Aktuelle Nachrichten – China - Menschenrechte
10.10.2009
Meine Inhaftierung erfolgte allzu plötzlich; denn ich hatte den Preis unterschätzt, den man bezahlen muss, wenn man ein unabhängiges literarisches Journal in China veröffentlicht. Der Kontrast zu meinem gewohnten Leben in Freiheit war so groß, dass er mich völlig unvorbereitet traf.
Ich bin jemand, für den die persönliche Freiheit eine Voraussetzung für das Überleben bedeutet. Ich war innerlich nicht stark genug, um mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, eine schwere Zeit im Gefängnis zu verbringen.
Was für ein Verbrechen hatte ich begangen? Es war das Verbrechen, ein literarisches humanistisches Journal gedruckt und veröffentlicht zu haben. Laut Haftbefehl der Abteilung für Öffentliche Sicherheit in Peking und der Unterabteilung im Distrikt Haidian wurde ich festgenommen, weil ich „die ausländische literarische humanistische Zeitschrift Tendency gedruckt und veröffentlicht hatte.“
Was meinen Bruder Huang Feng angeht, so wurde er sechs Tage später unter einer „Anklage“ verhaftet, weil er Nachrichten über meine Inhaftierung verbreitet hatte. Das geschah nur deshalb, weil er die Leute draußen über meine Festnahme und Inhaftierung informiert hatte und nachdem Associated Press und die New York Times diese Nachrichten gebracht hatten, nahm er Telefongespräche von meinen Mitarbeitern von Tendency, von den Medien und Menschenrechtsorganisationen zu Hause entgegen und beantwortete ihre Fragen nach meiner Situation. Durch die Verhaftung Huang Fengs versuchte die Polizei zu erreichen, weitere Berichte über meine Haft und deren Gründe von den westlichen Medien fern zu halten.
Es war bedauerlich für sie, dass die Nachrichten sich schon verbreitet hatten und heftigen Widerspruch auf internationaler Ebene auslösten. Da ich jedoch während dieser Zeit im Gefängnis saß, hatte ich keine Ahnung davon, was vor sich ging.
Wie erfolgte meine Verhaftung? Am 5. August 2000 besuchte ich einen Freund in Schanghai und kam am 11. August nach Peking zurück. An dem Nachmittag rief der Pförtner des Gebäudes die Polizei an und teilte ihr mit, dass ich zurückgekehrt sei. Wenig später sprachen mich fünf lächelnde Zivilbeamte und einige Polizisten aus der Nachbarschaft im ersten Stockwerk des Gebäudes an und zwangen mich, in einen Jeep einzusteigen. Sie brachten mich in eine Nebenstelle der Polizei im Distrikt Haidian in der Nähe der Peking-Universität.
Am 12. August brachte man mich zum Qinghe Gefängnis, der Nebenstelle im Distrikt Haidian. Ich trug nur ein T-Shirt und Shorts. Man nahm mir die Brille und die Schuhe weg und so musste ich barfuss und wegen meiner Kurzsichtigkeit mit den Augen blinzelnd in die Gefängniszelle Nr. 1 im Block 8 gehen.
Man verlangte von mir, dass ich die wesentlichen Sätze lernte, die von den Gefangenen gerufen wurden: „Vielen Dank, Herr Wärter“ „Darf ich Ihnen berichten, Sir?“ „Huang Beiling, Zelle 1, Block 8, bittet, die Zelle betreten zu dürfen.“
Es darf kein Vergessen geben. Ich muss mich an alles erinnern. Ansonsten wäre diese Zeit im Gefängnis für nichts gewesen. Irgendetwas in meinem Innern sagt mir, dass ich mich dem letztendlich stellen muss. Nur durch diese unvergessliche Erfahrung mit dem Strafsystem kann ich wirklich verstehen, warum so viele Menschen in den Gefängnissen sind, alle von ihnen noch ärmere Teufel als ich.
Es gibt nur wenige, die diese mentale und körperliche Qual einer solchen Tortur dokumentiert haben – vor allem die Besonderheiten, die endlosen Grübeleien, die Selbstanalyse, die nur ein Gefängnisinsasse kennt, die unerbittliche Analyse, die inneren Gespräche, den unstillbaren Durst nach Freiheit.
Die Zelle war ein Rechteck von ungefähr 36 Quadratmetern. An einem Ende befanden sich ein Spülbecken und eine Toilette, auf die man sich hocken musste und die man durch einen kleinen Seitengang erreichen konnte. Auf der einen Seite war eine Mauer und ihr gegenüber eine niedrige Schlafstelle. Achtzehn bis fünfundzwanzig Personen auf einmal wurden in diese Zelle gepfercht.
