Dujiangyan/China – Vor dem Erdbeben hatte Li Ande einen Nachbarschaftsladen, der ihm und seiner Familie ein solides Auskommen in dem ruhigen Touristenstädtchen Dujiangyan sicherte. Doch seit vergangenem Montag ist das in wenigen Sekunden in sich zusammengebrochen: Die achtköpfige Familie haust nun unter einer Plastikplane im Park. „Wir hatten keine Wahl“, sagt Li. „Unser Haus ist weg.“ Er hoffe, „dass die Regierung etwas für uns tut“.
Doch die hat noch gar keine genaue Vorstellung vom Ausmaß des Problems. Offizielle Zahlen in dem vom Erdbeben verwüsteten Gebiet von der Größe Nordrhein-Westfalens gibt es nicht. Zehntausende teilen dasselbe Schicksal wie Familie Li; die vereinzelt aufgebauten Zeltstädte sind nicht in der Lage, alle Obdachlosen aufzunehmen.
Dujiangyan, ein Touristenort mit gemütlichen Teeläden und dem sei 2.000 Jahren eingedämmten Fluss Min, liegt in Trümmern. Neben den Schuttmassen eingestürzter Gebäude wird der alltäglich anfallende Müll zu einem immer größeren Problem. Es gibt kaum noch Toiletten. In Parks und auf allen nutzbaren freien Plätzen stehen Zelte oder Notunterkünfte aus Plastikplanen.
Die von der Regierung geschickten Soldaten haben versucht, die Not zu lindern. Tausende von Menschen wurden aus verwüsteten Orten in den Bergen hergebracht und im Sportstadion untergebracht. Aber viele, sehr viele, müssen sich alleine durchschlagen.
Die Leute nehmen es gelassen, behalten noch den stoischen Gleichmut der an harte Arbeit gewöhnten chinesischen Landbevölkerung. „Ich habe Glück gehabt“, sagt der 44-jährige Zhang Mingfu, der mit 30 Familienangehörigen unter Plastikplanen an einer Straße in An Xian haust. Sie kamen aus einem Gebirgstal, das nun menschenleer ist. „Wir machen uns Sorgen um die, die immer noch in den Bergen sind – das sind unsere Verwandten.“
Die meisten sehen sich als Opfer einer Naturkatastrophe, gegen die man nichts ausrichten könne. Aber die Stimmung könnte auch kippen, sollten sich die Verhältnisse vor allem im Hinblick auf Unterbringung und Versorgung in den nächsten Wochen nicht bessern. „Auf keinen Fall werden wir noch in einem Monat hier sein“, ist Tang Yiren, ein 66-jähriger Restaurant-Mitarbeiter überzeugt. Er hoffe, in drei oder vier Tagen zurückkehren zu können. Seine Mietwohnung wurde bei dem Beben beschädigt, die Wände bekamen Risse.
Die Behörden haben keine Zahlen darüber, wieviele Menschen aus Sicherheitsgründen nicht in ihre beschädigten Wohnungen zurück dürfen. Es dürften mehrere hunderttausend sein. Nach Angaben der Regierung in Peking sind eine halbe Million Häuser bei dem Beben der Stärke 7,9 eingestürzt. Bis Samstag wurden fast 28.000 Leichen geborgen. Die Regierung rechnet mit mehr als 50.000 Toten. (AP)
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