Der Zeiger des Höhenmessers hat sich auf 3200 Meter hochgearbeitet. Die Tür der kleinen Propellermaschine ist schon weit geöffnet. Die Öffnung gibt den Blick frei auf eine weite Landschaft, deren Konturen sich in dieser Höhe verwischen. „Runter kommen wir immer!“, hatte Robert beim Anlegen der Absprung-Utensilien noch auf sicherem Grund gesagt. Fragt sich nur wie. Habe ich mich mit diesem Luftabenteuer übernommen?
Nun jedoch ist die Entscheidung zum Absprung nicht mehr rückgängig zu machen. Denn Robert, mit dem ich fest zu einem Zweierpack zusammengeschnürt bin, tippt mir auf die Schulter, um mich an die abgesprochene gerade Körperhaltung zu erinnern. Und dann sein unmissverständliches „Go!“ Sekunden später befinden wir uns als Tandem in freiem Fall und versuchen, uns in Bauchlage der Erdanziehung entgegenzustemmen. Die Spannung ist der Zuversicht gewichen: „Irgendwie kommen wir schon runter!“
Doch plötzlich, in ungefähr 2.000 Metern Höhe, stellt ein Ruck das Gurtzeug auf eine harte Probe. Schmerzhaft drückt es von unten in die Oberschenkel. Denn Robert hat den Schirm geöffnet, der uns mit seiner großen Oberfläche für einen Augenblick wieder nach oben zu ziehen scheint. Und dann zum ersten Mal das Gefühl zu schweben! Eine unglaubliche Ruhe, eine überwältigende Stille stellt sich ein. Gerade so, als wäre die Zeit hier oben stehen geblieben.
Ich versuche, im Gurtzeug die bequemste Position zu finden und genieße es, in leichtem Aufwind behäbig durchs Leere zu gleiten. Nur ab und zu bringt Robert Abwechslung in unseren behaglichen Schwebezustand. Mit ein paar Handgriffen versetzt er uns in eine Spiralbewegung, die uns wie ein Karussell durch die Luft wirbelt. Armer Magen!
Zum Glück bleibt genügend Zeit, um die wilde Landschaft unter uns zu studieren. Sie ist übersät mit Krateröffnungen und Erdspalten, die zeigen, wie sehr die Erdoberfläche hier in Bewegung ist. Das beweisen auch die dampfenden Seen und die blubbernden Schlammlöcher. Nur nicht irgendwo darin landen!
Kein Wunder, dass die Europäer an dieser Landschaft zunächst nur mäßiges Interesse zeigten. Auch wegen der Ureinwohner. Denn als der Niederländer Abel Tasman im Jahre 1642 Neuseeland entdeckte, brachte ihm dieser Zufall nichts als Ärger. Nicht nur, dass die Maori über und über tätowiert waren und zur Begrüßung die Zunge weit herausstreckten. Sie rollten auch noch Furcht erregend mit den Augen und töteten bei der ersten Gelegenheit sogleich vier holländische Besatzungsmitglieder. So machte Tasman zuhause nur wenig Reklame für diesen Teil der Welt.
Erst Captain Cook stieß 130 Jahre später bei seiner Suche nach dem imaginären Südkontinent erneut auf die Doppelinsel. Er jedoch hatte vorgesorgt. Aus Tahiti brachte er einen Südsee-Insulaner als Dolmetscher mit, der alle Missverständnisse schon von der Wurzel her ausräumen konnte. So ließen die Maori den großen Entdecker gewähren.
Cook machte auch sogleich eine Inselrundfahrt per Schiff. Und was er sah, begeisterte ihn: schneebedeckte Gebirgszüge, dichte Farnwälder, schimmernde Seen – und alles in unbeschreiblicher Schönheit. Eine solche Nachricht musste sich im überfüllten Europa in Windeseile herumsprechen. So ließen auch die ersten Siedler nicht lange auf sich warten. Der Ansturm auf „das schönste Ende der Welt“ hatte begonnen.
Für die europäischen Neuankömmlinge bedeutete ihr Südsee-Abenteuer zugleich die Chance eines Neuanfangs. Sie machten sich sogleich daran, die riesigen Wälder in landwirtschaftliche Nutzflächen umzuwandeln. Darauf tummelten sich bald Schafe und Rinder, die dann in den Kochtöpfen der ganzen Welt ein trauriges Ende fanden. Doch den „Kiwis“, wie die Neuseeländer sich bald nannten, brachten sie den erwarteten Wohlstand. So erhielten die Inseln langsam ein anderes Gesicht, das immer mehr dem britischen Vorbild ähnelte.
