Menschen & Meinungen – Als Studentin zur Medizinerausbildung in Peru – Halina Kingreen / Gastautorin
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Menschen & Meinungen

Heute erzähle ich von Rosa Als Studentin zur Medizinerausbildung in Peru

Halina Kingreen / Gastautorin

10.05.2009

Zwei Frauen in ihrer Alltagskleidung und Hut in Lima.  (Halina Kingreen)
Zwei Frauen in ihrer Alltagskleidung und Hut in Lima. (Halina Kingreen)
Aus Perus Hauptstadt Lima schrieb die Medizinstudentin Halina Kingreen an ihre Freunde. Epoch Times erhielt die Genehmigung zur Veröffentlichung von den Einblicken in das Leben und Sterben in einem fernen Land.
Halina Kingreen vor der Station, in der Rosa behandelt wurde.  (Halina Kingreen)
Halina Kingreen vor der Station, in der Rosa behandelt wurde. (Halina Kingreen)
Warteraum des Krankenhauses in Lima - täglich warten hier Patienten ab morgens um fünf auf einen Arzt.  (Halina Kingreen)
Warteraum des Krankenhauses in Lima - täglich warten hier Patienten ab morgens um fünf auf einen Arzt. (Halina Kingreen)
Reisende Familie in Cajamarca. Die Leute aus der Provinz kommen, wenn es schwierig wird, immer in die Hauptstadt nach Lima.  (Halina Kingreen)
Reisende Familie in Cajamarca. Die Leute aus der Provinz kommen, wenn es schwierig wird, immer in die Hauptstadt nach Lima. (Halina Kingreen)
Die Station, wo Rosa behandelt wurde.  (Halina Kingreen)
Die Station, wo Rosa behandelt wurde. (Halina Kingreen)
Rosa und ihr Onkel.  (Halina Kingreen)
Rosa und ihr Onkel. (Halina Kingreen)

Amigos, Perú hat mich noch nicht gehen lassen. Ich mache ein weiteres Tertial meiner praktischen Medizinerausbildung in diesem wunderbaren Land (auf der Station Innere Medizin). Hier habe ich Verantwortung für die Patienten wie eine Ärztin, natürlich immer in Absprache mit dem Chefarzt.

Und es gäbe so unglaublich viel Wunderbares und Andersartiges zu berichten, aber heute erzähle ich nur von Rosa.

Sie ist 24 Jahre alt und kommt aus den Anden - aus la Sierra-Cajamarca. Dort wo der letzte Inka-König von den Spaniern hinterhältig gesteinigt wurde.

Rosa hat mit 20 Jahren Tuberkulose bekommen. Bauchtuberkulose. Da Rosa aus einer Familie mit durchschnittlichem Einkommen stammt, hat sie kein Geld um zum Arzt zu gehen (außer, wenn es richtig schlimm ist, und das war es zu diesem Zeitpunkt nicht). Erst als der Darmabschnitt aufplatzte und in die Bauchhöhle eiterte, ging sie zum Arzt. Die Chirurgen stellten fest, dass ein Großteil des Darms schon abgestorben war, und dieser Teil entfernt werden musste. Künstlicher Darmausgang mit 22 Jahren - und das eigentlich
nur, weil sie nicht zum Arzt gehen konnte.

Ihr Zustand verschlechtert sich und sie bekommt eine Lungenentzündung und kommt zu mir auf die Station nach Lima. Die Leute aus der Provinz kommen, wenn es schwierig wird, immer in die Hauptstadt nach Lima. Sie reisen an mit Nachtbussen und ihren Familienangehörigen. Diese benötigen die Patienten, damit ihnen jemand das tägliche Rezept für die Medikamente und die anstehenden Untersuchungen zahlt.

Rosa ist schwach und wird künstlich ernährt. Ihre 23-jährige Schwester ist seit vier Wochen täglich an ihrer Seite. Sie schläft auf Stühlen neben dem Bett. Auch der Onkel, der in Lima wohnt, kommt jeden Tag zu Besuch.

