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Afghanistan „Willkommen bei Radio Surowbi!“

Alfred de Montesquiou

08.01.2010

Nachrictensprecher Nassir Ahmad, links, im Sender eines französischen Nato Regiments. (AP Photo/Alfred de Montesquiou)
Nachrictensprecher Nassir Ahmad, links, im Sender eines französischen Nato Regiments. (AP Photo/Alfred de Montesquiou)

Tora/Afghanistan – Ruhe bitte! Die Handvoll Afghanen und französischen Fremdenlegionäre in dem alten sowjetischen Bunker hinter ihren Laptops und Mikrofonen verstummen. „Wir gehen auf Sendung“, mahnt ein Unteroffizier. Aus dem Lautsprecher tönt eine Melodie mit Flötenklang und Vogelgezwitscher. „Willkommen bei Radio Surowbi, Ihrem Sender, von den und für die Menschen in Surowbi“, spricht der Ansager auf Paschtu, in der Sprache der paschtunischen Bevölkerungsmehrheit.

Für den armen Bezirk östlich von Kabul ist der im Dezember von einem französischen NATO-Regiment gegründete Sender das erste UKW-Programm überhaupt. 130.000 Menschen leben in den engen Bergtälern, die meisten haben keinen Strom, von Fernsehen gar nicht zu reden.

Es gibt verschiedene vom Militär betriebene Rundfunkstationen in Afghanistan, unter anderen den landesweit ausgestrahlten ISAF-Sender des NATO-Kommandos in Kabul. Doch Radio Surowbi ist anders. „Das Ziel ist eigentlich ein eigener Lokalsender der Einheimischen“, erklärt Hauptmann Michel. Der 32-jährige Fallschirmjäger der Fremdenlegion, der sich den Dienstvorschriften entsprechend nur mit Vornamen vorstellt, leitet den Sender.

Radio Surowbi mache keine Werbung für die NATO-Truppen und sei auch nicht gegen die Taliban gerichtet, betont der Reserveoffizier Raphael, der im Zivilleben Rundfunkjournalist ist und als Aufbauhelfer fungiert. „Wir bringen einfach die wichtigsten Nachrichten, Musik und Lokalereignisse.“

Und nun zum Wetter

Das provisorische Studio ist auf einem NATO-Stützpunkt unterirdisch in den Überresten eines Bunkers aus Zeiten der sowjetischen Besatzung untergebracht. Die Antenne befindet sich auf einem nahen Berggipfel, den die französischen Soldaten nach dem Mont Saint-Michel in der Normandie getauft haben.

Musik nimmt den größten Teil der Sendezeit von 09.00 Uhr bis 21.00 Uhr ein; abends werden eine Stunde lang Hörerwünsche erfüllt. „Wir haben ganz schön zu tun, es ist ein Riesenerfolg“, berichtet Nassir Ahmad, einer der beiden einheimischen Moderatoren. Rund 30 Hörer rufen an diesem Abend an, um jemandem ein bestimmtes Stück zu widmen. Am häufigsten würden Lieder von Ayman Udas gewünscht, sagt Ahmad, einer paschtunischen Sängerin aus dem Nachbarland Pakistan. Sie wurde voriges Jahr im Frühling ermordet, nachdem sie sich den strengen Islamisten widersetzt hatte, die Fernsehauftritte einer Frau für Sünde hielten.

Zum Programm gehören auch zwei Nachrichtensendungen am Tag, ein Wetterbericht und eine Stunde Literaturlesung: Als erstes Werk wurde eine paschtunische Übersetzung von John Steinbecks Novelle „Die Perle“ vorgetragen.

Schnellkurs in Journalismus

Bei der Vorbereitung der Abendnachrichten bekommt Ahmads Kollege Asis Rahman von Hauptmann Raphael einen Schnellkurs in Journalismus. Rahman, im Hauptberuf Rektor der Mädchenoberschule von Surowbi, schlägt als Spitzenmeldung den Besuch von Vertretern des afghanischen Bildungsministeriums vor. „Sie haben versprochen, die Lehrergehälter zu erhöhen und die kaputten Fenster der Schule zu reparieren“, berichtet er. In aller Höflichkeit macht Raphael einen anderen Vorschlag: die Verhaftung des stellvertretenden Bürgermeisters von Kabul wegen Korruption. „Ich glaube, das interessiert mehr Leute“, erklärt der Profi.

Andere Meldungen betreffen Verkehrsprobleme auf der Hauptstraße zwischen Kabul und Pakistan, die durch Surowbi führt, Angriffe von Aufständischen in der Region, die Freilassung von Gefangenen in einer nahen Provinz und den Besuch des britischen Premierministers Gordon Brown in Südafghanistan. Den Besuch der Ministeriumsdelegation in seiner Schule bringt Ahmad zum Schluss vor den Sportergebnissen dann auch noch unter.

„Der Afghanistan-Konflikt wurzelt zum großen Teil in einer sozialen Krise“, glaubt Oberst Benoit Durieux, der den Sender ins Leben rief, um die Kluft zwischen der städtischen Minderheit und der verarmten Landbevölkerung überbrücken zu helfen. Zum Budget von 10.000 Euro für die Gründung kommen noch 4.000 solar- und batteriebetriebene Radios dazu, die von NATO-Einheiten an die Hörerschaft verteilt werden. „Es ist toll, sogar aus Dörfern in der Hand der Taliban rufen Leute an“, begeistert sich Senderchef Michel. „Das zeigt doch, dass die Afghanen die Kämpfe leid sind. Sie wollen bloß Musik und ein normales Leben, wie jeder andere.“ (AP)

 

 

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