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11.01.2011
Foto: PETA
„In der Massenhaltung wird mit Tieren auf eine Weise umgegangen, die uns als Gesellschaft beschämen muss“, heißt es in einem gemeinsamen Appell von über 300 Professorinnen und Professoren sowie weiteren Wissenschaftlern. In ihrem Appell fordern sie von der Europäischer Union und von Bund und Ländern ein Ende der Tierquälerei und den Umstieg auf eine sozial-ökologische Landwirtschaft. Die Professoren empfehlen eine Neuausrichtung von Agrarsubventionen nach Tier- und Umweltschutzstandards, den Stopp von Exportsubventionen und eine Haltungskennzeichnung für Fleisch, ähnlich wie sie bereits für Eier gilt. Zu den Unterzeichnern des Appells gehören so renommierte Professoren wie der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer, der Theologe Eugen Drewermann, der Umweltethiker Konrad Ott, der Mediziner Wolfram Sterry und der Philosoph Dieter Henrich.
Auf einer Pressekonferenz am 11. Januar in Berlin äußerten verschiedene Professoren ihre Gründe zu ihrem Appell. Professor Herbert Zucchi, Professor für Zoologie/Ökologie in Osnabrück sagte: „Es gibt vielerlei Gründe, warum ich die Massentierhaltung ablehne. Der wichtigste Grund ist für mich, dass die Tiere völlig unartgemäß gehalten werden und eher dahinvegetieren. Die Verhaltensforschung hat so viele Kenntnisse über unsere als Nutztiere gehaltenen Tierarten gewonnen, dass man sicher mit Fug und Recht von nicht-artgemäßer Haltung sprechen kann. Dazu kommen aus meiner Sicht ethische Gründe: Im Umgang mit Tieren in der Massentierhaltung zeigt sich der hohe Verrottungsgrad dieser Gesellschaft besonders deutlich. Ein dritter Komplex ist für mich schlicht und einfach, dass ich gesunde Nahrung essen möchte, und der derzeitige ‘Dioxin-Skandal’ zeigt einmal mehr, dass industrielle Massentierhaltung anfällig gegen kriminelle Futter- und Fütterungspraktiken ist. Schließlich ist es nun mal so, dass wir in Mitteleuropa mit unserem hohen Fleischverbrauch aus der Massentierhaltung z.B. den Regenwald mit auffressen, weil dort Futterplantagen (Soja) für die bei uns gehaltenen Tiere entstehen.“
Professor Dieter Birnbacher, Philosophie-Professor und Ethiker an der Universität Düsseldorf sagte: „Nachdem der Tierschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen worden ist, muss die Politik die Konsequenzen ziehen. Dazu gehören ein Verbot der tierquälerischen Formen der Tierhaltung und Tierschlachtung und eine strengere Kontrolle der Einhaltung ethischer Standards. Den Konsumenten ist nicht vorzuwerfen, dass sie sich in erster Linie am in Deutschland eklatant niedrigen Preis von Fleisch und anderen tierischen Produkten orientieren. Gefordert ist die deutsche und europäische Landwirtschaftspolitik.“
Professor Claus Leitzmann, Ernährungswissenschaftler an der Universität Gießen erklärte: „Wie in anderen Konsumbereichen erwarten wir bei der Herstellung unserer Lebensmittel Klasse statt Masse sowie Nachhaltigkeit statt Gewinnmaximierung. Deshalb sollte unter anderem die Massentierhaltung schrittweise abgebaut und die ökologische Landwirtschaft gezielt gefördert werden. Nachhaltigkeit ist entscheidend für unser Wohlbefinden sowie für das unserer Mitwelt, Umwelt und Nachwelt.“
Kein Randthema von Tierschützern und Veganern
Laut Friederike Schmitz, Mitinitiatorin der Aktion und wissenschaftliche Mitarbeiterin am philosophischen Seminar der Universität Heidelberg, soll der Appell demonstrieren, „dass es sich bei der Debatte um Massentierhaltung längst nicht mehr nur um ein Randthema von Tierschützerinnen und Veganern handelt.“ Immer mehr Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft würden sich nicht länger mit den Zuständen in der industriellen Tierhaltung abfinden wollen.
Neben den Professoren haben auf der Internetseite http://www.gegen-massentierhaltung.de/presse bis heute weitere über 8.700 Unterstützer den Appell unterzeichnet. Die Initiatoren sind optimistisch, dass es noch mehr werden.
Zusätzlich ist für Samstag, den 22. Januar 2011, wenn sich Landwirtschaftsminister aus aller Welt und internationale Agrarkonzerne auf der Messe „Grüne Woche“ in Berlin treffen, um 12 Uhr am Hauptbahnhof Berlin eine Demonstration gegen Massentierhaltung geplant. Das Motto: „Wir haben es satt!“ (http://www.wir-haben-es-satt.de). „Wir wollen die gesammelten Unterschriften möglichst bald nach der Demonstration an Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner übergeben“, sagt Schmitz.
Billige Tierproduktion kommt uns teuer zu stehen
Professor Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) begrüßt die Initiative: „Ausgerechnet Stallformen mit den schlechtesten Noten im Tier- und Umweltschutz wie beispielsweise die Mast auf Betonböden ohne frisches Stroh und ohne Auslauf sind in der Praxis der Fleischerzeugung am weitesten verbreitet. Die Bundesregierung muss endlich die besten Stallformen zur Norm erklären.“
Ein weiterer Unterstützer der Aktion ist Professor Sievert Lorenzen, Zoologe in Kiel und Vorsitzender von PROVIEH e.V. Er sagt: „Zu einer tiergerechten Nutztierhaltung gehört auch eine artgemäße Fütterung. Der aktuelle Dioxin-Skandal zeigt, wie teuer uns ‘billige’ Tierprodukte zu stehen kommen: Es ist damit zu rechnen, dass wegen der Dioxinbelastung im Futter tausende Tiere sinnlos vernichtet werden. Das ist ebenso erschütternd wie qualvolle Haltungsbedingungen oder Gefahren durch gegen Antibiotika resistente Krankheitserreger. Es ist höchste Zeit für ein Umdenken in der Agrarpolitik.“ (hs/BUND)
Weitere Informationen:
Appell gegen Massentierhaltung - http://www.gegen-massentierhaltung.de
Demonstration am 22. Januar 2011 - http://www.wir-haben-es-satt.de
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