Bestimmte Untersuchungen können wir nicht machen, da kein Geld da ist. Oft warten wir bis zu einer Woche darauf, dass die Patienten die Rezepte und Untersuchungen bezahlen können. Oft muss dann ein Familienangehöriger sein Hab und Gut verkaufen und zum Schluss bleibt das hart Erstparte dann für den Kranken in der Familie. Ein kleiner Straßenstand wurde gerade angelegt und jetzt für den Ultraschall, die Bluttransfusion und die Röntgenaufnahme investiert. Wie es weitergeht ist ungewiss.

Als Arzt ist es kaum auszuhalten so zu arbeiten. Man kennt Wege um den Patienten zu heilen, aber das Geld ist einfach nicht da. Es ist eine menschliche Katastrophe. Als Medizinerin sehe ich deshalb Erkrankungen in Stadien, die es in Deutschland nur in Lehrbüchern zu berichten gibt.

Und wir Reichen leben auf Kosten der Armen! Welthandel und Globalisierung live: damit wir billigen Kaffee und coole Nike-Schuhe kaufen können, verdienen die Menschen hier so wenig für die Produktion, dass ihre Familienmitglieder oder sie selber sterben müssen.

Rosa geht es von einem auf den anderen Tag schlechter. Sie bekommt eine Leberentzündung - sehr wahrscheinlich durch die Antituberkulosetherapie, die Nieren versagen und Wasser tritt in die Lunge. Das bedeutet sie wird gelb, hat im ganzen Körper Wassereinlagerungen (bis in die Pupillen!) und atmet sehr schwer. Die teuren Medikamente, die Erleichterung bringen könnten, können einfach nicht gekauft werden.

Ihre Schwester streichelt sie liebevoll immerzu, kämmt ihr die Haare oder hält ihr die Hand. Das Einzige, was sie machen können. Zum Glück ist der Onkel zur Unterstützung da, ihn könnt ihr auf dem Foto sehen, denn der 23-jährigen Schwester steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben ... so viel Leid ... und so viel Tod in so jungen Jahren.

Auf der Station und in der Familie von Rosa warten alle auf Rosas Tod. Aber ihr Herz ist jung und sehr stark. Alle Medikamente werden wegen der starken Nebenwirkungen abgesetzt.

Ich verabschiede mich von ihr in einer ruhigen Minute. Drei Stellwände sind um ihr Bett gerichtet zur Isolation von den anderen 40 Patienten. Ich bete für sie.

Am Nachmittag kommt die ganze Familie aus den Anden angereist. Ihre Mutter mit fünf weiteren Kindern, Onkel und Tanten. Die Mutter in typischer Andentracht mit 4-Schichten Rock, Wolljacke und Hut und weint die ganze Station zusammen: „Warum, warum nur, Tochter, warum ..."

Am nächsten Tag stirbt Rosa.

Die Schwester fährt sofort im 16-Std-Bus nach Hause zurück. Drei Wochen später bin ich zum Urlaub in der Gegend und treffe sie ganz unverhofft auf einem Bauernhof. Menschen aus den Bergen schauen Weiße (Gringos) und Menschen mit Geld nicht in die Augen. Als ich ihr sagte: „Hallo, du bist doch die Schwester von Rosa", da schaute sie auf und in meine Augen und strahlte übers ganze Gesicht. Das war eine menschliche Begegnung.

In diesem Sinne, seid gegrüßt aus Lima von Halina

Halina Kingreen vor dem Poster des peruanischen Films la teta asustada. Die Hauptperson des Berlinale Hauptgewinnerfilms wird in dem Film in dem benachbarten Hospital in Lima behandelt.  (Halina Kingreen)
Halina Kingreen vor dem Poster des peruanischen Films la teta asustada. Die Hauptperson des Berlinale Hauptgewinnerfilms wird in dem Film in dem benachbarten Hospital in Lima behandelt. (Halina Kingreen)

Zur Person: Halina Kingreen ging von Berlin aus zum praktischen Teil ihrer Medizinerausbildung nach Südamerika. Aus Perus Hauptstadt Lima schrieb sie an ihre Freunde.

 

 

Schlagworte

 
Anzeige
Anzeige
Anzeige