Aktuelle Nachrichten – Lebensmittel
31.07.2009
Frankfurt/Main – Für die österreichischen Winzer war es der Super-GAU: Als 1985 bekannt wurde, dass Wein mit dem giftigen Frostschutzmittel Glykol gepanscht wurde, brach der Weinexport des Landes zusammen und der Ruf der österreichischen Winzer war weltweit ruiniert. Da auch deutsche Winzer in den Skandal verwickelt waren, kam es in Deutschland ebenfalls zu Absatzeinbrüchen und einem Imageverlust des deutschen Weins.
Doch was damals eine Katastrophe war, hat sich langfristig positiv ausgewirkt: In beiden Ländern hat sich als Folge des Glykol-Skandals die Qualität des Weins erheblich verbessert. So haben Lebensmittelskandale auch gute Seiten.
Die österreichischen Winzer mussten damals praktisch wieder ganz von vorne anfangen, da niemand mehr ihren Weinen vertraute. Auch Winzer, die nicht in den Glykol-Skandal verwickelt waren, gingen bankrott. Doch schon wenige Wochen nach Bekanntwerden des Skandals wurde eines der schärfsten Weingesetze der Welt verabschiedet. Von da an stand für immer mehr Winzer wieder Qualität statt Quantität im Vordergrund, und inzwischen finden sich österreichische Weine weltweit wieder auf Spitzenplätzen.
In Deutschland, wo einige Hersteller ihren Wein in großem Stil mit österreichischem Glykol-Wein verschnitten, gab es eine ähnliche Entwicklung: „Das Bewusstsein der Erzeuger ist seit Mitte der 80er Jahre gewachsen, und seit den 90er Jahren ist die Qualität der Weine deutlich gestiegen“, sagt der Präsident des Deutschen Weinbauverbands, Norbert Weber.
Da Deutschland nur indirekt in den Skandal verwickelt gewesen sei, sei die Entwicklung im Vergleich zu Österreich mit etwas Verzögerung abgelaufen. „Aber der Glykol-Skandal war mit Auslöser für eine neue Diskussion, die zu einem riesigen Qualitätsschub geführt hat, gerade auch bei der nächsten Winzer-Generation“, sagt Weber.
So eklig, gesundheitsgefährdend und teilweise verbrecherisch Lebensmittelskandale auch sind – in der Folge wirken sie sich zumeist positiv aus. „Jeder Lebensmittelskandal deckt Lücken in der Überwachung und der Gesetzgebung auf“, sagt Stefan Etgeton vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Diese könnten dann geschlossen werden – auch wenn dies nicht immer zur vollständigen Zufriedenheit der Verbraucherschützer geschehe.
Etgeton verweist etwa auf die BSE-Krise, die Deutschland zu Beginn des Jahrzehnts erschütterte: „Durch den BSE-Skandal hat sich die Herkunftskennzeichnung verbessert.“ Die Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln verbessere die Transparenz für die Verbraucher. Zudem hätten immer neue Pestizidskandale den Bioboom in Deutschland befördert. „Aber auch bei den konventionellen Herstellern hat sich durch die Skandale eine ganze Menge bei der Pestizidbelastung getan“, sagt Etgeton.
So habe etwa Lidl ein Qualitätssicherungssystem eingeführt, das „nicht von schlechten Eltern ist“ – die Grenzwerte bei Lidl lägen sogar unter den offiziellen Grenzwerten. Die Aufdeckung von Lebensmittelskandalen führe zu einer „nachhaltigen Disziplinierung der Erzeuger, die mit einer stichprobenartigen Überwachung so nicht erreicht werden könnte“, sagt der Verbraucherschützer.
Die für die Überwachung der Lebensmittelbranche zuständigen Landesbehörden nutzten jetzt stärker das Instrument der Veröffentlichung von Fehlverhalten, sagt Etgeton. „Ich glaube, dass die Lebensmittelüberwachung auf dem Weg ist, besser zu werden, auch wenn noch einiges zu tun ist.“
Rückendeckung bekam die offensiver gewordene Verbraucherpolitik der vergangenen Jahre, die die Information der Bürger im Blick hat, vom Bundesverfassungsgericht: Dieses entschied im Juli 2002 in einem Grundsatzurteil, dass der Staat die Bürger öffentlich vor gefährlichen Produkten warnen darf.
17 Jahre nach dem Glykol-Skandal stellten die Karlsruher Richter fest, dass die Bundesregierung damals zu Recht eine Liste mit verseuchten Weinen veröffentlichte, und wiesen die Verfassungsbeschwerden mehrerer Kellereien zurück. Der Staat habe in einer Informationsgesellschaft das Recht, die Öffentlichkeit in einer kritischen Marktsituation selbstständig zu informieren, erklärte das höchste deutsche Gericht.
Eine solche Veröffentlichung führt laut Etgeton zu Qualitätssicherung: „Wenn bestimmte Probleme auf bestimmte große Ketten adressiert sind, dann wächst wegen des Wettbewerbs der Druck und die Qualitätssicherung steigt.“ So würden die Rechte der Verbraucher schrittweise verbessert.
Noch keine Verbesserung sieht Etgeton allerdings beim Schutz der Informanten, die die Lebensmittelskandale oft erst ins Rollen bringen. Sie müssten vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen geschützt werden – leider habe sich die Große Koalition aber nicht darauf einigen können. „Möglicherweise brauchen wir da erst einen neuen Skandal – aber das wäre bedauerlich“, sagt der Verbraucherschützer. (AP)
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