Sport News - Aktuelle Sport Nachrichten – Der hohe Preis der staatlich organisierten ‚Medaillenproduktion’ – Cai Yongmei und Maria Zheng
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Sportförderung in China Der hohe Preis der staatlich organisierten ‚Medaillenproduktion’

Cai Yongmei und Maria Zheng

24.08.2008

(China Photos/Getty Images)
(China Photos/Getty Images)
Dass China bei den 29. Olympischen Spielen die USA als erste Sportnation überholen und Nummer eins bei den Goldmedaillen sein wird, zeichnet sich inzwischen deutlich am Medaillenspiegel ab. Der Präsident des amerikanischen Nationalen Olympischen Komitees ließ bereits verlauten, dass sich die amerikanische Mannschaft angesichts der großen Ambitionen Chinas schon auf den Verlust dieses Titels vorbereitet habe.

Seitdem China 1984 in Los Angeles nach fast dreißigjähriger Abwesenheit zum ersten Mal wieder an Olympischen Sommerspielen teilnahm (es war den Spielen bis dahin aus Protest gegen die Zwei-China-Politik des IOC fern geblieben), zeigte das Land seinen großen Ehrgeiz, Medaillen zu gewinnen und machte Fortschritte in geradezu rasantem Tempo. Im Jahr 2004 schon gewann China 32 goldene Medaillen und stand am Ende mit nur vier Goldmedaillen weniger knapp hinter den USA.

Chinas Sportsystem – ein „Zentral gesteuertes System“

Dass China so schnell zu einem der erfolgreichsten Länder im Hochleistungssport geworden ist, ist dem speziellen chinesischen Sportsystem – dem ‚Zentral gesteuerten System’ (Ju Guo Tizhi) zu verdanken. Das erklärte der stellvertretende Direktor des Generalsportbüros Chinas, Cui Dalin, unmissverständlich nach den Olympischen Spielen in Athen: „Ohne unser ‚Zentral gesteuertes Sportsystem’ würden wir unmöglich so glorreiche Erfolge aufweisen.“

In der Praxis bedeutet dies, dass immense Mengen materieller Ressourcen, Arbeitskräfte und Finanzmittel des Staats auf den Spitzensport konzentriert werden, um in kürzester Zeit höchste Leistungen zu erzielen. Ressourcen der ganzen Gesellschaft werden eingesetzt, um wenige Elitesportler auszubilden. Sie müssen dann dem Land zum Ruhme, in den internationalen Sportwettbewerben so viele Medaillen wie möglich gewinnen. Nur ein Land wie China, in dem sämtliche Ressourcen unter Staatskontrolle stehen, kann ein solches System auch umsetzen.

Riesige Investition

In China werden jährlich einige hundert Millionen Euro in die Förderung des Spitzensports investiert. Laut Generalsportbüro wurde das Geld unmittelbar vom Finanzministerium zugewiesen. Es wird eingesetzt für den Aufbau der Sportanlagen in den staatlichen Sportschulen, für die Mannschaften auf Provinz-Ebene und in den staatlichen Sportstätten; für das Training der Nationalmannschaften und für die Vorbereitung auf Asiensportfeste und die Olympischen Spiele.

Einem Bericht des Time Magazine zufolge betrug das Jahresbudget des Generalsportbüros vor 2001 etwa 428 Millionen Dollar. Um das Land und die Sportler auf die Olympischen Spiele in Peking vorzubereiten, wurde das Jahresbudget auf rund 714 Millionen Dollar erhöht. Laut dem Direktor des Instituts für Sportwissenschaft des Generalsportbüros beliefen sich die Vorbereitungs-Kosten für jede Medaille in den internationalen Wettbewerben so auf sieben Millionen Dollar.

Der Ursprung des „Zentral gesteuerten Systems“

Das „Zentral gesteuerte System“ stammte ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion der 50er Jahre. Später wurde es von den meisten kommunistischen Ländern übernommen. Vorbilder für China waren die ehemalige Sowjetunion, die ehemalige DDR und andere ehemals kommunistische Länder Osteuropas. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks blieb China allein in der kommunistischen Riege. (Kuba und Nordkorea sind sportlich so unbedeutend, dass sie bei dieser Betrachtung außer Acht gelassen werden können.)

(China Photos/Getty Images)
(China Photos/Getty Images)

Chinas Führung bekennt offen, dass das höchste Ziel dieses Sportsystems ist, für das gute Image des kommunistischen Staates Goldmedaillen zu gewinnen. Zum Vergleich: In China ist Sport eine staatliche Angelegenheit und wird vom Staat vorangetrieben, im Westen ist sie eine gesellschaftliche Angelegenheit und wird von der gesamten Gesellschaft getragen; in China wird Hochleistungsport für Eliten gefördert, im Westen der Breitensport; im Westen ist das Olympische Komitee eine selbstständige, unabhängige Organisation, in China dagegen ein staatlich-bürokratisches Organ, nämlich das „Generalsportbüro der Kommunistischen Partei“.

