismus ist damit andererseits jedoch noch nicht überschritten.
(Die Fragen stellte Matthias Armborst.) (AP)
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