Menschen & Meinungen – „Zeit sprengt alle Mauern“ - Berliner Friedensuhr – Renate Lilge-Stodieck
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Zum 9. November 1989 „Zeit sprengt alle Mauern“ - Berliner Friedensuhr

Renate Lilge-Stodieck

09.11.2010

"Die Berliner Friedensuhr".  Foto: Maria Zheng/The Epoch Times
"Die Berliner Friedensuhr".

Foto: Maria Zheng/The Epoch Times

1989. Es war die Zeit des Kalten Krieges, den man in Berlin täglich spürte und an dem auch manche Menschen verzweifelten. Mauer, Todesstreifen im Osten, Korridore für Reisen aus Berlin in den Westen, Drohgebärden aus Moskau, Bürgerrechtsbewegung im Osten, Erinnerungen an den 17. Juni 1953 und die Niederschlagung des Volksaufstandes, geheime Hoffnungslosigkeit gab es bei vielen und ein inneres Stillhalteabkommen mit der Angst, dass die östlichen Machthaber zuschlagen, oder dass die Sowjets ganz Berlin kassieren könnten. Aber man arrangierte sich mit den Realitäten. Die Realität hieß: Mauer.

Nicht für alle. Manche trugen Hoffnung im Herzen, schauten zurück in die Historie und entdeckten, dass Machtsysteme und Mauerwerke niemals ewig halten. Dieses Wissen wollte ein Berliner Bürger als Hoffnungsbotschaft weitergeben, in Symbolen und Worten. Der Erbe in der fünften Generation des Berliner Juwelierhauses Lorenz ließ seine Hoffnung und seine Vision Gestalt annehmen. Jens Lorenz ließ nach seinen Vorstellungen eine Uhr bauen, die im väterlichen Laden in der Rheinstraße in Berlin aufgestellt und feierlich enthüllt werden sollte. Die Feier galt jedoch vor allem der Übergabe des Geschäfts vom Vater an den Sohn.

250 Gäste waren geladen zu jenem denkwürdigen Donnerstag, auf den der 9. November im Jahr 1989 fiel. – Banalität am Rande: Damals durften Geschäfte nur am Donnerstag später schließen, gute Gelegenheit, in dem Geschäft auch abends noch zu feiern. – Und es geschah etwas Unglaubliches, das seinen Anfang nahm an jenem Donnerstag, dem Tag des Jupiter, dem Tag des Glücks.

Die Reden waren schon gehalten, die Glückwünsche ausgetauscht, die Uhr, die noch niemand kannte, konnte enthüllt werden. Fast drei Meter hoch und zwei Tonnen schwer und trotzdem mit durchsichtiger Leichtigkeit gestaltet, mit dem Uhrwerk aus einer alten Benediktinerabtei und einer Inschrift auf dem Architrav: „Zeit sprengt alle Mauern“.

Um 18.35 Uhr enthüllt Jens Lorenz die Uhr nun in „seinem“ Geschäft und im Ostteil der Stadt antwortet Politbüromitglied Schabowski um 18.57 Uhr auf die Frage, ab wann die neuen Ausreiseregelungen gelten sollten, ganz trocken: „Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich.“

Bei Lorenz wird um 18.57 das Pendel der Uhr angestoßen und die Gäste bewundern das außergewöhnliche Kunstwerk. Aber dann geschieht das Unfassbare, kurze Zeit später erreicht die Nachricht von der Öffnung der Grenzen die Feiernden. Die Nachrichten überstürzen sich, Tränen fließen, das Staunen über die Zeit-Gleiche der vorausahnenden Gestaltung im Kunstwerk und des Brechens der Mauer übersteigt alle Gedanken und Vorstellungen.

Ein Gast ruft aus, „aber das ist ja eine Friedensuhr!“ Gut gesprochen, friedlicher konnte keine Mauer fallen und kein System in sich zusammensinken.

Und diese Uhr steht bis heute im weiträumigen Laden von Juwelier Lorenz an der Rheinstraße im Stadtteil Friedenau, jener „Au des Friedens“, die als Stadtteil am 9. November 1874 begründet wurde, im selben Jahr, in dem der Juwelier Lorenz sein Geschäft dort eröffnete. Und Frieden’au trägt im Wappen einen Friedensengel.

So kreuzen sich die Zeitachsen und die Ereignisse, vollstreckt werden sie durch die Menschen, niemand weiß, wer sie bestimmt.

Aber die Zeit blieb nicht stehen, bald entstanden etwa 30 Zentimeter hohe kostbare Nachbildungen, die zunächst in privater Initiative und später unterstützt durch das Berliner UNESCO-Komitee an Friedensbewahrer überreicht wurden, zu ihnen gehörten Gorbatschow, Reagan und Kohl ebenso wie Mutter Theresa und Papst Johannes Paul und weitere folgten.

Nach dem Willen des Erschaffers, der schon einmal so ahnungsvoll eine Zukunft visionär gestaltet hat, soll jede Berliner Friedensuhr wie eine Hoffnungsträgerin einer kommenden Zeit sein: Einer Zeit, in der es Mauern aus Niedertracht und Mauern aus Neid, Mauern im Kopf und Mauern im Herzen, Mauern der Unmenschlichkeit und Mauern des Hasses nicht mehr geben wird, denn „Zeit sprengt alle Mauern“.

 

 

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