Hunderttausende Sportler als Opfer

Die „Menschenmeer-Taktik“, eine Kriegstaktik aus der Zeit der Streitenden Reiche vor etwa 2300 Jahren, wird nun für die Förderung des Hochleistungssports in China angewandt. Mit dieser Taktik werden landesweit in allen Grundschulen die körperlich besonders geeigneten und talentierten Kinder und Jugendlichen ausgesucht. Sie werden in Jugendsportschulen geschickt und dort in von der Außenwelt abgeschnittenen Sportcamps trainiert. Danach werden die Besten unter diesen jugendlichen Sportlern ausgewählt, um nach einem weiteren besonderen Training an nationalen und internationalen Wettbewerben teilzunehmen.

Heutzutage gibt es in China landesweit über dreitausend Jugendsportschulen. 400.000 jugendliche Sportler werden dort trainiert. Die Jüngsten unter ihnen sind erst sechs Jahre alt. Über den unglaublichen Drill, der an den meisten dieser Schulen herrscht, wurde mittlerweile schon in vielen Medien berichtet.

(China Photos/Getty Images)
(China Photos/Getty Images)

Auch das Time Magazine berichtete kürzlich über drei Jugendsportschulen in der Provinz Shandong. Alle drei Schulen sind Internate. Die Kinder trainieren täglich mindestens fünf bis sechs Stunden, ab und zu auch am Abend. Zwar wurde dem Reporter des Time Magazines mitgeteilt, dass die Kinder in ihrer Hauptzeit lernen müssten und nur in ihrer Freizeit trainiert würden, jedoch war in den Schulen nirgendwo ein Lehrbuch zu sehen. Ein Junge, der für das Laufen trainiert wird, sagte dem Reporter, dass es außer Laufen in seinem Leben nur Schlafen gäbe. Die Kinder sollen jedoch wissen, was sie für ihr Land tun, denn überall in den Schulen hängen Plakate und Parolen wie: „Mach deinem Land Ehre“.

Eine traurige und harte Tatsache aber ist, dass nur einige wenige dieser Eliten dahin kommen, ihrem Vaterland eines Tages Ehre machen zu können. Selbst wenn sie Erfolg hatten, nehmen auch sie ein tragisches Ende, wenn sie nicht gerade Star-Sportler sind. Der „Sportzeitung Chinas“ zufolge haben 80 Prozent der Sportler nach Beendigung des Berufssports Schwierigkeiten, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, da es ihnen nicht nur an einer Basisbildung fehlt, sie haben auch keine anderen Fähigkeiten aufzuweisen. Die Meisten leiden dazu aufgrund des harten langjährigen Trainierens unter schweren gesundheitlichen Problemen, manche tragen sogar Behinderungen davon wie die bekannte ehemalige Gewichtheberin Zou Chunlan.

Mehr männliche Hormone, als ein Mann: Die 37-jährige ehemalige Gewichtheberin Zou Chunlan beim Rasieren. (Screenshot von Sina.com)
Mehr männliche Hormone, als ein Mann: Die 37-jährige ehemalige Gewichtheberin Zou Chunlan beim Rasieren. (Screenshot von Sina.com)

Die Tragödie der Gewichtheberin Zou Chunlan

Die ehemalige Stargewichtheberin Zou Chunlan ist 37 Jahre alt, seit 2002 ist sie verheiratet und möchte Mutter werden, doch ist das für sie unmöglich, denn sie hat in ihrem Körper mehr männliche Hormone als ein normaler Mann. Oft streicht sie aus Gewohnheit über ihr Kinn – die Barthaare hat sie schon sauber entfernt. Zou war eine Starsportlerin und stellte neue Weltrekorde auf. Nach ihrem Rückzug aus dem Sport wurde ihr Leben immer schwieriger. Seit 1993 fand sie keinen richtigen Beruf, denn sie hat die Schulbildung eines Drittklässlers. Als 16-jähriges Mädchen kam sie als talentierte Gewichtheberin in die Mannschaft der Provinz Jilin. Dort musste sie sechs Jahre lang täglich ein Präparat, genannt „Da Li Bu“, nehmen. Ihr Trainer versicherte ihr, dass diese Pille für sie gut sei und ihr keinen Schaden zufüge. Nach einigen Monaten wuchsen lange Haare an ihrem Körper und ihre Stimme wurde immer tiefer. Ihr Trainer sagte ihr endlich, dass diese Pille eine Art männliches Hormon sei, beruhigte sie aber, dass ihr dies nicht schaden werde. Die Konsequenzen muss Zou heute nun alleine tragen.