Nachrichten Deutschland – Durch enge Röhren in die Freiheit – Kirsten Grieshaber
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20 Jahre nach der Wende Durch enge Röhren in die Freiheit

Kirsten Grieshaber

21.09.2009

(AP Photo/Maya Hitij)
(AP Photo/Maya Hitij)
Hasso Herschel in Berlin während eines Interviews. Herschel half zu Zeiten der Berliner Mauer vielen DDR-Bürgern, durch Tunnel in den Westen zu fliehen. (AP Photo/Maya Hitij)
Hasso Herschel in Berlin während eines Interviews. Herschel half zu Zeiten der Berliner Mauer vielen DDR-Bürgern, durch Tunnel in den Westen zu fliehen. (AP Photo/Maya Hitij)

Berlin – Mit so viel Einfallsreichtum hatte die DDR-Führung wohl nicht gerechnet, als sie 1961 die Berliner Mauer errichten ließ. Die Bürger, die dem kommunistischen Regime unbedingt entkommen wollten und dabei alles riskierten, waren äußerst kreativ. Einige flogen mit Heißluftballons über die Grenze, andere segelten über die Ostsee in den Westen, wieder andere überwanden die Barriere gut versteckt in Autos. Und dann gabe es noch die Menschen, die durch selbst gegrabene Tunnels in den Westen flüchteten.

Im Laufe der Jahrzehnte waren es rund 300. Fast 20 Jahre nach dem Mauerfall sind die Bunker und Tunnel aus Zeiten des Kalten Kriegs zu einer der größten Touristenattraktionen der Hauptstadt geworden. Allein im letzten Jahr entdeckten mehr als 150.000 Besucher die Berliner Unterwelten, die bis heute schaurige Erinnerungen wach rufen.

Hasso Herschel ist einer der bekanntesten Tunnelgräber Deutschlands. In den 60er und 70er Jahren half er Dutzenden Menschen, durch die illegalen Tunnel vom Osten in den Westen zu fliehen. Einige der Tunnel grub er mit seinen eigenen Händen, den ersten im September 1962.

„Das war das beste, was ich jemals in meinem Leben getan habe“, sagt der 74-jährige Rentner, der 1961 mit einem gefälschten Pass nach Westdeutschland entkam. Heute begleitet Herschel regelmäßig Besuchergruppen durch die verborgenen Welten unter den Straßen Berlins und erklärt, wie die Fluchtrouten funktionierten.

„Keine Zeit mehr für Ängste“

Seine Schwester Anita Moeller war eine der ersten, denen Herschel half. Der Eingang des Tunnels, den sie nutzte, war in einem Haus auf der Ostseite der Grenze versteckt, in der Nähe der Mauer an der Bernauer Straße, erinnert sie sich. „Wir gingen in das Haus, runter in den Keller, und dann mussten wir in ein Loch steigen“, erzählt Moeller, die damals zusammen mit ihrer Tochter, damals noch ein Baby, und ihrem Mann flüchtete. „Erst hatte ich große Furcht, weil ich etwas klaustrophobisch bin ..., aber als ich erst mal im Tunnel war, hatte ich keine Zeit mehr für meine Ängste.“ Insgesamt flüchteten 29 Menschen durch den Schacht unter der Bernauer Straße und machten ihn so zu einem der erfolgreichsten Tunnelprojekte jener Zeit.

Während manche Tunnel nur rund 30 Meter lang waren, gab es andere mit einer Länge von 170 Meter. Einige waren wie kleine Röhren, kaum groß genug, um durch sie hindurchzukriechen, während andere hoch genug waren, um in ihnen aufrecht zu gehen. Es dauerte zwischen drei Tagen und sechs Monaten, bis die aufwendigen Konstruktionen fertiggestellt waren, die zwischen Oktober 1961 und April 1982 gegraben wurden.

Viele Tote

Ungeklärt ist, wie viele Menschen bei der Flucht durch die Tunnel getötet wurden. Oft wurden die Röhren von den Grenztruppen oder der Stasi entdeckt, bevor sie genutzt werden konnten. Manche Tunnel stürzten zusammen, wurden durch Grundwasser geflutet oder durch einstürzendes Erdreich wieder verschüttet, bevor sie genutzt werden konnten.

„Insgesamt haben wir 71 Tunnelprojekte gezählt, von denen 20 Prozent erfolgreich waren“, sagt Dietmar Arnold, Vorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten, der die Touren für die Öffentlichkeit durchführt. „Die meisten Tunnel wurden vom Westen in den Osten gegraben, oft von Männern, die bereits in den Westen geflohen waren und nun versuchten, den Rest der Familie aus der DDR rauszubekommen“, sagt Arnold.

Unheimliche Atmosphäre

Die Touren durch die Unterwelten starten meist in einem verwinkelten Bunker aus dem Kalten Krieg im Wedding. Hier hat der Verein einen Modell-Tunnel gebaut, ausgestattet mit Eimer, Schaufel und einem kleinen hölzernen Kastenwagen, der benutzt wurde, um den Abraum rauszutransportieren. Das Licht im Bunker ist dämmrig, Leuchtfarbe aus der Zeit des Kalten Kriegs schimmert von den Wänden, so dass eine unheimliche Atmosphäre entsteht.

Nach einer kurzen Fahrt mit der U-Bahn gelangen die geführten Gruppen dann zur Bernauer Straße in Mitte. Hier war eine der beliebtesten Stellen für die Tunnelgräber – wegen des hohen Lehmgehalts war es hier einfacher zu graben, als in dem ansonsten sehr sandigen und lockeren Berliner Boden. Insgesamt gab es allein an dieser Stelle 15 Versuche, einen Weg in die Freiheit durch die Erde zu graben. „Heute ist keiner der Original-Tunnel mehr zugänglich, aber manchmal werden bei Straßenarbeiten unbekannte noch entdeckt“, sagt Arnold.

„Die komplette innere Glücksgefühl“

In den ersten Monaten nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 flüchteten über 600 Flüchtlinge durch die Kanalisation der Stadt und die U-Bahn-Tunnel, aber Ende 1961 hatten die DDR-Grenztruppen diese komplett abgeriegelt. Das war der Zeitpunkt, als die Menschen mit dem Bau der Tunnel begannen. „Wir krabbelten auf allen Vieren durch den Matsch, bis wir eine Leiter erreichten, die wir hochstiegen“, erinnert sich Anita Moeller. „Es dauerte eine Weile bis ich begriff, dass ich frei war ... und erst dann spürte ich dieses komplette innere Glücksgefühl.“

http://www.berliner-unterwelten.de/ (AP)

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