Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – 20 Jahre nach der Wende Alltag im nicht mehr existierenden Realsozialismus – Friederike Schwabel
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Original-Brigadebuch 20 Jahre nach der Wende Alltag im nicht mehr existierenden Realsozialismus

Friederike Schwabel

06.10.2009

Berlin – „Sieh mal, so ein Buch haben wir auch geführt“, sagt eine Besucherin des DDR-Museums in Berlin zu ihrer Tochter. Sie hat ein Original-Brigadebuch in der Hand, in dem Arbeitsteams zu DDR-Zeiten gemeinsame Erfolge und Fehlschläge festhielten. Um die Ecke hört eine Frau über Kopfhörer einen großen Hit der DDR-Rockgeschichte: „Am Fenster“ von „City“. Sie hat Tränen in den Augen. Doch schon drängen andere Besucher nach, die ebenfalls an die Kopfhörer wollen.

Das Museum an der Spree zählt 300.000 Besucher jährlich und ist damit nach eigenen Angaben eins der meistbesuchten zeithistorischen Museen Deutschlands. Es ist nicht unbedingt ein besinnlicher Ort für langes Schwelgen in Erinnerungen. Zahlreiche interaktive Elemente laden aber ein, in das Alltagsleben in einem untergegangenen Staat einzutauchen, der 40 Jahre und 361 Tage bestand.

40. Jahrestag Anfang vom Ende

Als die DDR-Führung am 7. Oktober 1989 mit Pomp und Parade den 40. Jahrestag der Staatsgründung feierte, waren die Auflösungserscheinungen schon überdeutlich. Michail Gorbatschow, von demonstrierenden DDR-Bürgern als Hoffnungsträger bejubelt, ermahnte die Altherrenriege um Erich Honecker vergeblich zu Reformen.

Sein – tatsächlich von seinem Pressesprecher Gennadi Gerassimow so formulierter – Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ erwies sich als selten prophetisch. Keine zwei Wochen später wurde Honecker gestürzt, am 9. November fiel die Mauer. Ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, gab es die Deutsche Demokratische Republik nicht mehr.

„Vollkomfort-Wohnung“ und Original-Trabi

Wie es sich lebte im real existierenden Sozialismus, will das 2006 eröffnete Berliner Museum auf „amüsante und ironische“ Weise zeigen. Ossis können ihre Erinnerungen, Wessis ihre Vorurteile überprüfen. Über einige Stufen tritt der Besucher in eine Plattenbausiedlung im Maßstab 1:20. Hinter Türen, in Schränken und Schubladen in den Wänden stecken Informationen und Ausstellungsstücke zum Herausnehmen und Anfassen. Ein Kleiderschrank etwa enthält Damenmode nach den Entwürfen des „Modeinstituts Berlin“. Nicht weit davon hängt eine „Boxer“-Jeans, das von der Jugend ungeliebte Pendant zur westlichen Levi's-Jeans.

Die Sammlung des DDR-Museums umfasst insgesamt rund 150.000 Objekte, gestiftet von tausenden Privatleuten. Sie widmet sich mehreren Themenbereichen ostdeutschen Alltagslebens, von Bildung und Arbeit bis Kultur und Urlaub. Highlights sind der Nachbau einer „Vollkomfort-Wohnung“ und ein Original-Trabi P 601, mit dem man virtuell durch eine Plattenbausiedlung fahren kann. Ein Monitor zeigt DDR-Fernsehwerbung: Vier Arbeiter drängen sich samt Gepäck in einen nagelneuen Wartburg. Die Zuschauer schmunzeln.

Abhörtechnik und Observierungsfotos

Mit sanfter Ironie, aber wachem Blick erinnert die Ausstellung an das normale Leben im sozialistischen Staat. Ob Lebensmittelknappheit oder Bespitzelung: Auch im Alltag waren die Schattenseiten der Diktatur spürbar. Das Ministerium für Staatssicherheit öffnete täglich 90.000 Briefe und hörte 20.000 Telefonanschlüsse ab. Jeder DDR-Bürger musste damit rechnen bespitzelt zu werden, vielleicht sogar vom Nachbarn.

Der Abhörtechnik ist ein Teil der Ausstellung gewidmet. Man kann per Kopfhörer andere Museumsbesucher „abhören“ und Observierungsfotos sogenannter „negativer Jugendlicher“ ansehen, die 1983 eine Blues-Messe in der Erlöserkirche besuchten. Eine andere Geschichte erzählt eine Druckmaschine der oppositionellen Umweltbewegung: Das Gerät wurde von der Stasi einmal beschlagnahmt, musste aber auf Druck der Bevölkerung zurückgegeben werden.

http://www.ddr-museum.de (AP)

 

 

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