Aktuelle Nachrichten – China
12.11.2009
Genhe/China – Früher züchtete Gu Gejun in den Wäldern an der Grenze zu Sibirien Rentiere und jagte Bären oder Wildschweine. Jetzt ist sein Gewehr beschlagnahmt, und die einzigen Rentiere, um die er sich kümmert, leben in einem städtischen Touristenpark. Der 37-Jährige gehört zur kleinen Volksgruppe der Ewenki, die fast vollständig von der Steppe in die Stadt umgesiedelt worden ist.
Mehr als 700.000 Nomaden – zumeist Tibeter, Mongolen und Kasachen – im westlichen China sind von der Regierung in den vergangenen neun Jahren sesshaft gemacht worden. Sie haben besseren Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und Arbeit, aber sie verlieren auch ihre Traditionen. „Unser Lebensstil ist beeinträchtigt, denn wir Ewenki sind geborene Jäger“, sagt Gu, „seit Generationen haben wir von der Jagd gelebt. Wir haben es im Blut.“
Bei der Umsiedlung vor sechs Jahren musste er sein halbautomatisches Gewehr abgeben. Noch immer erinnert er sich an die eingravierte Seriennummer „62684“. Die Nummer seines Ausweises weiß er nicht. „Wenn wir in die Berge gehen und uns über Waffen unterhalten, weinen wir nur“, berichtet er.
Laut Regierung erhöht die Umsiedlung den Lebensstandard und schützt die Steppe vor Überweidung und Wüstenbildung. Viele Menschen, die in grenznahen Gebieten lebten, wurden aus "Sicherheitsgründen" umgesiedelt – aus Angst vor Sabotage, Schmuggel und illegalen Grenzübertritten.
Seit Generationen durchstreifen die Ewenki das südliche Sibirien. Heute gibt es noch rund 64.000 von ihnen, die Hälfte davon lebt in China.
Ihr Leben kreiste um Rentiere, die ihnen Nahrung gaben und als Transportmittel dienten. Und sie verehrten die Tiere, wie die 66-jährige An Tabu sagt und dabei auf die frischgeteerte Straße blickt, wo Kinder Skateboard fahren. Im Rahmen des Umsiedlungsprogramms kamen An Tabu und 242 weitere Angehörige des Aoluguya-Zweigs der Ewenki im Jahr 2003 ins 300 Kilometer entfernte Genhe, eine Kleinstadt mit Sägewerken und weiß gefliesten Gebäuden. Die Aoluguya waren die letzten von drei Ewenki-Gruppen, die umgesiedelt wurden.
Sie brachten 700 Rentiere mit. Aber die Herde fand nicht genug Nahrung, und einige starben. Etwa 30 Ewenki nahmen die verbliebenen Tiere und kehrten in die mit Birken und Kiefern bewaldeten Berge zurück. „Es ist nicht gut hier“, sagt An Tabu, „wir können nicht mehr jagen, wie wir es getan haben, als ich jung war.“
Die Umsiedlung nach Genhe hat ihnen die Chance gegeben, am chinesischen Wirtschaftsboom teilzuhaben – auf Kosten von Tradition und Sprache, denn die jüngeren Ewenki lernen chinesisch, um mithalten zu können. „Ihre Lebensumstände haben sich verbessert, aber ihr Lebensstil wurde auch verändert“, sagt der Künstler Yu Zhixue, der die Ewenki schon in den 1950er Jahren besuchte und mit ihnen in ihren Bergdörfern lebte. „Dass sie ihre Waffen abgaben, war ein Symbol für das Ende einer Ära. Viele der Jüngeren spielen heute lieber mit Computern als in den Bergen zu jagen.“
Suo Ronghua lebte in den Bergen, bis sie sieben Jahre alt war und nach Mangui zur Schule geschickt wurde. Sie heiratete einen Mann von der mehrheitlichen Volksgruppe der Han-Chinesen, den sie an der Hochschule getroffen hatte. Inzwischen ist sie 33 Jahre alt und hat zwei Töchter. Das Leben in der Stadt gefällt ihr, wie sie sagt. Doch sie bedauert, dass ihre zehnjährige Tochter, die in der Schule auf Mandarin unterrichtet wird, kein Ewenki spricht. „Wir sind nicht viele. So viele haben Han-Chinesen geheiratet“, sagt Suo. „Das ist schade, denn die Ewenki sollten ihre Traditionen bewahren.“
Zu Beginn der kommunistischen Herrschaft wurden ihre Rentiere verstaatlicht. In den Jahren der Kulturrevolution wurde ihre schamanistische Religion verboten. Ihre traditionellen Jagdgründe und ihre Herden wurden immer kleiner: erst, als sie zu Zeiten der sowjetisch-chinesischen Spannungen Abstand zur Grenze halten mussten, dann, weil immer mehr Wald abgeholzt wurde und schließlich wegen der Wildereien von Chinesen, die Rentier-Geweihe und -Penisse für die traditionelle Medizin suchten.
Als dann in den 1990er Jahren die Umsiedlungsprogramme begannen, hatten viele schon aufgegeben. Die Alkoholismusraten waren hoch, und die Assimilation war längst im Gange. Bereits seit den 1980er Jahren gab es staatliche Wohlfahrtsprogramme für Ewenki, und noch jetzt bekommen sie Unterstützung. In Genhe hat etwa die Hälfte Arbeit in kleinen Tourismusbetrieben gefunden. Die anderen müssen sich als Bauarbeiter verdingen.
Dular Osor Chaoke, ein Ewenki, der an der staatlich unterstützten Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking lehrt, befürwortet Integration und Adaption der Traditionen an die Moderne. Der Linguist entwickelt gerade ein lateinisches Alphabet für die Sprache und ein Softwareprogramm für dessen Anwendung auf Computer und Handys. „Wir müssen moderne und Hightech-Methoden zur Bewahrung unser ethnischen Sprachen und Kulturen nutzen“, sagt er. „Das ist der einzige Weg.“ (AP)
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