Kultur – „Verrücktes Blut“ in den Bonner Kammerspielen – Bernd und Cecilie Kregel / Gastautoren
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Aktuelle Nachrichten – Kultur

Sozialer Sprengstoff auf pädagogischem Glatteis „Verrücktes Blut“ in den Bonner Kammerspielen

Bernd und Cecilie Kregel / Gastautoren

10.04.2012

Verrücktes Blut in den Bonner Kammerspielen: Lehrerin Sonia Kelich mit Pistole.  Foto: Lilian Szokody
Verrücktes Blut in den Bonner Kammerspielen: Lehrerin Sonia Kelich mit Pistole.

Foto: Lilian Szokody

Schon der „Nürnberger Trichter“ genoss in pädagogischen Fachkreisen nicht das höchste Ansehen. Angesichts mangelnden Lernwillens jedoch den Schülerinnen und Schülern gleich die Pistole auf die Brust zu setzen und sie damit den ganzen Vormittag in Schach zu halten – das kann wohl nicht gut gehen. Oder doch?

Auf dem Programm des Projekttages steht Friedrich Schiller. Doch wie „Die Räuber“ oder „Kabale und Liebe“ vermitteln an eine Schülergruppe mit Migrationshintergrund, die keinen Versuch auslässt, um den Zusammenprall der Kulturen auf ihre spezielle Weise zu demonstrieren und damit ihrer Integrationsunwilligkeit mit Klamauk und Hallo lebhaften Ausdruck zu verleihen? Für Lehrerin Sonia Kelich (Sessede Terziyan) eine ausweglose Situation. Und hellgelben Geschossen ähnelnde fliegende Reclamheftchen treiben sie gar bis an den Rand der Kapitulation.

Doch urplötzlich kommt ihr der Zufall zur Hilfe in der ungewöhnlichen Form einer Pistole, die im Durcheinander des Unterrichtsgetümmels aus der Schulmappe eines Schülers heraus fällt. Darin erkennt die Lehrerin ihre Chance, und ohne langes Zögern bringt sie die Waffe in ihren Besitz. Mit dieser mutigen Entscheidung dreht sie die bestehenden Machtverhältnisse einfach um: Die Furcht vor den beleidigenden Attacken der Schüler verwandelt sich im selben Augenblick in die Angst vor der bewaffneten Lehrerin. Denn warum sollte man der nicht zutrauen, wozu man im Ernstfall selber bereit wäre?

So will es die Situationskomik, dass nach dem Abfeuern einiger Warnschüsse der tote Punkt tatsächlich überwunden wird. Denn nach und nach erkennt die gesamte Schülerschaft, wie nahe sie trotz ihrer unterschiedlichen Kultur an Schiller dran ist, bei dem Machogehabe, Kränkungen und Ehrenmorde ebenfalls an der Tagesordnung sind.

Mit vorgehaltener Waffe fasst die Lehrerein auf dem Höhepunkt der Handlung schließlich den Mut, ihren Schülern eine politisch völlig unkorrekte Meinung in vollen Breitseiten um die Ohren zu hauen: diese seien wegen ihrer Lernunwilligkeit „rausgeschmissenes Geld“. Und für wen es nie eine Aufklärung gab, der lebe immer noch „im Mittelalter von Europa“. Und schließlich die heraus geschriene Empörung: „Ihr könnt doch nicht die Verantwortung permanent auf Andere schieben!“

Das sitzt. Die Schüler werden merklich kleinlauter und reißen schließlich der Lehrerin das Heft des Handelns erneut aus der Hand, um sich dann doch zu einer erstaunlichen Lernwilligkeit durchzuringen – mit der jedoch kein abschließendes Happy End eingeläutet wird. Denn soviel ist inzwischen klar geworden: Die unterschiedlichen Gefühlslagen sind so leicht nicht auf einen Nenner zu bringen. Und sind es am Ende nicht gerade die Religion und die Familie, die immer noch eine nachhaltige Integration zu verhindern suchen?

Das Stück von Nurkan Erpulat und Jens Hillje wirft viele Fragen auf, deren Lösung sich auch im anschließenden Nachgespräch nicht abzeichnet. Und dennoch ist das Berliner Gastspiel des „Ballhaus Naunynstraße“, mit dem die Schauspieltruppe gegenwärtig deutschlandweit unterwegs ist, „das von Presse und Publikum umjubelte Theaterereignis der letzten Spielzeit“. Nicht nur weil es mit seinen Klamaukszenen einen ungezwungenen Rahmen bietet für ein Tabuthema, das hier auf ungewöhnliche Weise beim Namen genannt wird. Vor allem wohl deswegen, weil es zweifellos empfindliche Nerven trifft.

 

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