Aktuelle Nachrichten – Gesundheit
05.10.2010
Foto: Sascha Schuermann/dapd Photo
Berlin – Zu wenig Bewegung, schwere Ranzen, schlechte Schulmöbel: Bis zu 300.000 Kinder in Deutschland werden schon in frühen Jahren wegen Rückenschmerzen behandelt. Diese Zahl nannte der Bremer Gesundheitsexperte Gerd Glaeske am Dienstag bei der Vorstellung des Heil- und Hilfsmittelreports der Krankenkasse Barmer GEK. Als Therapie bekamen zuletzt knapp 30 Prozent der Kinder Krankengymnastik, aber 51 Prozent zusätzlich oder ausschließlich Schmerzmittel.
"Da stellt sich die Frage, ob nicht zu viel Medizin bei Kindern angewendet wird", sagte der Vizechef der Krankenkasse, Rolf-Ulrich Schlenker. Kinder mit unspezifischer Rückenschmerz-Diagnose und Krankengymnastik-Verordnung müssten stutzig machen. "Uns fällt auf, dass es so viele sind", sagte Schlenker. Er äußerte die Vermutung, dass "die Ursachen eigentlich häufig im erzieherischen Umfeld" lägen und zum Beispiel mangelnder Sport über Physiotherapie auf Kosten der Kassen ausgeglichen werde.
Die Ausgaben für Heilmittel – also zum Beispiel Krankengymnastik oder Sprachtherapien – und Hilfsmittel – also alles vom Hörgerät bis zum Stützstrumpf – machen den Kassen insgesamt Kopfzerbrechen. 2009 gaben alle Kassen zusammen rund zehn Milliarden Euro dafür aus. Die Kosten für Heilmittel stiegen dabei um 2,3 Prozent, die für Hilfsmittel sogar um 5,8 Prozent.
Nach Daten der Barmer GEK, die Glaeske im Auftrag der Krankenkasse detailliert auswertete und zum Teil für die gesamte gesetzliche Krankenversicherung hochrechnete, bekam 2009 insgesamt fast jeder sechste Versicherte physiotherapeutische Behandlung. Pro Kopf gab die Kasse für Physiotherapie 283 Euro aus, für Ergotherapie sogar 961 Euro. Während die Therapie bei Kindern "häufig zu schnell eingesetzt" werde, gebe es bei Älteren – vor allem bei todkranken Menschen – Nachholbedarf, sagte Glaeske.
Von den bei der GEK versicherten Kindern bis 13 Jahre bekamen 2008 im Durchschnitt 4,7 Prozent Physiotherapie, jedes zweite davon wegen Rückenschmerzen. Auch sehr kleine Kinder werden schon wegen unspezifischer Rückenbeschwerden oder -auffälligkeiten therapiert: 10,3 Prozent der behandelten Mädchen und 7,4 Prozent der Jungen waren unter zwei Jahre alt.
Die Verordnungen von Krankengymnastik für Kinder sind den Daten zufolge aber regional unterschiedlich verteilt. Sie sind in Sachsen mehr als doppelt so häufig wie in Hessen. Ähnlich sieht es bei Hilfsmitteln wie zum Beispiel Einlagen für Schuhe aus. Schlenker wunderte sich, dass in Mecklenburg-Vorpommern doppelt so viele Kinder Einlagen bekamen wie in Baden-Württemberg. "In Norddeutschland scheint ein Schwerpunkt von Plattfüßen zu sein", sagte der Kassenmanager.
Die Kasse vermutet insgesamt bei Hilfsmitteln für Kinder "Tendenzen zur Überversorgung". Zudem beklagt sie, dass es für viele Physiotherapien keine Erfolgskontrolle gebe. Nötig sei eine Kosten-Nutzen-Bewertung, ähnlich wie sie jetzt bei Arzneimitteln geplant ist, sagte Schlenker. Glaeske regte darüber hinaus eine "Task Force Hilfsmittel" an. Der Heil- und Hilfsmittelmarkt sei insgesamt intransparent. (dapd)
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