Aktuelle Nachrichten – Umwelt
09.12.2009
Foto: AP Photo/Karl Ritter
Tasiilaq – Gert Ignatiussen kommt mit sechs Robben von der Jagd zurück in sein an einem Fjord gelegenes Eskimo-Dorf. Er hat die Tiere jeweils mit einem einzigen Schuss getötet. Seine Frau zerlegt die Robben auf der Veranda mit gekonnten Griffen. Das beste Fleisch gibt's zum Abendessen. Fett und Eingeweide sind ein Festschmaus für die Schlittenhunde.
Szenen wie diese prägten früher das Leben der grönländischen Inuit. Bis in die vergangenen Jahrzehnte war die Jagd Lebensgrundlage für die meisten Ureinwohner einer der unbewohnbarsten Gegenden der Welt. In seinem Haus zeigt Ignatiussen auf eine Vitrine, in der er die Zukunft Grönlands vermutet. Eine Sammlung von Edelsteinen, die er im Boden gefunden hat. Eines Tages, wenn es nötig wird, könnte er die Steine zu Geld machen, sagt Ignatiussen.
Der Klimawandel wird die Zukunft des halbautonomen dänischen Territoriums entscheidend verändern. Denn die Permafrostböden tauen auf. Die Eisschmelze in den Küstenregionen macht die Jagd gefährlicher, selbst manche Häuser könnten auf dem aufweichenden Grund zusammenfallen. Aber das Zurückweichen der Gletscher könnte auch Zugang zu Bodenschätzen, zu Öl, Edelmetallen, Edelsteinen gewähren. Das Geologische Institut der USA vermutet unter dem nicht mehr ewigen Eis zwischen Grönland und Kanada 18 Milliarden Barrel Öl und Gas.
„Wenn wir das wirklich finden, und die Preise stabil bleiben, dann wird unser Land mit seinen 57.000 Einwohnern ein reiches Land“, sagt Jörn Skov Nielsen, Direktor der Behörde für Minerale und Petroleum. Das würde es der Region ermöglichen, die Nabelschnur nach Dänemark endlich zu kappen, durch die jährlich noch 3,4 Milliarden Kronen (460 Millionen Euro) ins Inuit-Land fließen. Aber es gibt noch viele Fragezeichen.
Bislang ist noch kein Öl unter grönländischen Gewässern entdeckt worden. Eine kommerzielle Produktion könnte frühestens in zehn Jahren beginnen. Immerhin laufen die Vorbereitungen. Das Parlament beschloss die Einrichtung eines souverän verwalteten Fonds, über den nach Vorbild Norwegens die erwarteten Einkünfte aus dem Öl verteilt werden sollen.
Der Abbau von Bodenschätzen wie Metallen oder Edelsteinen könnte schneller beginnen. Bislang hat das ewige Eis, das 80 Prozent des immensen Territoriums bedeckt, den Zugang zu vermuteten Zink-, Eisenerz-, Gold-, Platin- und anderen Mineralien, die in der modernen Unterhaltungselektronik eine immense Bedeutung erlangen, blockiert. Der Rückzug des Eises hat an der Westküste nahe der Hauptstadt Nuuk bereits Eisenvorkommen freigemacht. Im Norden sind Zinkminen aufgetaucht, die britische Firma Angel Mining erwägt bereits den Abbau. „Der enorme Ressourcenhunger der Welt fördert natürlich die Anreize“, sagt Angel-Mining-Manager Nick Hall. Die Zahl der Abbaulizenzen ist von 17 im Jahr 2002 auf 72 in diesem Jahr emporgeschnellt.
In Tasiilaq, einem Dorf bunt leuchtender Häuser an der Südostküste, setzen die Menschen ihre Hoffnungen eher in Mineralien als in Öl. Noch wissen sie nicht genau, was das weichende Eis freigeben wird. Aber sie können es in den Sommermonaten schon spüren. Die Jäger aus der Region gehören regelmäßig zu den Gewinnern des jährlichen Mineral-Wettbewerbs. Damit will die Regierung die Bürger aufmuntern, sich mehr mit Geologie und dem Abbau von Steinen und Edelmetallen zu beschäftigen. Ignatiussen gewann den ersten Wettkampf vor 20 Jahren, er hatte einen Felsbrocken mit Goldspuren entdeckt. „Er hatte viele Farben, ich konnte fühlen, dass er reich an Mineralien war“, sagt der Eskimo.
Jedes Jahr werden rund 1.000 faustgroße Steine eingereicht, der Gewinner wird mit Geld belohnt. Auch mit Geologie-Seminaren will die Regierung die Bevölkerung auf die neue Boomzeit vorbereiten, vor allem auf Jobs in der Bergbauindustrie. Eine gewaltige Umwälzung könnte auf das spärlich bevölkerte Land zukommen, in dem sich die Menschen bislang weiter hauptsächlich von Fischerei und Jagd ernähren. Zum Aufbau der Infrastruktur werden qualifizierte Arbeitskräfte benötigt, die vermutlich zum Großteil in Europa, ja gar in China rekrutiert werden müssten, schätzen Experten.
Der erwartete Aufschwung könnte sogar zum Fluch für die Eskimos werden. Schon jetzt hat der Niedergang traditioneller Lebensformen weite Teile der Bevölkerung in Alkoholismus und Depression gestürzt, in keinem Land der Welt liegt die Quote der Selbstmörder höher. (AP)
Ströme aus den Subtropen schmelzen Grönlands Eisberge
(23.09.2009)
Erweiterte Autonomie für Grönland
(21.06.2009)
Arktis-Anrainer besorgt über Lage der Eisbären
(19.03.2009)