Alles – Essen, Trinken, Sichentleeren und Schlafen – fand in diesem Raum statt. Wenn mehr als zwanzig Leute in der Zelle zusammengepfercht waren, konnte unmöglich jemand schlafen, selbst wenn er auf der Seite lag. Darum wurden zwei Mannschaften von vier Leuten ausgesucht. Jede Mannschaft hielt eine halbe Nacht lang Wache und wedelte mit Papierfächern dem Zellenvorsteher und den älteren Mitinsassen Luft zu. Die Teams wechselten sich ab.
Alle neuen Insassen, die noch nicht unter dem besonderen Schutz einer Wache standen, wurden schikaniert und gezwungen, während der ersten ganzen Nacht aufrecht zu stehen. In der zweiten Nacht wurden sie einer Wachmannschaft zugeteilt. Jeden Tag führten wir mehr als zehn Stunden „Bodensitzen“ durch, das heißt: wir saßen mit gestrecktem Rücken auf dem Boden, hatten die Beine angezogen und die Arme um die Knie gelegt. Die Augen waren auf die Richtlinien an den Wänden gerichtet. Das nannte man „Über unsere Verbrechen nachdenken“.
Die Mahlzeiten im Gefängnis sahen immer gleich aus: Dampfbrötchen und gesalzene Gemüsesuppe. Einmal in der Woche bekamen wir ein Stück gekochtes fettiges Schweinefleisch. Ein alter Gefangener erzählte mir, dass er nach dem jahrelangen Essen von Dampfbrötchen geschworen habe, nie wieder eines anzurühren, wenn er eines Tages entlassen sei. Der Gefängniswärter besaß eine Konzession und verkaufte teure Snacks an Gefangene, deren Verwandte Geld in einen bestimmten Fond einzahlten. Kein Gefangener jedoch wagte es, irgendetwas zu kaufen, ohne dem Zellenvorsteher einen Anteil zu geben.
Ich wurde wegen meines langen Haares gnadenlos schikaniert. Normalerweise hätte es am ersten Tag geschoren werden müssen, aber ich wurde als Sonderfall behandelt. Wenn ich am Spülbecken stand und das eiskalte Wasser über meinen Körper laufen ließ, standen alle Mitinsassen da und schauten zu. Sie beobachteten jede meiner Bewegungen und stellten sich vor, ich sei eine Frau. Nachdem ich mich gewaschen hatte, bestanden sie manchmal darauf, dass ich mit dem Gesicht zur Wand stehen blieb und mein Haar nach unten fallen ließ, sodass sie sich über meine große Ähnlichkeit mit einer Frau unterhalten konnten.
Meine Zellengenossen gaben mich der Lächerlichkeit preis und nannten mich „Ausländer“, „Dummkopf“ und „Literaturmann“. Ich hatte einen Fehler im Bereich der Literatur begangen: Das schwere „Verbrechen“, den Versuch zu unternehmen, frei zu publizieren. Meine Zellenmitbewohner sahen dieses wie die Polizei als politisches Verbrechen an, als konterrevolutionäres subversives Verbrechen.
Jeder, der eine Bestrafung, die man wegen einer Publikation von Literatur in China erleiden muss, auf die Kategorie ablehnender Politik reduziert, schwächt die fragile Stimme der Literatur. Die staatliche Autorität unterdrückt nicht nur das politische Bestreben von Dissidenten, sondern auch Aktivitäten auf dem Gebiet von Literatur und Kunst.
Ein hochrangiger Beamter der Sicherheitsabteilung Pekings sagte, man könne mich ohne jegliches Gerichtsverfahren sofort für drei Jahre zur Umerziehung in ein Arbeitslager schicken, wenn man meinen Fall schnell behandeln wolle. Falls sie nach den Rechtsvorschriften vorgingen, würde der Staatsanwalt meinen Fall vor Gericht bringen und ich könnte zu fünf bis zehn Jahren Gefängnis verurteilt werden. Sie nannten dies: „Strenges Vorgehen“.
Ein Beamter namens Li, ein Mann mit finster blickenden Augen und einer Brille mit schwarzem Rahmen, dessen Haltung und Ausdruck ausgesprochen aggressiv waren, legte es mir bei meinen Verhören so dar: „Wir können Sie zu zehn Jahren verurteilen. Sie tragen Ihr Haar lang und führen das Leben eines Singles, nicht wahr? Nach zehn Jahren werden Sie ein grauhaariger alter Mann sein. Keine Frau wird Sie mehr wollen.“
Die Tatsache, dass die Sicherheitsabteilung meinen Bruder Huang Feng in das Gefängnis Qinghe gesteckt hatte, nur weil er meine Telefonanrufe entgegennahm und wahrheitsgemäß auf die Fragen der Medien antwortete, machte deutlich, dass die Polizei zu drastischen Maßnahmen griff, um meinen Aufenthaltsort geheim zu halten. Sie hatten bereits beschlossen, mich schwer zu bestrafen.