Nur die Maori konnten sich darüber nicht freuen. Die „edlen Wilden“ wollten sich so schnell nicht zähmen lassen. Sie wehrten sich energisch, doch auf Dauer waren sie der Übermacht moderner Waffen nicht gewachsen. So unterschrieben sie im Jahre 1840 den Vertrag von Waitangi. Ein Kompromiss, aber ein Meilenstein für das weitere friedliche Zusammenleben beider Kulturen. Und heute sind die Maori mehr als in früheren Jahren wieder stolz auf ihre alte Vergangenheit.
Zum Beispiel in Whakarewarewa. Dieser kleine Ort mit dem langen Namen ist eine Maori-Siedlung am Rande des Rotorua-Sees in der Mitte der Nordinsel, auf den wir soeben zuschweben. Gleich neben dem See zischt und pfeift, brodelt und blubbert es. Der Pohutu, größter Geysir von ganz Neuseeland, schießt gerade seine Fontäne dreißig Meter hoch in die Luft.
Der Ort erinnert an Hinemoa, eine junge Maori-Prinzessin, die hier seit Generationen verehrt wird. Sie liebte ihren Freund Tutanekai so sehr, dass sie unter Einsatz ihres Lebens den halben Rotorua-See durchschwamm, um bei ihm zu sein. Romeo und Julia auf neuseeländisch. Oder sogar neuseeländische Ableger der legendären „zwei Königskinder“? Als geschnitzte Figuren sind sie heute noch eng umschlungen am Dorfeingang von Whakarewarewa zu bewundern ...
Inzwischen haben wir merklich an Höhe verloren, und Robert holt mich mit seinen präzisen Griffen am Gurtzeug zurück aus meinen Gedankenflügen. Seine Aktivitäten gelten unserem „Landeanflug“ auf eine kleine Wiese neben der Flughafenhalle von Rotorua, von wo aus wir gestartet waren. „Festhalten, Beine flach nach vorn ...“ und unsere Punktlandung auf dem Hinterteil ist nur noch eine Frage von Sekunden. „Hab ich doch gesagt, dass wir runter kommen“, sagt Robert, als wir gemeinsam den Fallschirm bergen. Ich nicke und glaube es inzwischen auch.
Informationen „Neuseeland“
Anreise: Viele Fluggesellschaften bieten internationale Flüge nach Auckland an, einige sogar nach Christchurch oder Wellington. Die Flugzeit beträgt bis zu 25 Stunden. Je nach Flugroute sollte daher ein Stopover erwogen werden.
Einreise: Deutsche Staatsbürger benötigen einen mindestens noch drei Monate gültigen Reisepass. Bei einem bis zu dreimonatigen Aufenthalt ist kein Visum erforderlich, jedoch Rück- oder Weiterreisepapiere als Nachweis, dass das Land innerhalb von drei Monaten wieder verlassen wird
Reisezeit: Neuseeland ist eine Ganzjahresdestination. Die Jahreszeiten sind jedoch entgegengesetzt denen in Europa: Frühling von September bis November, Sommer von Dezember bis Februar, Herbst von März bis Mai, Winter von Juni bis August. Durchschnittstemperatur im Sommer 20-30, im Winter 10-15 Grad Celsius.
Unterkunft: Neuseeland bietet ein breites Angebot an Unterkünften von Backpacker Lodges und Jugendherbergen bis zu Hotels der Luxusklasse. Dazwischen gibt es eine Auswahl an Homestays, Farmaufenthalten, B & Bs, Landhäusern, Ferienhotels und Holiday Parks.
Reiseziel Rotorua: Gelegen im Zentrum der Nordinsel, ist Rotorua von Auckland aus in 3 Stunden mit dem Auto zu erreichen. Air New Zealand und Qantas fliegen Rotorua täglich an von Auckland in 40, von Wellington in 60, von Christchurch in 85 und von Queenstown in 150 Minuten.
Skydiving in Rotorua: Direkt am Flughafen, 10 Kilometer entfernt vom Stadtzentrum; 3 Sprungkategorien: Freier Fall von 65, 45 und 30 Sekunden; Kosten: NZ-Dollars 399,299 und 249.
Auskunft erteilen die Botschaft von Neuseeland, Atrium Friedrichstraße, Friedrichstraße 60, 10117 Berlin, Tel. 030-206210, E-Mail nzemb@t-online.de und das Generalkonsulat von Neuseeland, Domstraße 19, 040-4425550
Schlagworte
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