Gesellschaft - Aktuelle Nachrichten – «Rebellen ohne Grund» – Pierre-Antoine Souchard
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft

«Rebellen ohne Grund»

Pierre-Antoine Souchard

26.10.2006

Paris - «Die wichtigsten Ursachen für die Verzweiflung in den Vorstädten sind der Drogenhandel, das Gesetz der Banden, die Diktatur der Angst.» Mit dieser straffen Formel erklärte Innenminister Nicolas Sarkozy vor knapp einem Jahr die wochenlangen Revolten in den französischen Vorstädten. Mit seine Diagnose lag Sarkozy völlig falsch, wie die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sowie Studien mehrerer Wissenschaftler belegen. Fast alle Jugendlichen, die sich an dem Vandalismus beteiligten, handelten spontan; keine Spur von Bandenzwang oder Indoktrination.

Nach Paris selbst schwappte die Gewalt nur in der Nacht vom 2. zum 3. November über. Die Jugendlichen, die daran beteiligt waren und festgenommen wurden, waren fast alle französischer Nationalität. Gegenüber der Staatsanwaltschaft gaben sie an, aus Spaß oder Lust an der Provokation gehandelt zu haben. Dies geht aus den Untersuchungsberichten hervor, die der AP vorliegen. Es fand sich nicht eine Spur von organisiertem Krawall.

Die befragten Polizisten zeigten sich besorgt, dass es eine relativ große Gruppe Jugendlicher ohne jegliche Bindung zur Gesellschaft gibt. Die jungen Erwachsenen legten ein Verhalten an den Tag, dass keine Grenzen mehr kenne, heißt es in den Unterlagen. 44 Prozent der Jugendlichen, die in Paris festgenommen wurden, waren Schulabbrecher.

Der Befund lässt sich auch auf die Vorstädte übertragen. Beim Großteil der Randalierer handelte es sich auch dort um «Ersttäter», die bislang nicht aufgefallen waren. Ihre Wut nährte sich aus «Erfahrungen der Demütigung», erklärt Véronique Le Goaziou, Co-Autorin des Buches «Als die Vorstädte brannten». Gedemütigt als Versager in der Schule, als Arbeitslose...

Neben Sarkozy haben zahlreiche rechte Politiker erklärt, die Randalierer seien von Bandenchefs manipuliert worden. «Eine klassische Erklärung der Rechten, die sich die Gewalt nur als Verbrechen oder Befehlsausführung erklären kann», sagt die Wissenschaftlerin. «Auf ihre Weise schicken uns die Randalierer eine politische Botschaft, im wahrsten Sinne des Wortes», schreibt der Soziologe Laurent Mucchielli im Vorwort zum Buch. «Sie machen uns auf ihre Lage und auf ihre Zukunft in der französischen Gesellschaft aufmerksam.»

Fehler von 40 Jahren wiedergutmachen

Ein Jahr nach der Welle der Gewalt, bei der 10.000 Autos in Flammen aufgingen und mehr als hundert Polizisten verletzt wurden, sei die Gefahr einer neuen Explosion immens, meint Goaziou. «Denn man hat den 'Rebellen ohne Grund' keine Antwort gegeben.» Im Gegenteil habe Sarkozy durch seine Forderung nach höheren Strafen und einem härteren Durchgreifen der Justiz die Situation nur noch angeheizt.

Der Minister für den sozialen Zusammenhalt, Jean-Louis Borloo, mahnt zu Geduld: Das Programm zur Stadterneuerung werde frühestens in zwei bis drei Jahren sichtbare Früchte tragen, sagte er in einem Interview der Fernsehnachrichtenagentur APTN. «In den Vorstädten, wo man anstelle von Zeugnissen Wut verteilt, müssen wir die Fehler von 40 Jahren wiedergutmachen.» Er selbst sei schon vor drei Jahren überzeugt gewesen, dass sich die Spannungen bald entladen würden. «Aber damals hat das niemanden interessiert.» Die Menschen in den Banlieus hätten das Gefühl, eingesperrt zu sein. «Es ist eine schreckliche Feststellung, und wir müssen das als erstes ändern.»

(AP)

 

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