Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
05.10.2009
„Ohne Wein geht hier nichts“, merkte der in Nackenheim geborene waschechte „Rhoihesse“ Carl Zuckmayer an. Bei 26.200 Hektar Rebfläche, 2,3 Millionen Hektoliter Müller-Thurgau, Silvaner, Riesling, Dornfelder, Spätburgunder, Portugieser, Regent und 4.700 Betrieben dürfte der Name Weinhessen der Region zur Ehre gereichen. Dichter und Denker vergangener Jahrhunderte lobten ihre edlen Tropfen – Goethe hatte es der „Nierensteiner“ angetan -, die sie am liebsten unter schattigen Nussbäumen und Akazien tranken. Bauern- und Winzerhöfe öffnen ihre Gärten und Parks, feiern Hoffeste und offerieren Urlaub beim Winzer. „Kuhkapellen“, Kuhställe mit sakral anmutenden Kreuzgewölben, um 1840 erbaut, wurden zu schicken Weingewölben und laden ein zu himmlischen Kreszenzen, „Backeskartoffel“ und „Woihinkelsche“. Nicht in Rotwein wie der „Coq au vin“ badet das Hähnchen, sondern im Riesling. Große Namen und Ereignisse machten in Rheinhessen Weltgeschichte.
Größtes Weinbaugebiet Deutschlands und regenärmstes dazu, erstreckt sich Rheinhessen linksrheinisch zwischen Mainz, Bingen, Alzey und Worms, war bis 1945 eine Provinz des ehemaligen Freistaates Hessen-Darmstadt und ist seit 1968 Teil des Bundeslands Rheinland-Pfalz. Wer Ortsnamen auf die Endung „heim“ hört, kann davon ausgehen, dass sie in eben diesem Landstrich liegen: Nackenheim, Laubenheim, Ockenheim, Abenheim, Bermersheim. Dieses Kuriosum rührt aus der Zeit um 480, als die Franken das Land beherrschten. Sie haben auch den Baustil hinterlassen. Das fränkische Haus hat eine mit roten Dachpfannen gedeckte Toreinfahrt ähnlich den Torhäusern in Schleswig-Holstein. Wegen der hügeligen Landschaft nennt sich der südwestliche Teil mit dem 365 Meter hohen Petersberg Rheinhessische Schweiz.
Nierstein will gar „Riesling City“ sein. Bis Advent steht dort auf dem Marktplatz der mit bunten Bändern geschmückte Maibaum. Zum Roten Hang mit den Großlagen Auflangen und Rehbach und zu „Weck, Woscht un Wei“ fährt ein Traktor Gäste. Neben Brot, Wurst und einer Weinverkostung genießen sie einen sagenhaften Blick über gepflegte Rebberge auf Vater Rhein. Wurden Rotweine früher nur bei Ingelheim angebaut, haben sich der Nachfrage und des guten Gelingens wegen viele Winzer roten Rebsorten verschrieben. Hervor hebt sich neben Spätburgunder - der Legende nach ließ ihn Karl der Große anbauen -, Portugieser und Dornfelder der neue Regent, der pilzresistent nicht gespritzt werden muss.
Wer in eine Weingegend reist, will auch an der Quelle wohnen, also beim Winzer. Kein Problem, die schönsten Weingüter vermieten Zimmer und Ferienwohnungen.
Vorzüglich speisen kann man in sogenannten Kuhkapellen, Ställen, die der Maurermeister Franz Ostermayer aus dem pfälzischen Eisenberg um 1840 mit einem Steingewölbe baute, um der Brandgefahr vorzubeugen. Die Idee kam ihm, als er sah, wie man in den Refektorien säkularisierter Klöster Vieh hielt. Seit 100 Jahre später die Milch- der Weinwirtschaft wich, standen an die 200 solcher Gewölbeställe leer. Weit über 40 - vornehmlich Kreuzgewölbe - sind nun zu stilvollen Restaurants geworden. Ein Prospekt gibt Auskunft.
Überhaupt geizt Rheinhessen nicht mit Überraschungen, sieht man doch in Flonheim merkwürdige Bauten im Weinberg, nämlich apulische Trullis, Relikte von italienischen Gastarbeitern und einmalig in Deutschland.
Einen Kilometer lang ist der Kellerweg in Guntersblum, an dem sich über 100 Weinkeller befinden. Jedes Wochenende bis Oktober wechseln sich die Winzerhöfe ab mit einem „Hoffest“. Wer mitfeiern will, muss sich rechtzeitig anmelden, denn die Feste sind heiß begehrt.
Gegen einzelne Weinkeller tritt Oppenheim gleich mit einer ganzen unterirdischen Keller-Stadt an, die, teils fünfstöckig, bis ins Mittelalter zurückreicht. Bei Führungen ist sie zu besichtigen.
Neben Straßburger Münster und Kölner Dom gilt die Katharinenkirche, erbaut ab 1262, als eine der schönsten gotischen Kirchen am Rhein. Beachtenswert die Oppenheimer Rose, Michaeliskapelle und das Beinhaus, in dem sich Zigtausende Skelette aus der Zeit von 1400 bis 1750 stapeln.
Christine Moebus, studierte Önologin, ist eine der drei Siefersheimer „Kräuterhexen“, die mit ihrem Mann Michael eine Straußwirtschaft in einem 1841 erbauten Kreuzgewölbe führt. Auf zweistündigen Wanderungen entlang der 35 Millionen Jahre alten Siefersheimer Brandungsküste - ja, hier gab‘s mal Meer - zeigt sie Gästen, dass gegen jedes Wehwehchen ein Kraut gewachsen ist. Oder wussten Sie, dass Brennesselsamen Stress abbaut, die blau blühende Wegwarte, die auch Zichorie heißt und in Kriegszeiten der Kaffeeersatz „Muckefuck“ war, aufhellende Wirkung auf die Psyche hat, das wie Phlox blühende Seifenkraut hilfreich bei Akne sein kann und der Wegerich ein Erste-Hilfe-Mittel bei Stichwunden ist, das Gefleckte Schirlingskraut aber tödlich? Oder warum das Echte Labkraut im Jahre 743 zum Gegenstand eines Konzils in Rom wurde? Durch Erzbischof Bonifatius erhielt es die offizielle Zulassung als Fieberkraut. Zaubern können die Hexen auch, nämlich perfekte Wildkräutermenüs auf den Tisch.
Bei der vorzüglichen Gastronomie Rheinhessens von deftig bis fein sollte man sich gleich vor Ort die Kalorien wieder abstrampeln. Wo die Dampfrösser „Valentinche“ und „Annchen“ über 60 Jahre lang Dienst taten, verläuft heute ein Radweg und gibt schöne Ein- und Ausblicke.
Und lassen Sie Platz im Kofferraum für die flüssigen Souvenirs!
Info: Rheinhessen-Touristik,
55218 Ingelheim am Rhein, Tel. 00800 100 200 30
E-Mail: info@rheinhessen.info, www.rheinhessen.de
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