Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft
13.12.2008
Köln – Die Putzkolonne durchwühlt nach Arbeitsschluss die Papierkörbe. Der Doktorand aus einem fernöstlichen Land lernt nicht nur für sich selbst, sondern auch für den heimischen Nachrichtendienst. Die E-Mail von dem netten Ingenieur aus Moskau, den man bei der letzten Messe in Hannover getroffen hat, sollte als Anhang ein Foto enthalten. Das hat sich beim Anklicken zwar nicht gezeigt – aber auf dem Firmencomputer ist jetzt ein trojanisches Pferd installiert, das die Festplatte nach interessanten Dateien durchsucht und diese nach Russland schickt.
Wirtschaftsspionage werde in Zeiten der Globalisierung und des verschärften internationalen Wettbewerbs immer mehr zum Problem, sagt der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans Elmar Remberg. „Die Bedrohung steigt“, erklärte er nach einer Tagung mit der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) am Donnerstag (richtig) in Köln. Die Angreifer kämen vor allem aus China und Russland, aber auch aus Schwellenländern. Staatliche Geheimdienste seien ebenso auf der Jagd nach nützlichem Wissen wie Konkurrenzunternehmen.
Wirtschaftsspionage sei ein Problem vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen, wo oft besonders innovative Entwicklungsarbeit stattfinde, erläuterte der Vorsitzende der ASW, Thomas Menk, im Hauptberuf Sicherheitschef von Daimler. Bei solchen Firmen seien die Schutzvorkehrungen häufig geringer als bei Großunternehmen, die Chancen der Spione also größer. „Das ist eine Schwachstelle“, meinte Menk.
Es gebe „dramatische Verschiebungen“, sagte der Leiter der Verfassungsschutzabteilung im Bundesinnenministerium, Stefan Kaller. Aufstrebende Länder versuchten mit allen Mitteln gleichzuziehen. „Sie tun es offen, ohne Unrechtsbewusstsein. Spionage gilt als schlau.“ Es sei zu erwarten, dass bei immer knapper werdenden Ressourcen „die Konkurrenz in Zukunft härter und brutaler wird und damit auch die Anwendung unfeiner Mittel häufiger wird“.
Der volkswirtschaftliche Schaden könnte erheblich sein, auch wenn die Schätzungen nur sehr ungefähr sind. Von 50 Milliarden Euro im Jahr für die deutsche Wirtschaft sprach Remberg, Menk nannte Summen zwischen 10 und 100 Milliarden Euro, die verfügbaren Studien gäben unterschiedliche Auskünfte.
Gegensteuern wollen die ASW, ein Zusammenschluss der deutschen Wirtschaftsverbände, und der Verfassungsschutz vor allem durch Aufklärung und Information. Schon mit relativ einfachen Mitteln lasse sich zum Beispiel die Absicherung der Computersysteme gegen Angriffe aus dem Internet zumindest verbessern. Auskunft darüber kann zum Beispiel das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik geben.
Auch im eigenen Betrieb sei Vorsicht geboten. „Man muss schon bei der Auswahl von Mitarbeitern für bestimmte sensible Positionen etwas genauer hinschauen“, rät Menk. „Manager sind genauso Plaudertaschen wie Ministerialbeamte. Man muss damit rechnen, dass ein gewisser Prozentsatz der Leute ein besonderes Mitteilungsbedürfnis hat.“
Auch der Verfassungsschutz bietet konkrete Hilfe an. Beispielsweise warnt er in einem Schreiben sehr detailliert vor den Gefahren bei Auslandsreisen, bis hin zum Hinweis, dass Handys auch in ausgeschaltetem Zustand als Abhörmikrofone missbraucht werden könnten, oder dass Fotokopierer Festplatten enthalten können, die kopierte Unterlagen speichern, so dass Geheimdienstler sie später auslesen können. Die Empfehlungen „basieren auf tatsächlichen Vorkommnissen“, heißt es in dem Schreiben.
Sich an den Verfassungsschutz zu wenden, habe für Firmen mitunter noch einen weiteren Vorteil, sagte Remberg. Der Nachrichtendienst sei – anders als Polizei und Staatsanwaltschaft – nicht zur Strafverfolgung verpflichtet. Hilfesuchende Firmen müssten nicht befürchten, dass mitunter unangenehme Vorkommnisse publik würden. (AP)
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