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„Wir müssen uns etwas einfallen lassen“

Guido Rijkhoek

21.11.2007

Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Joerg Ziercke in Wiesbaden.  (AP Photo/Michael Probst)
Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Joerg Ziercke in Wiesbaden. (AP Photo/Michael Probst)

Wiesbaden – Eine schweigende Armee wächst heran: Heere von ferngelenkten Rechnern, sogenannte Bot-Netze, die auf das Kommando eines unbekannten Hackers losschlagen, gelten Experten inzwischen neben dem „Phishing“ als größte Bedrohung für Multimediaunternehmen und die IT-Infrastruktur in Deutschland. Auf der Herbsttagung des Bundeskriminalamts in Wiesbaden warnten Fachleute am Mittwoch vor enormen wirtschaftlichen Schäden.

„Das Schadenspotenzial der Internetkriminalität ist immens“, sagte BKA-Chef Jörg Ziercke: „Durch das Internet sind Täter in der Lage, Firmen und sogar Staaten in die Knie zu zwingen.“ Beispiele aus den letzten drei Jahren unterstreichen das Ausmaß möglicher Schäden. So attackierten offenbar russische Hacker im vergangenen Sommer zentrale Einrichtungen in Estland. „Danach war die größte estnische Bank für zwei Tage über Internet nicht mehr erreichbar“, erklärte Kriminalhauptkommissar Mirko Manske, Fachmann für Computerkriminalität im BKA.

Bereits im Sommer 2004 sei es unmittelbar vor dem Endspiel zur Fußball-Europameisterschaft zu einem massiven Angriff auf das Sportwettenportal Mybet.com gekommen. Hunderttausende Rechner hätten die Server der damals in Malta ansässigen Wettbörse so massiv mit unsinnigen Anfragen überflutet, dass anschließend der Staat Malta für acht Stunden vom Internet abgeschnitten gewesen sei, berichtete der BKA-Ermittler.

Während des Angriffs hatten die Täter versucht, von Mybet.com zunächst 15.000, dann 40.000 Dollar zu erpressen. „Man kann sich vorstellen, was passiert, wenn zentrale Knotenpunkten in Deutschland angegriffen werden“, sagte Manske. Die wirtschaftlichen Schäden eines Bot-Angriffs etwa auf die Deutsche Bank oder das Internetauktionshaus Ebay seien kaum absehbar: „Wir müssen uns etwas einfallen lassen.“

Aber auch für private Computernutzer hält das Internet immer neue Gefahren bereit. So entwickeln Hacker nach Angaben der Fachleute immer raffiniertere Spionage- und Phishingprogramme, um etwa Kontodaten beim Onlinebanking abzurufen. Manche dieser Programme sind inzwischen so raffiniert, dass sie ordnungsgemäße Überweisungen auf dem Weg zur Bank manipulieren und das Geld auf die Konten von Ganoven umleiten. Fachleute schätzen, dass allein 2006 rund 750.000 Computer in Deutschland neu durch Viren oder Trojaner infiziert wurden.

Auch Antivirenprogramme würden oft keinen wirksamen Schutz bieten, erklärt Manske, da die Trojaner für einen sorgfältig ausgewählten Nutzerkreis maßgeschneidert würden. „Hier ist ein Wettlauf zwischen Angreifern und Verteidigern im Gange“, sagte auch der Vizepräsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, Michael Hange. Der „Goldfischteich“ Internet habe sich in ein „Haifischbecken“ verwandelt.

„Die Kriminellen entwickeln sich schnell“

Nach einem Lagebild des Bundeskriminalamts wurden 2006 insgesamt 165.720 Straftaten mit Hilfe des Internets in Deutschland verübt, rund 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Der materielle Schaden belief sich auf rund 36 Millionen Euro. Trotz dieser enormen Zahlen geht BKA-Chef Ziercke nach wie vor von einem enormen Dunkelfeld aus. Viele Einbrüche in private Rechner blieben unbemerkt. Firmen würden Datendiebstähle zudem oft nicht melden, weil sie Angst vor einem Imageschaden hätten.

„Die Kriminellen entwickeln sich schnell“, sagte Manske: „Arbeitsteiliges und Staatengrenzen übergreifendes Vorgehen ist dabei an der Tagesordnung.“ Nach den Worten des Ermittlers werden Bot-Netze vor allem mit Hilfe von Trojanern aufgebaut. Unbekannte Hacker würden dabei in den Rechner eines ahnungslosen Nutzers eindringen und den Computer so infiltrieren, dass er auf die Kommandos des Hackers gehorche. Professionelle Bot-Master würden auf diese Weise riesige Rechnerarmeen aufbauen. Inzwischen seien Bot-Netze mit bis zu 1,9 Millionen Computern bekannt.

Nach Manskes Worten lassen sich im Internet derartige Rechnerarmeen inzwischen für beliebige Zwecke mieten: „Bot-Netze von 120.000 Rechnern werden vermietet für 500 Dollar pro Stunde.“ Damit drohe die nächste Eskalationsstufe der Internetkriminalität. Denn nun könnten sich auch Terroristen oder gewöhnliche Kriminelle ohne größere Computerkenntnisse der Rechnerarmeen für ihre Zwecke bedienen, sagte der Computerexperte: „Es steigen andere Qualitäten von Tätern ein.“ (AP)

 

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