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14.09.2009
Frankfurt/Main – „Nicht wegschauen, Zivilcourage zeigen – aber mit Augenmaß“ – das rät der Kriminologe Thomas Feltes nach dem tödlichen Angriff auf einen 50-Jährigen in München, der in der S-Bahn Kinder vor gewalttätigen Jugendlichen schützen wollte. Die Verunsicherung ist groß, ob und wie man bei solchen Streitigkeiten eingreifen soll. Trotz des tragischen Ausgangs: Natürlich müsse sich ein Zeuge einmischen, sagt Feltes – „aber möglichst nicht allein und nicht den Helden spielen“.
Der Bochumer Professor lobt ebenso wie die Polizeigewerkschaften GdP und DPolG das Verhalten des 50-Jährigen. „Möglicherweise hat er alles richtig gemacht“, sagt Feltes im AP-Gespräch. Mit der extremen Brutalität der beiden Täter habe der Mann nicht rechnen können: „Der Münchner Fall ist sehr ungewöhnlich. So etwas haben wir in dieser Form noch nicht gehabt.“ Es gebe täglich Dutzende Fälle, „wo Leute sich einmischen und die Lage nicht eskaliert“. GdP-Chef Konrad Freiberg bescheinigt dem Opfer eine „vorbildliche Form der Zivilcourage“.
Schon ein bestimmtes, aber vermittelndes Auftreten kann eine gefährliche Situation häufig entschärfen, wie der Kriminologe Feltes rät. Wichtig sei es, sich Verbündete zu suchen – das können andere Fahrgäste sein, aber auch Mitarbeiter der Bahn. „Nichts allein unternehmen“, mahnt Feltes, der gemeinsam mit der Bochumer Polizei in Seminaren versucht, Schüler auf solche Situationen vorzubereiten.
Dann sollte der Täter angesprochen werden, aber möglichst nicht in aggressiver Form. „Die Anonymität muss gebrochen werden. Den Tätern muss klar werden, dass ihr Tun in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. In den meisten Fällen lassen sie dann bereits von ihrem Opfer ab.“ Um böse Überraschungen zu vermeiden, sollte man auch das Opfer fragen, ob es Hilfe benötige: „Oft streiten sich Bekannte oder Mitglieder einer Clique. Dann passiert es nicht selten, dass sich Täter und Opfer plötzlich gemeinsam gegen den Intervenierenden verbünden.“
Sehr skeptisch steht er dem Einsatz von eigener Gewalt oder von Waffen wie Pfefferspray gegenüber: „Wenn man zu aggressiv rangeht, droht eine Eskalation.“ Zudem wisse man nicht, ob die Angreifer nicht ein verstecktes Messer oder gar eine Schusswaffe ziehen könnten. „Man sollte sich niemals selbst in Gefahr bringen“, mahnt Feltes. Wenn es ernst wird, sollte auf jeden Fall die Polizei benachrichtigt werden.
Gibt es tatsächlich immer weniger Zivilcourage in Deutschland? „Das ist tatsächlich so“, sagt der Bochumer Professor. Immer häufiger werde weg- oder zugeschaut, statt zu helfen. „Das hat auch mit dem Zustand unserer Gesellschaft zu tun“, sagt Feltes: „Schauen Sie sich an, wie rücksichtslos sich manche Manager verhalten: Warum soll dann der kleine Mann auf der Straße Empathie (Einfühlungsvermögen) oder Rücksichtnahme zeigen?“
Die zunehmende soziale Kälte zeige sich auch auf Täterseite. Viele Jugendliche würden in der Schule aussortiert, fänden in der Familie keinen Rückhalt und hätten keine Perspektiven. „Wenn ich mich an den Rand gedrängt fühle, sich keiner für mich interessiert, warum sollte ich dann selbst Rücksicht auf andere nehmen?“, fragt der Kriminologe. „Diese Jugendlichen haben nichts zu verlieren.“
Zudem fächere sich die Gesellschaft immer weiter auf, was den Zusammenhalt weiter schwäche: „Je komplexer und anonymer sie wird, desto weniger sind die Menschen bereit, sich für den anderen zu engagieren. Mit Blick auf den tödlichen Angriff in München sagt Feltes: „Es ist kein Zufall, dass das in einer Großstadt passiert ist, und nicht in einem Dorf, wo man sich gegenseitig kennt.“ (AP)
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