Umwelt – „Wo ist denn der Bär?“ – Verena Schmitt-Roschmann
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„Wo ist denn der Bär?“

Verena Schmitt-Roschmann

23.03.2007

Eisbär Knut hat am Freitag im Zoo in Berlin seinen ersten öffentlichen Auftritt. (AP Photo/Herbert Knosowski)
Eisbär Knut hat am Freitag im Zoo in Berlin seinen ersten öffentlichen Auftritt. (AP Photo/Herbert Knosowski)

Berlin – Ach, wie süß! Ist das nicht ein knuddeliger kleiner Kerl! Ein echter Bundesumweltminister, mitten im Berliner Bärengehege! Goldig. Aber halt, ist da nicht noch wer? Ja, da ist noch was, zu den Füßen von Sigmar Gabriel. Etwas Weißes, Pelzigknäuliges, Knubbeligtapsiges. Ist das nicht? Ja, klar, das ist doch: Knut! Knut Superstar! Cute Knut! Knuddel-Knut! Das vielleicht berühmteste Eisbärenbaby der Welt.

500 Journalisten sollen es sein, die am Rand des Geheges auf den ersten Freigang des 15 Wochen alten Minibären und seines Patenonkels Sigmar warten. Es können auch 422 oder 517 sein. Jedenfalls sieht man vor lauter Fernsehkameras, Mikrofonen und superlangen Teleobjektiven den Bärenfelsen und den künstlichen Teich kaum. Geschweige denn Knut.

„Wo ist denn der Bär?“, fragt folgerichtig ein Zeitzeuge, der nicht weiter als bis in die dritte Reihe hinterm Zaun vorgedrungen ist. Aber doch, ja, da, zwischen der Fototasche und dem Rucksack blitzt was Weißes durch. Tappeltaps.

Es ist alles perfekt. Der Schneeregen vom Vortag hat sich verzogen und das Kaiserwetter hat sich rausgeputzt für Kaiser Knut – obwohl, der hätte sich am Ende bei Schnee vielleicht sogar wohler gefühlt. Aber egal, wir müssen an seine Bewunderer denken, und denen geht es besser im Sonnenschein. Und die Fotos werden auch schöner.

Ein halbes Dutzend Berliner Gören hat sich zusammengerottet und skandiert nun: „Knut, Knut, wir wollen Knut!“ Sie haben eine Cheerleaderin ausgeguckt, die die übrigen Kinder anheizt. „Wen wollen wir?“ – „Knut!“ – „Wann wollen wir ihn?“- „Jetzt!“ – „Knut, Knut, wir wollen Knut!“ Die Radio-Reporter sind entzückt.

Später laufen dann noch einige Kinder – sie sehen den skandierenden Gören verblüffend ähnlich – in RTL-T-Shirts durch die Menge. „Ich find' dich zum KNUTschen“, steht drauf. Putzig. Die Fernseh-Reporter sind entzückt. „Komm, ich nehm' dir jetzt mal deine Deko-Kinder weg“, sagt die eine Reporterin zur anderen.

Der ist das egal, sie hat andere Sorgen. Es gibt Verwirrung um ihre Live-Schalte. Der Kameramann regt sich auf, dass die Regie wieder keine klaren Anweisungen gibt. Die Schalte um 10.40 Uhr fällt aus. War vielleicht doch der EU-Gipfel oder das Training der Fußball-Nationalmannschaft vor dem Länderspiel wichtiger als Knut? Kaum vorstellbar. Um 11.00 Uhr sind sie wieder drauf.

Derweil interviewen Journalisten Journalisten, wie es denn kommt, dass so ein Rieseninteresse an Knut herrscht. Eine britische Fernsehfrau findet daran nichts Besonderes. Sie hatte sogar noch mehr Kollegen erwartet. In Großbritannien jedenfalls können die Zuschauer des Kanals Sky News ebenfalls live verfolgen, wie Knut erstmals seine Tatze in den Berliner Bärenteich platschen lässt.

„Das grenzt schon an Lächerlichkeit“

Langgediente Zoo-Mitarbeiter haben sich unter die Zuschauer gemischt, um auch mal einen Blick auf den neuen Star zu werfen, mit dem Minister-Pate Gabriel für die Artenschutzkonferenz im kommenden Jahr in Bonn werben will und dem er dafür das Futter sponsert. Ein derartiges Interesse haben auch sie noch nicht erlebt. Jedenfalls nicht mehr, seit 1996 der später sexuell frustrierte Panda in den Berliner Zoo kam.

Selbst Bären-Kurator Heiner Klös, der damals dabei war, ist immer noch überwältigt. „So einen Hype haben wir hier noch nie gehabt“, sagt er. Morgens früh um fünf wollten schon die ersten ausländischen Kamerateams anrücken, nur mal ganz kurz Knut in die Welt versenden, wir verraten den Kollegen auch nichts, dass wir das exklusiv hatten. „Das grenzt schon an Lächerlichkeit“, amüsiert sich Klös.

Erklären kann sich der Kurator das nur mit Knuts untrüglichem Timing. Er kam Anfang Dezember im Zoo auf die Welt, als erster Eisbär nach 33 Jahren. Eigentlich habe man gar nichts sagen wollen, erzählt Klös. Aber ein Zoo-Mitarbeiter habe nicht dicht halten können, und so kamen die ersten und wollten Bilder von Knut. Das war kurz vor Weihnachten, als sich alle schon so bärig-wohlig-kuschelig fühlen wollten. Dann kam der Klimawandel über die Medienwelt und schließlich wollte angeblich irgendein abgedrehter Experte, dass Knut lieber umgebracht werden soll als nicht-artgerecht zu leben. Die Lawine rollte. Sie ist nicht aufzuhalten.

http://www.zoo-berlin.de/ (AP)

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