Das Gefängnis konnte meinen tiefen Glauben nicht erschüttern und mich auch nicht von meinen festen Überzeugungen abbringen, aber es gab mir einen Einblick in die niedrige Gesellschaftsschicht. Ich begegnete allen Arten von Leuten, die außerhalb meines vorherigen Erfahrungsbereiches lagen. Während meiner 15 Tage im Gefängnis befand ich mich Schulter an Schulter mit Drogendealern, Drogensüchtigen, nicht sesshaften Bauern, Mördern, Verbrechern, Zuhältern, Tauschhändlern, Betrügern, Einbrechern, Vergewaltigern und Schwarzmarkthändlern, die alles von Musik-CDs angefangen bis Computerzubehör verkauften.
In den Augen der Mitinsassen war ich verdächtig, weil ich als einziger eine amerikanische Greencard besaß. Sie nannten mich „Yankee“ und betrachteten mich als politischen Gefangenen.
Als die Sicherheitsabteilung sich mit meinem Fall befasste, war sie sehr überrascht, wie intensiv Amerika wegen eines inhaftierten Schriftstellers, der etwas Unerlaubtes veröffentlicht hatte, verhandelte. Ich bin wahrscheinlich der erste chinesische Bürger, der von China ins Exil geschickt wurde, weil er Schriftsteller ist. Das bedeutet, dass ich im literarischen Sinne des Wortes im Exil bin.
Für einige Menschen, die ins Exil gehen, bedeutet dieses den Beginn eines neuen Lebens. Doch für mich ist es so, als ob ich in das Tal des Todes ginge. Für einen Schriftsteller, dessen Leben mit dem Heimatland verbunden ist und der in seinem eigenen Land für die Freiheit der Rede kämpfen muss, ist das Exil auch eine Form der Bestrafung.
Der große russische Dichter Joseph Brodsky sagte einmal, dass das Exil eine Tragikkomödie sei. Für mich aber ist es mehr tragisch als komisch. Es ist so, als ob ich den Himmel betreten könnte, aber die Erde, der ich entsprang, nicht. Während ich in China war, drängten mich meine Freunde, zu fliehen. Aber ich musste an die Worte Walter Benjamins denken, die er zu seinen Freunden sagte, als diese ihn drängten, Paris zu verlassen, weil die Nazis kamen. Er sagte: „Ich kann jetzt nicht von hier fortgehen. Es gibt Positionen, die verteidigt werden müssen.“
Dieses ist nicht nur die Verantwortung eines Intellektuellen, es ist die Verantwortung eines menschlichen Wesens. Was habe ich getan, seitdem ich aus dem Gefängnis entlassen und ins Exil geschickt worden bin? Ich wünsche, ich könnte zurückkehren. Ich vermisse China, weil ich weiß, wie viele wichtige Dinge dort noch getan werden müssen.
Bei Ling – ein Dichter im Exil
Bei Ling ist Dichter und Essayist und der Begründer und Herausgeber von „Tendency“, einem literarischen Exiljournal, das Ende 1993 gegründet und bis zum Jahr 2000 in chinesischer Sprache veröffentlicht wurde. „Tendency“ war auch an den Übersetzungen internationaler Schriftsteller wie Vaclav Havel, Wole Soyinka, Susan Sontag, Nadine Gordimer und Seamus Heaney beteiligt.
Bei Ling ist auch der Begründer des Independent Chinese PEN Centers aus dem Jahre 2001, einer Organisation chinesischer Schriftsteller und Intellektueller. Er setzt sich in besonderer Weise für die Freiheit des Wortes ein.
Im August 2000 wurde Bei Ling für kurze Zeit in Peking inhaftiert, weil er sein Journal in China „illegal veröffentlicht“ habe. Die Inhaftierung löste sofortige internationale Proteste aus.
PEN International und die Schriftsteller Susan Sontag, Arthur Miller, Nadine Gordimer, Czeslaw Milosz, Seaumus Heaney, Günter Grass, Kurt Vonnegut und Homero Aridjis verlangten seine Freilassung. Sie verteidigten das Publikationsrecht und baten die Außenministerin Madeleine Albright dringend darum zu intervenieren. Später wurde er entlassen und ins Exil geschickt. Er ging nach Amerika.
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